Russlands Automarkt zurück auf der Überholspur

Der Automobilmarkt musste 2020 weltweit kräftig Federn lassen. In Europa erlebte er sein schwächstes Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen 1990. Was wohl niemand erwartet hätte: Ausgerechnet Russland, der gebeutelte Hoffnungsträger von einst, kam noch relativ glimpflich davon. Das hat natürlich auch mit Corona zu tun.

Zehnspuriger Verkehr auf dem Moskauer Gartenring. In der Hauptstadt sind die Autos meist etwas größer und teurer als anderswo. (Foto: Tino Künzel)

„Russland überholt Deutschland“, schrieb der „Spiegel“ im Jahr 2008. „Russland überholt Deutschland“, schrieb das „Manager Magazin“ 2013. Anlass für die gleichlautenden Schlagzeilen waren jeweils Studien, die den russischen Automarkt auf dem besten Weg sahen, den deutschen in naher Zukunft von der Spitzenposition in Europa zu verdrängen.

Doch das Überholmanöver ist bekanntlich schiefgegangen. Beim ersten Mal geriet der russische Markt alsbald durch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise ins Schleudern, schien aber anschließend wieder in die Spur zu kommen. 2012 wurde mit 2,935 Millionen Neuwagenverkäufen der Rekord von 2008 (2,918 Millionen) geknackt, Deutschland mit damals 3,08 Millionen war in Reichweite. Danach setzte jedoch ein schleichender Abwärtstrend ein, der sich im Zuge der politischen Konfrontation mit dem Westen und dem Rubelverfall rasant beschleunigte. Innerhalb von nur vier Jahren halbierte sich der Absatz. Seitdem hat der Markt zwar wieder an Fahrt zugelegt, aber nicht mehr im davor gewohnten Tempo.

„Achterbahnfahrt“ endet mit gebremstem Fall

Ausgerechnet im oft als „Horrorjahr“ für die Autobranche betitelten 2020 hat Russland nun wieder etwas aufgeholt. Das Fahrzeughersteller-Komitee (AMC) in der Association of European Businesses (AEB) meldete im Vergleich zum Jahr davor einen Rückgang der Neuwagenverkäufe von 9,1 Prozent auf 1,6 Millionen. In normalen Zeiten müsste das als empfindlicher Rückschlag gelten, doch im Kontext von Corona hat sich Russland, das eigentlich als besonders volatiler Markt gilt, damit „gut geschlagen“, wie der AMC-Vorsitzende Thomas Stärtzel sagt. Der Deutsche spricht von einer „Achterbahnfahrt“ mit tiefroten Zahlen im Frühjahr und einem halbwegs versöhnlichen Herbst.

Neben Russland verzeichneten nur wenige andere Länder auf der Welt ein lediglich einstelliges Minus, darunter China. Die meisten schmierten in ganz andere Regionen ab. Europas größter Automarkt Deutschland, wo immerhin jede vierte Neuzulassung auf dem Kontinent getätigt wird, wurde mit minus 19,1 Prozent und 2,918 Millionen Neuzulassungen ausgebremst. Andere Schwergewichte wie Frankreich (–25,5%) und Großbritannien (–29,4%) kamen erst recht unter die Räder.

Jetzt auf Platz vier in Europa

Vor diesem Hintergrund hat Russland nun doch einen Überholvorgang erfolgreich abgeschlossen und sich zumindest an Italien vorbei auf Platz vier in Europa vorgeschoben. Experten führen als Hauptgründe dafür neben Stützungsmaßnahmen für die einheimische Industrie vor allem einen vergleichsweise kurzen oder weniger restriktiven Lockdown an. Auch der hohe Digitalisierungsgrad, beispielsweise bei der Ausstellung von Fahrzeugbriefen, habe sich positiv ausgewirkt.

Dass daraus ein dauerhafter Trend wird, ist jedoch eher nicht zu erwarten. Die Prognosen für den europäischen Automobilmarkt fallen jedenfalls deutlich optimistischer aus als für den russischen. Der Verband der Europäischen Automobilhersteller (ACEA) rechnet für das laufende Jahr mit etwa zehn Prozent Wachstum. Für Deutschland sagt der Branchenverband VDA ein Plus von acht Prozent voraus, Fortschritte bei der Bewältigung der Corona-Krise vorausgesetzt. Damit fiele Russland im Vergleich wieder zurück. Das AMC, in dem 26 Hersteller und 46 Marken vertreten sind, die 92 Prozent des russischen Neuwagenmarkts abdecken, geht von einer leichten Erholung aus und hat eine Jahresprognose abgegeben, die bei 2,1 Prozent liegt. Die Auftragsbücher seien „ganz gut gefüllt“, sagt Porsche-Russland-Chef Stärtzel.

Günstig ist dem Kunden teuer

Welche Erkenntnisse lassen sich aus der gegenwärtigen Verfassung des hiesigen Marktes noch ziehen? Das Zeug zum Massenmodell haben nur sehr günstige Autos. Selbst das preiswerteste Fahrzeug aus den Top 10 der Bestseller in Deutschland – der Opel Corsa – ist teurer als neun der zehn meistverkauften Pkw in Russland, mit Ausnahme des VW Tiguan. Gleichzeitig wächst wie anderswo auch der Anteil der SUV. Unter den Top 25 finden sich 13 Vertreter dieser Mischung aus Familienkutsche und Geländewagen.

Einige Statistiken zum russischen Automarkt, grafisch aufbereitet von der MDZ.

Auffällig auch: Die Chinesen sind im Kommen! In Deutschland bisher absolute Exoten, etablieren sich chinesische Marken in Russland so langsam im Vorderfeld. Haval (+41%), Geely (+61%) und Chery (+80%) verkaufen im Jahr bereits fünfstellige Stückzahlen und damit mehr als Volvo, Suzuki oder Peugeot. Darauf hat das Fahrzeughersteller-Komitee nun reagiert: Nach Chery wurde kürzlich auch Haval als Mitglied aufgenommen.

Tino Künzel

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