„Wir haben eine großartige Zukunft vor uns, wenn …“

Seit fast dreieinhalb Jahren ist Hansjürgen Overstolz Präsident der Bosch-Gruppe in Russland. Ende Mai zog er auf der Jahrespressekonferenz für 2018 ein positives Fazit. Mit 1,2 Milliarden Euro blieb der Umsatz stabil auf Vorjahresniveau. Im Interview mit der MDZ spricht Overstolz über das Betriebsklima, seinen Traumjob und die Frage aller Fragen.

Herr Overstolz, 2018 bestand die Regionalorganisation Bosch Russland seit 25 Jahren. Welcher Fakt aus dem Jubiläumsjahr hat Sie besonders gefreut?

Ich würde zwei Dinge hervorheben. Das ist einmal die Eröffnung unseres BSH Flagship Stores mitten in der Stadt und sein toller Erfolg, der jede Erwartung übertroffen hat. Zweitens sind wir bei HeadHunter (Anm. d. Red.: eines der größten E-Recruiting-Portale der Welt) unter die Top 10 der besten Arbeitgeber Russlands gekommen. Darauf sind wir stolz.

Das eigene Bosch-Geschäft für Haushaltstechnik wurde vorigen Sommer am Zwetnoj Bulwar eingerichtet. Warum war das eine gute Idee?

Wir rücken damit näher an den Kunden. Er kommt nicht zu irgendeinem Händler, sondern zum Hersteller, wovon er sich noch besseren Service, noch bessere Beratung verspricht. Viele suchen sich im Internet etwas aus und kommen dann in den Laden, um es mal anzufassen und sich endgültig zu entscheiden. Zum Konzept gehört auch, dass da eine Wohlfühlatmosphäre herrscht, dass Emotionen geweckt werden und die Produkte in einer Umgebung zu sehen sind, wie man sie teilweise auch von zu Hause kennt. Man kann die Verbindung zum eigenen Heim viel leichter herstellen als in einem Laden, wo diese Maschinen einfach nur aufgereiht sind.

Ware aus erster Hand: Flagship Store am Zwetnoj Bulwar im Herzen von Moskau. © Tino Künzel

Die Russen haben im Allgemeinen eine sehr hohe Meinung von deutscher Qualitätsarbeit. Spüren Sie diese Wertschätzung?

Oh ja! Die spüren wir jeden Tag. Ich war letzte Woche in Krasnodar. Der Gouverneur hat erst mal zehn Minuten davon gesprochen, wie begeistert er auch persönlich von Bosch ist. Das wirkte überhaupt nicht aufgesetzt. Und das sagen auch Menschen, die das nicht sagen müssen.

Wie wichtig ist der russische Markt für Bosch im globalen Vergleich?

Wir befinden uns hier im größten Land der Erde. Allein schon wegen des Potenzials, das daraus erwächst, ist das ein sehr wichtiger Markt. Unser Engagement haben wir sogar in der Krise weiter ausgebaut und 2015 eine neue Fabrik in Samara eröffnet, wohl wissend, dass die Lage im Moment schwierig ist. Aber Bosch ist seit 1904 in Russland. Über diese Krise haben wir einfach schon hinweggeschaut.

Ist es im Hinblick auf die Arbeitskultur eine Umstellung, in Russland zu produzieren?

Die Menschen, die zu uns kommen und bei uns im Unternehmen arbeiten, sind hochmotiviert und sehr viel positiver eingestellt, als ich das teilweise bei Mitarbeitern in alteingesessenen Werken in Deutschland erlebt habe. Dort sind die wirtschaftlichen Verhältnisse insgesamt durchaus besser, aber die Stimmung ist es oft nicht. Hier schauen die Leute mit einer Begeisterung nach vorn, die mich immer wieder beeindruckt.

Wie erklären Sie sich das?

Das hat offenbar mit der Vergangenheit zu tun. Ich habe schon mehrfach gehört, dass man gesagt hat: Sie müssen wissen, wo wir herkommen. Zu den Wirren der postsowjetischen Anfänge will keiner zurück. Und diese Freude, dass das hinter Russland liegt und es ja eigentlich aufwärts geht, scheint mir im Moment noch der Treiber zu sein. Später müssen andere Treiber hinzukommen.


Bosch Russland

In einem für das Magazin „Forbes“ erstellten Ranking der 100 ausländischen Unternehmen mit dem besten Ruf in Russland (Russia RepTrak) belegt Bosch in diesem Jahr den dritten Platz.
https://www.forbes.ru/biznes-photogallery/375209-10-inostrannyh-kompaniy-s-luchshey-reputaciey-v-rossii

Bosch-Erzeugnisse kamen erstmals 1904 und damit nur 18 Jahre nach Firmengründung auf den russischen Markt. Heute hat das Unternehmen in Russland 3700 Mitarbeiter und betreibt sieben eigene Werke an drei Standorten in der Leningrader Oblast, der Oblast Samara und in Engels bei Saratow im ehemaligen Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen. Der Hauptsitz von Bosch Russland befindet sich im Moskauer Vorort Chimki.


Ist es ein Traumjob, Präsident von Bosch in Russland zu sein?

Wissen Sie, ich war nach der Wiedervereinigung vier Jahre lang bei der Treuhand, da haben wir die Integration der ostdeutschen in die westdeutsche Wirtschaft organisiert. Wenn ich auf mein Arbeitsleben blicke, dann stelle ich das immer nach ganz oben, weil es eine historische Dimension hatte. Dies hier ist ein Traumjob, weil ich über das rein Betriebswirtschaftliche hinaus gefordert bin und das Gefühl habe, auch einen gesellschaftspolitischen Beitrag leisten zu können. Wir verstehen uns und ich verstehe mich als Brückenbauer. Gerade wenn die politischen Spannungen so groß sind wie im Moment, dann ist es unsere Aufgabe, die Verbindungen aufrechtzuerhalten und nicht abreißen zu lassen.

Hansjürgen Overstolz auf der Jahrespressekonferenz in Moskau. © Tino Künzel

Haben Sie aus der Innenansicht heraus inzwischen einen ganz anderen Blick auf Russland gewonnen, als Sie ihn früher hatten?

Ja. Und nicht nur ich. Das war ja der große Nebeneffekt und eigentliche Erfolg dieser Fußball-Weltmeisterschaft. Tausendfach sind Ausländer nach Russland gekommen und haben festgestellt: Das ist ein ganz anderes Land, als es ihnen zu Hause serviert wurde. Ich weiß inzwischen, dass die Russen grundsätzlich sehr deutschfreundlich sind.

Woran machen Sie das fest?

An meinen unterschiedlichen Erfahrungen in Frankreich und Russland. Dabei ist für die europäische Achse die deutsch-französische Freundschaft eine ganz wichtige und das Verhältnis hat nach dem Krieg eine wunderbare Entwicklung genommen. Doch anders als in Russland passiert es mir irgendwo in der Bretagne, dass ich schief angeguckt und schlecht angesprochen werde, was ich denn als Deutscher an diesem Resistance-Denkmal verloren hätte.

Ich habe diese Frage mal mit dem Vorsitzenden der deutsch-russischen Parlamentariergruppe in der Staatsduma diskutiert. Der sagte mir, dass die Russen den Deutschen mit viel Wohlwollen, mit Freundschaft und Vertrauen gegenüberstünden, was aber so von deutscher Seite nicht erwidert werde. Das hat auch damit zu tun, dass der Zweite Weltkrieg unterschiedliche Erfahrungen hinterlassen hat.

In Deutschland gibt es bis heute einen tiefsitzenden, letzten Vorbehalt. Gerade erst erlebt: Ich sitze bei einem Abendbuffet, ein kleiner A-Cappella-Chor tritt auf und beginnt seine erste Ansprache ins Mikro mit den Worten: „Die Russen sind da.“ Die gesamte Festgesellschaft lacht. Da wird genau mit diesen tiefsitzenden Vorbehalten gespielt. Die Deutschen legen den Krieg nicht ab, sie haben immer noch Angst vor den Russen – obwohl es Deutschland war, das die Sowjetunion überfallen hat.

Und Russland?

Ich war neulich in dem würdevollen Museum des Großen Vaterländischen Krieges. Da wird in der gesamten Darstellung des Krieges immer von den Nazis gesprochen, nicht den Deutschen. Die gemeinsame Geschichte von Russland und Deutschland, die historisch gewachsenen Beziehungen zwischen den Herrscherhäusern, bis hinein in die Gesellschaft, das ist alles so groß und manifest, dass es auch vom Krieg nicht erschüttert werden konnte. Das Militärische spielt eine Rolle dabei, wie man sich in der Welt aufstellt und wie man wehrhaft bleiben will, aber nicht für das Verhältnis zu den Deutschen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Jetzt haben Sie mir gar nicht die Frage aller Fragen gestellt.

Welche wäre das denn?

Was muss passieren, damit das belastete Verhältnis sich auflöst und wir wieder zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit zurückfinden?

Und wie fällt Ihre Antwort darauf aus?

Meiner Meinung nach bedarf es dafür eines offeneren Umgangs auf Augenhöhe. Stattdessen stellt sich bisher jede Seite im Zweifelsfall auf einen Sockel und guckt auf den anderen herunter.

Die eine Seite sagt: Was interessieren uns internationale Verträge, wenn ihr die auch nicht einhaltet? Wenn ihr bei Rot über die Ampel fahrt, machen wir das auch. Wir verfügen über ein Achtel der bewohnbaren Landmasse der Erde und verteidigen die seit 800 Jahren. Wir haben fast die Hälfte der Rohstoffe dieser Welt. Und ob wir einen Landesteil von der linken in die rechte Tasche schieben, das geht euch gar nichts an.

Umgekehrt heißt es: Ihr verletzt die internationalen Normen, habt überwiegend Militär und Staatswirtschaft, großen Reform- und demokratischen Nachholbedarf und nur ein Bruttosozialprodukt in der Größenordnung von Italien, also macht mal halblang. Eine Regionalmacht, wie ein Friedensnobelpreisträger gesagt hat (Anm. d. Red.: gemeint ist der frühere US-Präsident Barack Obama), was natürlich die schlimmste Beleidigung war.

Wenn man so miteinander redet, wird das nichts. Unsere beiden Länder müssen sich wertschätzend auf Augenhöhe begegnen und restliche Vorbehalte abbauen, vor allem die deutsche Seite – hier sind sie nämlich gar nicht so vorhanden. Wenn wir das schaffen, dann haben wir eine großartige Zukunft vor uns.

Das Interview führte Tino Künzel.

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