Russlands herausragende Deutsche: mit Berufung und Mission

In Moskau wurden traditionell am dritten Samstag im September die Ergebnisse des Wettbewerbs „Russlands herausragende Deutsche“ bekannt gegeben. Die 15. Preisverleihung fand im restaurierten Kulturpalast statt, der kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Mai 1945 erbaut wurde. Die Architektur des Gebäudes passte zum Pathos der Veranstaltung.

Die zweisprachige Zeremonie der Preisverleihung beginnt. (Foto: Stefnija Piptschenko)

Palast der Kulturen

An der Decke ist eine Szene aus dem Leben der Sowjetunion Ende der 1940er Jahre zu sehen. Hübsch gekleidete Menschen ehren die Helden des Sieges und die Arbeiter im Hinterland freuen sich über den friedlichen Himmel und lauschen lauschen den Liedern verschiedener Republiken. Die Preisverleihung des jährlichen Allrussischen Wettbewerbs „Russlands herausragende Deutsche“, die viele Jahre lang in Gebäuden aus dem 18. Jahrhundert stattfand, wird 2025 im Kulturpalast durchgeführt, der im Stil des Sozialistischen Klassizismus für die Freizeitgestaltung der Arbeiter einer Moskauer Fabrik erbaut wurde.

Die restaurierte Decke im Palast der Kulturen (Foto: AGN Moskwa)

Im Saal sind unter diesem Gemälde aus der Vergangenheit Gäste, Teilnehmer und Organisatoren der aktuellen Zeremonie zusammengekommen. Elegant gekleidet und zu Ehren derselben Helden des Sieges und der Arbeiter im Hinterland, aber auch der Menschen, die heute einen Beitrag zur Entwicklung von Wissenschaft, Kunst, Sport, Wirtschaft und Zivilgesellschaft in Russland leisten. Alle, die geehrt werden, verbindet die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gruppe – den Russlanddeutschen.

Kategorie „Name des Volkes“

Mindestens 11 ihrer Vertreter wurden für ihre Heldentaten im Großen Vaterländischen Krieg mit dem hohen Titel „Held der Sowjet­union“ ausgezeichnet. Im Jahr der Feierlichkeiten anlässlich des Jubiläums des Sieges werden zwei von ihnen – Robert Klein und Feodosij Ganus – bei der Preisverleihung mit einer literarisch-musikalischen Komposition gewürdigt. Bereits vor zehn Jahren wurden sie in der Kategorie „Name des Volkes“ ausgezeichnet.

Dieses Mal wird der Ehrentitel „Name des Volkes“ an einen der größten Pianisten des 20. Jahrhunderts, Swjatoslaw Richter, verliehen. Der Hauptpreis des Wettbewerbs – eine personalisierte Messingplatte mit galvanischer Vergoldung, die in den Werkstätten für dekorative und angewandte Kunst „LiK“ in Slatoust hergestellt wurde – wird an das Richter-Museum in Moskau übergeben.

Messingplatten frei Haus

Noch vor der Zeremonie im Kulturpalast wurde Irina Gensler, Gewinnerin des Victor-Klein-Preises in der Kategorie „Pädagogik“, ihre Messingplatte überreicht. Die herausragende sowjetische Ballerina und Lehrerin für charakteristischen Tanz an der Waganowa-Akademie für russisches Ballett konnte aufgrund ihres Alters nicht nach Moskau kommen – sie feierte kürzlich ihren 95. Geburtstag. Die Auszeichnung wurde ihr vom Rektor der Akademie, Nikolai Tsiskaridze, überreicht.

Im Videobericht: Der Rektor der Waganowa-Ballettakademie Nikolai Tsiskaridze bei der Übergabe der Messingplatte an Irina Gensler (Foto: Stefanija Piptschenko)

Nach der Vorführung eines Videoberichts erzählt Irina Genslers Enkel Michail: „Meine Großmutter war sehr gerührt. Wissen Sie, im Deutschen gibt es das Wort „der Beruf“. Im Mittelalter bedeutete es Berufung, vor allem zum religiösen Leben. Und für meine Großmutter war ihr Beruf genau das: eine Berufung. Sie widmete ihr Leben der Kunst, mit der Hingabe eines Mönchs. Wie sie sich trotz der Repressionen und Deportationen, von denen ihre Familie betroffen war, durchgesetzt hat, ist sehr deutsch.“

Auch Iwan Lohr konnte seine Auszeichnung nicht persönlich entgegennehmen – vor der Zeremonie erkrankte der Gewinner des Artur-Karl-Preises in der Kategorie „Öffentliches Engagement“. Er ist Politiker und Abgeordneter der Staatsduma. Die Gäste der Feier wurden daran erinnert, wie viel Iwan Lohr für die Deutschen seiner Heimatregion Altai getan hat, und wünschten ihm eine schnelle Genesung.

Sport, Kunst und Management

Am 20. September erhielten auch Wassili Wolf, Gewinner in der Kategorie „Sport“, bekannter Boxtrainer, Trainer der russischen Nationalmannschaft, und Marta Adt, Gewinnerin in der Kategorie „Kunst“, Künstlerin und Botschafterin des allrussischen Projekts „Kunst – im Leben und zu Hause“,  ihre Preise.

In der zusätzlichen Kategorie „Effektiver Leiter“ gewann Wladimir Chomutskij, Chef eines landwirtschaftlichen Betriebs in der Region Orenburg, die öffentliche Abstimmung auf dem Portal „RusDeutsch“. Am Festabend sagte der Landwirt stolz: „Unsere Familie versorgt Russland seit 200 Jahren mit Lebensmitteln. Mein Großvater Abram Bergen fuhr 1956 zu einer Landwirtschaftsausstellung nach Moskau, zum WDNch, wo er eine Goldmedaille erhielt. Wir Kinder fanden sie sehr toll. Ich hatte mir das nicht zum Ziel gesetzt, aber ich bin sieben Mal nach Moskau gefahren und habe dort sieben Gold- und drei Silbermedaillen für Gemüse aus der Region Orenburg gewonnen.“

Alle Beteiligten der Preisverleihung im Finale des Wettbewerbs „Russlands herausragende Deutsche“ (Foto: Stefanija Piptschenko)

In diesem Jahr feiert der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK) das 15-jährige Jubiläum des Wettbewerbs „Russlands herausragende Deutsche“ sowie des gesamten Programms „Avantgarde“, in dessen Rahmen die Elite der Russlanddeutschen unterstützt wird und der Wettbewerb stattfindet. Aus diesem Anlass wurden zwei Personen mit dem Preis „Für den Beitrag zur Entwicklung des Programms ‚Avantgarde‘“ ausgezeichnet: Lydia Knoll aus Petrosawodsk und Andrej Rotärmel aus Moskau. Lydia Knoll erhält ihn als künstlerische Leiterin des ethnografischen Ensembles „Volkskarussell“ für ihre Rekonstruktion historischer Volkstänze.

Andrej Rotärmel, Leiter des Stabes des stellvertretenden Leiters der Präsidialverwaltung der Russischen Föderation, wird als Cheftrainer der russischen Fußballnationalmannschaft der Russlanddeutschen „RusDeutsch“ ausgezeichnet. Durch den Sport bringt er russlanddeutsche Sportler zusammen und nimmt mit ihnen an interethnischen Fußballturnieren teil, wo er die ethnische Gruppe erfolgreich auf dem Spielfeld vertritt.

Olga Silantjewa

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