Nikolskaja-Straße: Fußballparadies auf Zeit

Sie ist beliebter als das offizielle FIFA-Fan-Fest: Doch wie wurde aus einer Seitenstraße des Roten Platzes ein Magnet für Fußballbegeisterte aus aller Welt?

So sah die Nikolskaja-Straße in den 1960er Jahren aus: weniger Fußgänger, mehr Autoverkehr. /Foto: RIA Novosti.

Seit dem Beginn der Fußballweltmeisterschaft erschallen euphorische Fangesänge in der Straße, die von der Lubjanka bis zum Roten Platz reicht: die Nikolskaja-Straße. In den ersten zwei Tagen war der Zugang zum Vorplatz des Kremls gesperrt und so ließen sich die Fans in der angrenzenden Nikolskaja nieder, wo sich Restaurants und Bars aneinanderreihen. Auch als der Durchgang zum Roten Platz wieder geöffnet wurde, blieben die Fans. Deshalb wehen seitdem unzählige Flaggen aller Nationen von den Fassaden und Zäunen der Straße.

Mit solch stimmungsgeladener Atmosphäre kann nicht einmal das Fifa-Fan-Festival auf den Sperlingsbergen mithalten. Die „Straße der Lichter“, wie sie bei den internationalen Besuchern genannt wird, hat mittlerweile einen eigenen Hashtag bei Instagram. Unter #streetoflights erscheinen unzählige Selfies auf denen sich feierwütige Fußballfans vor den Lichterketten der Nikolskaja fotografieren.

Berühmtheit spricht sich rum

Die neue Berühmtheit hat die „Straße der Lichter“ erst seit dem 14. Juni erlangt. Vor der Weltmeisterschaft ging es in der Nikolskaja, auf der seit 2013 keine Autos mehr fahren dürfen, ruhig zu. Pärchen spazierten zwischen den historischen Bauten auf und ab, während sich das ältere Publikum auf den massiven Bänken vor den kleinen Cafés bei einem Plausch ausruhte.

Umrahmt wird die ehemalige Straße des 25. Oktobers unter anderem vom Edel-Warenhaus GUM und der sich gegenüber befindenden Kasaner Kathedrale, die in der Sowjetunion zerstört und 1993 wiederaufgebaut wurde. Vor deren Türen hat sich das letzte Mal wohl während der Oktoberrevolution solch eine Menge versammelt.

Auch Alex aus Deutschland hat ein Ziel: die berühmt gewordene Fußball-Fan-Meile. Der russlanddeutsche Student hat die weiß-blaurote Flagge um die Hüfte gebunden und trägt das Trainingsshirt der russischen Sbornaja. „Ich laufe einfach den anderen Fans hinterher, dann komme ich bestimmt zur Nikolskaja“, freut sich der 26-Jährige. Dass die Party der WM auf der Straße neben dem Roten Platz ist, weiß er von einem Kollegen, der in Moskau wohnt, erklärt der Fußballfan.

Auch ein Paar aus Brasilien, das sich mit gelb-grünen Hüten kostümiert hat, steuert auf die Fußballmeile zu. Aus dem Internet hätten die Gäste aus São Paulo erfahren, dass auf der Nikolskaja am meisten los sei.

Satte Gewinne

Doch wie kommt es, dass ausgerechnet die ruhige Flaniermeile neben dem Roten Platz zum Treffpunkt der niemals müde werdenden Fußballfans geworden ist? Einer der sehr ernst schauenden Polizisten, die auf der Fan-Straße Spalier stehen, erklärt das Phänomen: „Die Nikolskaja ist nicht zufällig zum Anlaufpunkt der Fans geworden, die Straße ist vorher von der Regierung als geeigneter Ort zur Kontrolle der Massen ausgesucht worden.“

Je mehr Menschen auf die Nikolskaja drängen, desto härter greifen die Gesetzeshüter durch. Wenn es ihnen zu bunt wird, schieben sie Absperrgitter vor die vier Eingänge, dann wird kein Fan mehr auf die Partymeile gelassen. Nur ein Ausgang bleibt offen, den die Beamten überwachen, dabei machen sie keine Ausnahmen. Seit dem drittenWM-Wochenende stehen außerdem Metalldetektoren an den Zugängen zur Nikolskaja, um Taschen und Personen auf gefährliche Gegenstände hin zu überprüfen.

Tagsüber geht es etwas ruhiger zu, trotzdem tanzen und singen die Fans aus aller Welt und verfolgen jedes Spiel live. Alle Augen sind dann auf die Bildschirme der Cafés gerichtet, zu denen sie neben den Mattscheiben auch das spottbillige 0,5 Bier für nur 100 Rubel lockt. Viele der Gastronomen haben für die Zeit der WM rund um die Uhr geöffnet, um Fans zu versorgen. „Wir haben doppelte Einnahmen und bedauern schon jetzt das baldige Ende der lukrativen Zeit“, gesteht Michail Gontscharow, dem das Fastfood-Restaurant Teremok auf der Nikolskaja gehört.

Kim Hornickel

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