Erzählt doch keine Märchen

Die russischen Märchen sind weltberühmt. Doch sie stehen pädagogisch auf wackligen Füßen wie das Haus der Hexe Baba Jaga, war unlängst in der Staatsduma zu hören. Gegen diese Kritik muss man sie in Schutz nehmen.

Wenn Erwachsene in Russland schlecht mit Geld umgehen können, dann liegt das auch daran, dass sie mit Märchen aufgewachsen sind, deren Helden das Glück einfach in den Schoß fällt, ohne dass sie dafür tüchtig sein müssten. Mit dieser Aussage hat es der Vizechef der russischen Zentralbank, Sergej Schwezow, Mitte Januar in die Nachrichten geschafft. Bei einer Sitzung des Komitees für den Finanzmarkt in der Staatsduma sagte er: „Wir erzählen den Kindern vom goldenen Fischlein, vom Hecht. Schauen Sie: Der älteste Bruder arbeitet – und ist ein Dummkopf. Der mittlere Bruder arbeitet – und ist ein Dummkopf. Der Jüngste liegt nur auf der faulen Haut, dann fängt er einen Fisch – und alles wird gut.“ Schwezow hält das unter Erziehungsgesichtspunkten für völlig verfehlt. Man dürfe Kindern nicht beibringen, dass von nichts eben doch etwas kommt, das sei „sehr wichtig“.

Die genannten Märchen gehören zu den beliebtesten in der russischen Folklore. Doch das Leben ihrer Protagonisten ist gar nicht so leicht, wie sich Sergej Schwezow das vorstellt. Vielleicht hat er auch einfach nur vergessen, dass nicht alle Märchen, in denen die Helden über Nacht zu Wohlstand kommen, ein gutes Ende nehmen.

Das prächtig illustrierte Märchen „Wassilissa, die Wunderschöne“ in einer sowjetischen Ausgabe von 1982 mit Zeichnungen des russischen Künstlers Iwan Bilibin aus dem Jahr 1900.

Die populärste Fassung des Märchens vom goldenen Fischlein stammt aus der Feder von Alexander Puschkin. Sie wurde 1833 geschrieben und heißt „Märchen vom Fischer und dem Fische“. Die Handlung ist bis auf Kleinigkeiten identisch mit dem Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ der Brüder Grimm. Sie geht so: Es waren einmal ein Alter und seine Alte. Der Alte ging Fischen und die Alte spann Garn. Als der Alte wieder einmal im Meer fischte, geriet ihm ein goldenes, sprechendes Fischlein ins Netz. Mit menschlicher Stimme flehte es ihn an, wieder freigelassen zu werden, und versprach im Gegenzug, jeden beliebigen Wunsch zu erfüllen. Der Alte entließ den Fisch in die Freiheit, ohne um etwas zu bitten. Doch seine Frau war nicht so altruistisch wie er. Als er ohne Fang nach Hause kam und die wundersame Geschichte erzählte, schalt sie ihn und schickte ihn mit immer neuen Wünschen zurück zum Meer. Zunächst wollte sie einen neuen Waschtrog, dann ein Bauernhaus, bis sie schließlich  begehrte, hochadlige Dame und schließlich Zarin zu werden. Das alles ging in Erfüllung. Doch als die Fischersfrau auch noch Herrscherin der Meere zu werden wünschte, da verwandelte das Fischlein alles in den Ursprungszustand zurück: Der Alte und die Alte wohnten wieder in einer zerfallenen Hütte, und vor der Tür lag der kaputte Waschtrog.

Die Moral von der Geschicht: Wer nicht zu schätzen weiß, was er hat, der verliert am Ende womöglich alles. In die russische Sprache ist der Ausdruck „Mit einem kaputten Waschtrog zurückbleiben“ eingegangen, also mit leeren Händen dastehen. Wenn die Sprache auf das Märchen kommt, dann denken die meisten zuerst an den Trog und erst dann an das goldene Fischlein.

Das zweite märchenhafte Geschehen, von dem Schwezow sprach, dreht sich ebenfalls um einen Fisch. Diesmal ist es ein Hecht, der das Pech hat, gefangen zu werden. In „Auf des Hechtes Geheiß“ bequemt sich der junge Jemelja nur deshalb von der Ofenbank zum Wasserholen am Fluss, weil ihm damit gedroht wird, seine Brüder würden ihm sonst keine Geschenke vom Basar mitbringen. Er fängt einen Hecht, der ihm als Gegenleistung für seine Freilassung die Erfüllung aller Wünsche in Aussicht stellt. Dafür muss nur die Zauberformel „Auf des Hechtes Geheiß, nach meinem Willen sei’s“ vor sich hingesprochen werden. Gesagt, getan: Die Eimer laufen von selbst nach Hause, der Pferdeschlitten fährt ebenfalls von allein, wie auch die Axt selbstständig Holz hackt. Und das ist nur der Anfang. Jemelja lässt sich zum Zarenpalast chauffieren, ohne sich vom Ofen zu erheben, heiratet die Zarentochter und regiert am Ende das Zarenreich. Die Lektion fürs Nichtstun bleibt also aus. Allerdings muss gesagt werden, dass es die jüngsten Kinder in russischen Bauernfamilien traditionell am schwersten hatten: Sie bekamen weniger zu essen, besaßen kaum Chancen auf ein Erbe und mussten sich um häusliche Arbeiten kümmern, während die Erwachsenen auf dem Feld waren. Märchen halfen dabei, dieses Los leichter zu ertragen.

Die russische Folklore kennt viele solche Geschichten von einfachen Burschen, Iwan-Dummköpfen, die mit etwas Glück einen zauberhaften Gegenstand finden, woraufhin sich ihr Leben verändert. Meist handelt es sich um ein ungeliebtes Kind, das keiner für voll nimmt und das vom Schicksal für all seine Leiden entschädigt wird.

In manchen Märchen geht alles wie von Zauberhand, in anderen braucht es Schläue, um das gewünschte Resultat zu erreichen, so wie in „Grütze aus dem Beil“. Ein müder und hungriger Soldat kommt auf dem Weg nach Hause an einem Dorf vorbei. Er klopft an einer Tür, bittet um ein Mahl, doch die alte Hausbewohnerin will ihm nichts geben. Da greift er zu einer List und bereitet die Grütze angeblich aus einem Beil zu, wobei ihm die Alte mit allen Zutaten behilflich ist, ohne Verdacht zu schöpfen. Am Ende ist der Soldat nicht nur satt, sondern schnappt sich auch noch das Beil.

Für den Umgang mit Geld ist das nicht die schlechteste Parabel: Der Geizhals zieht den Kürzeren, während ein kluger Kopf immer sein Auskommen hat.

Ljubawa Winokurowa

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