Per Kredit zur sozialen Explosion

Sie haben von Jahr zu Jahr weniger Einkommen und sind auf geliehenes Geld angewiesen: Millionen russischer Arbeitnehmer hangeln sich eher schlecht als recht mit Bankdarlehen von Monat zu Monat. Experten kritisieren die Praxis der Geldhäuser und warnen vor nur schwer zu kontrollierenden Folgen.

Besorgt: Der russische Wirtschaftsminister Maxim Oreschkin warnt vor einer Kreditschwemme und einer Überschuldung vieler Schlechtverdiener. /Foto; kremlin.ru

Vor zwei Jahren sank es um 1,7 Prozent, im vergangenen Jahr nur um 0,2 Prozentpunkte und in der ersten Hälfte dieses Jahres dann wieder um 1,3 Prozent: Das real verfügbare Einkommen der Russen ist ein weiteres Mal geschrumpft. Dies meldet die staatliche Statistikbehörde Rosstat in einem Bericht von Ende Juli. Nach einer kurzen Verschnaufpause setzt sich damit eine Entwicklung fort, die bereits seit dem Jahr 2014 anhält. Es handele sich mittlerweile um den am längsten anhaltenden Sinkflug der Einkommen in der neueren russischen Geschichte, kommentiert das Nachrichtenportal lenta.ru.

Bedürftige greifen zu Krediten

Um unter diesen Bedingungen auch nur halbwegs über die Runden zu kommen, sind viele Russen gezwungen, auf Darlehen von Banken zurückgreifen. „Am häufigsten nehmen Bürger mit einem niedrigen Einkommensniveau Kredite auf“, erläutert Anton Pokatowitsch, Chef-Analyst des Finanzdienstleisters „BKS“ im Gespräch mit der Tageszeitung Iswestija. Besonders verbreitet sind Mikrokredite mit kurzen Laufzeiten und Sofortauszahlungen. Für die Schuldner seien diese Darlehen in vielen Fällen das letzte verfügbare Instrument, um überhaupt noch an Geld für Nahrung oder Miete zu kommen.

Allerdings verschaffen die Kleinkredite den Schlechtverdienern in den meisten Fällen nur eine kurzzeitige Verschnaufpause. Denn die anfallenden Raten sorgen dafür, dass den Schuldnern von ihren ohnehin niedrigen Einkommen noch weniger Geld zum Leben bleibt. So müssen beispielsweise Russen mit einem durchschnittlichen Budget von umgerechnet rund 700 Euro – mit sieben Millionen Menschen sind das immerhin zehn Prozent der russischen Kreditnehmer – mehr als die Hälfte ihres Einkommens für die Tilgung aufwenden.

Leben am Existenzminimum

In der Folge müssten sich die Betroffenen beispielsweise bei Kleidung und Nahrung nur auf das absolut Notwendige beschränken. Etwa 2,3 Millionen Schuldnern bleibe zum Leben nicht mehr als das Existenzminimum, zitiert die „Iswestija“ aus einer Untersuchung der nationalen Assoziation der Inkasso-Agenturen Napka. Insgesamt zehn Prozent der Kreditnehmer lebten an der Grenze zur Armut oder seien von ihr bedroht.
Um anfallende Kosten im Alltag zu bestreiten, müssen einkommensschwache Russen meist zu neuen Darlehen greifen – und verschulden sich so immer mehr.

Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres haben russische Banken Kredite in Höhe von umgerechnet fast 228 Milliarden Euro an Privathaushalte vergeben. Dies entspreche einem Zuwachs von rund 23 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, rechnet die „Iswestija“ vor.
Elf Monatsgehälter benötigt ein russischer Kreditnehmer im Durchschnitt, um seine Schulden abzustottern. In Regionen mit wenig Arbeit und niedrigen Einkommen brauchen die Schuldner dementsprechend länger. So müssen Kreditnehmer in der Republik Tuwa an der mongolischen Grenze 124 Monatsgehälter zahlen, um ihre Schulden zu tilgen.

Darlehen vergrößern Probleme

Nicht nur Analysten und Finanz­experten zeigen sich von der Praxis der Kreditvergabe beunruhigt. Auch die russische Regierung hat das Problem erkannt. Jedes neue Darlehen multizipliere das Problem und vergrößere die Summe der Schulden, warnte jüngst der russische Wirtschaftsminister Maxim Oreschkin in einem Interview mit dem Radiosender „Echo Moskau“. Werde an der Praxis festgehalten, drohe im Jahr 2021 eine „Explosion“, prognostizierte der Politiker in dem Gespräch von Ende Juli.

Der Grund für die pessimistische Voraussage: Die Banken würden in spätestens zwei Jahren die Kreditvergabe wegen der Schulden der Bürger drastisch einschränken. In der Folge könnten diese ihre Kredite nicht mehr bedienen. Schwerwiegende soziale Probleme kämen auf Russland zu. Die Lösung des Problems dürfe daher nicht weiter in die Zukunft verschoben werden, appellierte der Minister. Regierung und Zentralbank arbeiteten bereits an Reformen. Diese seien aber noch nicht spruchreif.

Zentralbank kämpft gegen Kreditschwemme

Um das ungebremste Tempo der Vergabe von Kleinkrediten zu verlangsamen, unternimmt die russische Zentralbank bereits regelmäßig Schritte. So treten in diesem Herbst mehrere entsprechende Regelungen in Kraft. Ab Oktober müssen die Institute beispielsweise bei der Vergabe neuer Kredite einen Koeffizienten der Schuldenbelastung ihrer Klienten berechnen. Überschreitet dieser einen kritischen Wert, bekommen die Geldhäuser von der Zentralbank eine höhere Risikobewertung verpasst. Um diesen Schritt zu vermeiden, würden die Banken sich bei der Vergabe schlechter Kredite mit hohen Zinsraten und kurzen Laufzeiten an Geringverdiener zurückhalten, so die Hoffnung von Zentralbankschefin Elwira Nabiullina.


Nach Meinung von Experten sind die Schritte der Zentralbank allein jedoch nicht ausreichend, um die Praxis der massenhaften Kreditvergaben einzuschränken. Für wirkliche Änderungen müsse das Problem an der Wurzel gepackt werden – und die Einkommenssituation der Bevölkerung verändert werden. Dafür müsse der Staat die Binnennachfrage ankurbeln, die Gehälter erhöhen, das Kleinunternehmertum unterstützen und Sozialprogramme für Bedürftige auflegen.

Birger Schütz

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