Russlands rigoroser Kampf gegen Sekten

Wer in Russland einer Sekte angehört, muss mit Verfolgung rechnen. Denn für den Staat gelten Sektenmitglieder als Extremisten.

Sekten
Scientology ist dank eines Tricks trotz Verbots immer noch in Russland aktiv. (Foto: AGN Moskau)

Für Dennis Christensen und viele Prozessbeobachter war das Urteil ein Schock. 2017 warf man dem Dänen, der seit 1995 in Russland lebt und für die Zeugen Jehovas aktiv ist, vor, die Tätigkeit einer verbotenen religiösen Vereinigung zu organisieren. Dafür sprach ihn ein Gericht im zentralrussischen Orjol vor einem Jahr schuldig und ordnete sechs Jahre Haft an. Dass Christensen verurteilt werden würde, war abzusehen. Die Härte des Urteils war für viele dennoch eine Überraschung. Der Däne wurde damit zum ersten Opfer des aktuellen Kampfes des russischen Staates gegen Sekten, der 2017 mit einer Verbotswelle seinen Anfang nahm.

Geistige Anführer abseits der offiziellen orthodoxen Kirche gab es in Russland immer wieder. Religiöse Sekten indes kamen erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Glaubensfreiheit auf. Schätzungen gehen von 300 bis 500 Sekten aus, die in Russland aktiv sind und ungefähr 800 000 Mitglieder haben. Warum so viele Menschen anfällig für verschiedene religiöse Bewegungen sind, ist nicht genau geklärt. Manche Beobachter versuchen die Neigung zu Sekten mit dem weitverbreiteten Aberglauben in Russland zu klären.

Religiöse Gruppen können sich nicht registrieren

Grundsätzlich gilt in Russland Religionsfreiheit. Staatlich anerkannt sind mit der Orthodoxie, dem Islam, dem Judentum und dem Buddhismus aber lediglich vier Religionen. „Religiöse Gruppen“ hingegen haben zwar das Recht, ihre Rituale auszuüben, können aber nicht registriert werden. In einem Interview mit „Radio Swoboda“ wies der Sekten-Experte Alexander Pantschenko auf ein weiteres Problem hin. In Russland sei gar nicht definiert, was eine Sekte ist, weder durch den Staat noch die orthodoxe Kirche.

Was eine Sekte sei, würde oft individuell ausgelegt, meint der Experte. So verwundert es kaum, dass Sektenanführer über einen langen Zeitraum nur selten strafrechtlich verfolgt wurden. So konnte sich etwa Andrej Popow, besser bekannt als „Gott Kusja“ jahrelang vor dem Gesetz drücken, obwohl ihn eine Anhängerin wegen Gewalt angezeigt hatte und bei ihm zu Hause große Mengen Bargeld gefunden wurden.

Auch Scientology konnte sich 2015 mit einem Kniff vor dem vollständigen Verbot in Russland retten. Während viele Ortsgruppen geschlossen wurden, machte man aus den Kirchen in Moskau und St. Petersburg offiziell Zentren und konnte so bis heute weiterarbeiten. Verboten werden sollte Scientology auch wegen der Nähe zu den USA. Die Repression seien ein Ausdruck des Antiamerikanismus, glaubt zumindest Pantschenko.

Zeugen Jehovas im Fokus

Schlimmer als Scientology traf es die Zeugen Jehovas, mit 170 000 Mitgliedern Russlands größte Sekte. Sie wurde 2017 wegen angeblichem Extremismus verboten. Eine Untersuchungskommission befand, dass die Schriften der Sekte Hass gegen andere Weltanschauungen schüre und deswegen extremistisch seien.

Es war ein Verbot, dem nicht einmal Präsident Wladimir Putin etwas abgewinnen konnte. Ende 2018 sprach er davon, dass man sich allen Religionen gegenüber gleich verhalten solle. Schließlich seien die Zeugen Jehovas auch Christen und es sei unverständlich, warum man sie verfolge. Dass die Zeugen Jehovas eine terroristische Vereinigung sein sollen, sei für ihn „vollkommener Schwachsinn“, so Putin weiter.

Das war kurz vor dem Urteil gegen Dennis Christensen. Nachdem das Gericht den Worten Putins nicht folgte, fragten böse Zungen, wer denn eigentlich die Macht im Staat besäße. An der Haftstrafe für den Missionar änderte dies aber nichts.

Kritik kommt auch aus dem Ausland

Kritik am Vorgehen der Behörden kommt auch zunehmend aus dem Ausland. Am 4. März bemängelte die Sonderberichterstatterin der UN für Menschenrechte Fionnuala Ní Aoláin in einem Bericht die unklare und großzügige Auslegung des Extremismus-Begriffes in Russland und sprach auch direkt die Zeugen Jehovas an. Denn der Fall Christensen war nur der Auftakt. Seit dem Verbot wurde nicht nur deren gesamtes Vermögen beschlagnahmt, sondern auch 313 Mitglieder der Bildung einer verbotenen religiösen Vereinigung verdächtigt und angeklagt. 35 von ihnen sitzen momentan im Gefängnis, 25 weitere in Hausarrest. 29 Zeugen Jehovas wurden bereits verurteilt.

Und die „Hexenjagd“, wie Internetnutzer die Aktionen des russischen Staates nennen, geht weiter. In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden bereits 70 Häuser von Anhängern der Zeugen Jehovas durchsucht.

Daniel Säwert

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