Öffentlicher Nahverkehr mit Mehrwert

Öffentliche Verkehrsmittel sind in der Regel ein Mittel zum Zweck. Sie bringen Einheimische zur Arbeit, zum Einkaufen oder nach Hause und Touristen zu Sehenswürdigkeiten. Aber manchmal sind sie selbst eine Sehenswürdigkeit. MDZ-Autorin Maria Bolschakowa stellt fünf Fahrzeuge aus fünf Regionen Russlands vor, die für die einen Alltag sind und für die anderen ein Abenteuer – zu Wasser, zu Land und in der Luft.

Seilbahn in Nischnij Nowgorod

Technik, die begeistert: Die Seilbahn in Nischnij Nowogord ist ein Star des öffentlichen Nahverkehrs. (Foto: Tino Künzel)

In der Schlange vor der Seilbahn, die zwischen der Millionenstadt Nischnij Nowgorod und dem viel kleineren Bor auf der anderen Seite der Wolga verkehrt, stehen nicht nur Besucher, sondern vor allem Einheimische. Lange warten muss man nicht. Und auch die Fahrt dauert nur zwölf Minuten. Der Nahverkehrszug braucht dagegen von einer Stadt in die andere 40 Minuten. Mit dem Bus kann es je nach Tageszeit und Staus auch mal eine Stunde sein. Während also für Schaulustige die herrliche Aussicht auf die Altstadt und auf Mütterchen Wolga für die Seilbahn spricht, ist es für Pendler die Zeitersparnis. Eine Fahrt kostet 100 Rubel (ca. 1,20 Euro), Vielfahrer können den Preis mit einem Abo-System drücken. Bei zehn Fahrten sinkt er auf je 82 Rubel, bei zwanzig auf 78 Rubel.     

Die Seilbahn wurde 2012 in Betrieb genommen. Eine ihrer Besonderheiten: Die maximale Spannweite zwischen zwei Stützen beträgt – direkt über der Wolga – mehr als 800 Meter. Das ist russischer Rekord. Auf diesem Abschnitt lassen sich die schönsten Fotos schießen, es sei denn, man hat Höhenangst und ist dafür viel zu aufgeregt. Der höchste Punkt der Seilbahn befindet sich auf einer Höhe von 83 Metern, was nahezu einem 25-stöckigen Haus entspricht. Ein Geheimtipp: Unvergleichliche Eindrücke verspricht eine Fahrt während des Sonnenuntergangs, zumal Nischnij Nowgorod auch als „Hauptstadt der Sonnenuntergänge“ gilt.

Bummelzug am Baikalsee

Sehr gemächlich: Vorortzug am Baikalsee (Foto: Jewgenij Kisslizyn)

Es ist die vielleicht schönste Bahnstrecke Russlands, die sich auf 90 Kilometern am Südwestufer des Baikalsees entlangschlängelt – auf der einen Seite Felsen, auf der anderen das Wasser. Gebaut von 1899 bis 1905 als Teilstück der Transsibirischen Eisenbahn, verlor sie Mitte des 20. Jahrhunderts ihre Bedeutung für den Fernverkehr. Denn für den wurden vor Irkutsk neue Gleise durch das Hinterland verlegt, geradliniger und schneller, aber ohne Logenblick auf den Baikal. Auf der sogenannten Baikalbahn herrscht heute nur wenig Verkehr. Manche legen den eingleisigen Abschnitt zwischen den Stationen Baikal und Sljudjan­ka zu Fuß zurück, bewundern dabei die Schönheit der Landschaft und die Architektur der fast 40 Bahntunnel.

Befahren wird die Strecke aber auch weiterhin. Ausflügler können Tagestouren mit Touristenzügen buchen. Abfahrt und Ankunft sind jeweils in Irkutsk. Die Kosten belaufen sich auf etwa 6000 Rubel (rund 70 Euro). Entweder auf dem Hin- oder Rückweg sind eine Fährüberfahrt und der Bus zwischen Irkutsk und dem Baikalsee inbegriffen.

Wer auf das Gesamtpaket verzichten kann und sich mit einem regulären Vorortzug zufriedengibt, der zahlt zwischen Baikal und Sljudjanka nur 163 Rubel, weniger als zwei Euro. Denn viermal pro Woche wird die Strecke auch im Linienverkehr bedient. „Elektritschka“ sagt man in Russland zu solchen Zügen, nur ist die Baikalbahn nicht elektrifiziert. Stattdessen zieht eine Diesellok einen gewöhnlichen Dritte-Klasse-Liegewagen, im Sommer auch zwei. In östlicher Richtung ist der Zug mit der Nummer 6201 über fünf Stunden (!) unterwegs, in westlicher eine Stunde weniger, allerdings nachts.

An zwei Dutzend Haltestellen legt er Stopps ein, die auch mal mehr als zehn Minuten dauern, aber meist nur zum Aus- und Einsteigen reichen. In diesem Jahr wurde zum selben Preis zusätzlich der Dieseltriebzug „Nerpotschka“ (Nummer 6801) eingeführt. Er verkehrt täglich, hat aber eher Urlauber im Blick.

Fähre in Tutajew

Die Fähre in Tutajew fährt von Wolgastrand zu Wolgastrand. (Foto: Nadeschda Taranowa)

In der Stadt Tutajew bei Jaros­lawl leben knapp 40.000 Menschen. Das allein wäre nichts Besonderes, aber Tutajew ist eine Stadt an zwei Wolgaufern – und ohne eine Brücke dazwischen. In Internetforen der Einwohner liest man Sätze wie diesen: „Am linken Ufer war ich schon seit acht Jahren nicht mehr.“

In der warmen Jahreszeit können Einheimische und Besucher mit der Fähre „Boris Kustodijew“ auf die andere Seite gelangen. Dabei handelt es sich um ein klassisches Ausflugsboot, 1954 in Moskau gebaut und bis vor wenigen Jahren noch in Nischnij Nowgorod im Einsatz. Nun befördert es unter neuem Namen – der Maler Boris Kustodijew schuf einige seiner berühmtesten Bilder in Tutajew, das damals noch Romanow-Borissoglebsk hieß – bis zu 50 Passagiere im Stundentakt hin und her. Erwachsene zahlen dafür 35 Rubel (etwa 0,40 Euro). Der Blick auf Kirchen und kleine Holzhäuser am Ufer ist eigentlich unbezahlbar. Gerade jetzt im Herbst mit all seinen Farben ähnelt das Panorama den Werken großer russischer Maler.

Wer es eilig hat, der kann in Tutajew auch mit privaten Fährmännern übersetzen. (Foto: Tino Künzel)

Die Fährsaison dauert in der Regel von April bis November. Bei entsprechendem Frost kann die Wolga im Winter auf dem Eis überquert werden. In der Übergangszeit im Frühjahr und Herbst sind die Menschen auf die nächstgelegene Brücke in Jaroslawl angewiesen  – das macht anderthalb Stunden Busfahrt von einem Stadtteil zum anderen statt 15  Minuten mit der Fähre. Autofahrer haben mittlerweile ganzjährig keine Wahl: Die bis zum vorigen Jahr verkehrende Autofähre SP-44 wurde eingestellt. Dafür haben die Behörden kühne Pläne: Bis 2025 soll eine Seilbahn gebaut werden und dann auch mehr Touristen in das Städtchen locken.

Standseilbahn in Wladiwostok

Altes Eisen: Standseilbahn in Wladiwostok (Foto: VK/Roman Fedotow)

Wladiwostok wird wegen seiner Lage am Pazifik und seines Reliefs oft mit San Francisco verglichen. Dasselbe gilt auch für seine Standseilbahn und die berühmten Cable Cars. Die Idee soll Nikita Chrusch­tschow von einem Staatsbesuch in den USA 1959 mitgebracht haben. Eröffnet wurde die Standseilbahn 1962. In anderthalb Minuten Fahrtzeit und zum Fahrpreis von nur 20 Rubel (0,23 Euro) überwindet sie einen Höhenunterschied von 70 Metern zwischen der Puschkin- und der Suchanow-Straße. Anders ausgedrückt sind das 368 Stufen. Auf die Treppe müssen die Fahrgäste ausweichen, wenn die beiden Wagen mal defekt sind. 

Metrotram in Wolgograd

Tiefer gelegt: U-Straßenbahn in Wolgograd (Foto: WelcomeVolgograd.com)

Hätte Wolgograd Anfang der 1980er Jahre schon so viele Einwohner gehabt wie heute, nämlich mehr als eine Million, wäre in der Stadt wohl eine vollwertige Metro gebaut worden. Die Millionenschwelle galt zu Sowjetzeiten als Bedingung dafür. Doch weil einige Zehntausend Menschen zu dieser Marke fehlten, bekam die Stadt an der Wolga eine Light-Variante: sieben unterirdische Stationen auf einer Straßenbahnlinie. Das sorgt für eine schnellere Fahrt durch das verkehrsreiche Zentrum.

Heute verbindet die Linie fünf von acht Stadtbezirken. So kommt man unter anderem zur Kriegsgedenkstätte auf dem Mamajew-Hügel. In den U-Bahn-Stationen mit ihrem gedämpftem Licht und ihrem Granit darf man sich an Moskau oder St. Petersburg erinnert fühlen. Eine Fahrt kostet 25 Rubel, etwa 0,30 Euro.

Maria Bolschakowa

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