„Nicht alle unsere Hoffnungen haben sich erfüllt“

Als sich in Deutschland die Wiedervereinigung abzeichnete, begann für Andrej Dronow im sowjetischen Außenministerium eine intensive Zeit. Im MDZ-Interview spricht der russische Generalkonsul in Leipzig über das Jahr 1990 und das Deutschland von heute.

Andrej Dronow in seinem Arbeitszimmer im Leipziger Konsulat (Foto: MID Rossii)

Herr Dronow, gehen wir einen Schritt zurück. Wo waren Sie, als die Berliner Mauer fiel?
Ich bin kurz zuvor aus dem Generalkonsulat in San Francisco zurückgekehrt und habe in der Abteilung USA und Kanada des Außenministeriums gearbeitet. Zu dieser Zeit passierte sehr viel, das weltweite politische und wirtschaftliche Auswirkungen hatte. In der Sowjetunion lief gerade die Perestroika. Die Menschen in der Sowjetunion nahmen deswegen alles auf eine neue und andere Art wahr. Sie haben die Welt und das eigene Land mit anderen Augen betrachtet.

Man hatte das Gefühl, dass nicht nur bei uns, sondern auch in Europa eine Epoche großer Umbrüche begann. Und damit waren sehr viele Hoffnungen verbunden. Ich denke, dass wir aus dieser Sicht den Prozess der Wiedervereinigung von BRD und DDR wahrgenommen haben. Zu der Zeit war es das wichtigste politische, wirtschaftliche und soziale Ereignis in Europa.

Ich glaube, dass alle Menschen in der Sowjetunion mit dem Fall der Berliner Mauer auf eine neue Atmosphäre in Europa gehofft haben, auf eine Atmosphäre des Vertrauens, der Freundschaft und der Freiheit.

Haben Sie gedacht, dass die Wiedervereinigung solch einen Einfluss auf die Sowjetunion haben könnte?
Wir hatten ja beruflich mit dieser Frage zu tun, deswegen war es uns schon klar. Wir wussten, dass sich das Ereignis nicht nur auf die Sowjetunion auswirkt, sondern auch auf die Architektur der euro-atlantischen Sicherheitsordnung. Unser Wunsch war es, die Architektur mit diesen Veränderungen zu stärken. Sie sollte stabil und vorhersagbar werden, ohne eine Reihe konfrontativer Momente, die damals da waren. Es gab Möglichkeiten, die wir gemeinsam mit den Partnern aus den USA, Großbritannien und Frankreich besprochen haben. Die Zeit hat aber gezeigt, dass diese Chance vertan wurde. Statt eines einheitlichen Europas sehen wir heute einen tief gespaltenen Kontinent.

Noch einmal zurück in die Wendezeit. Damals muss es sehr hektisch im Außenministerium zugegangen sein. Was haben Sie von all dem mitbekommen?
Ich kann Ihnen versichern, dass das Außenministerium zu dieser Zeit rund um die Uhr gearbeitet hat. Wir haben das Haus teilweise um vier Uhr morgens verlassen und waren gegen acht oder neun wieder auf unserem Posten. Der Großteil der Arbeit fiel natürlich auf die Kollegen in der Deutschland-Abteilung. Da das Ereignis aber globale Auswirkungen hatte, waren viele Abteilungen involviert. Der erste Schritt geschah ja bereits mit dem Besuch Helmut Kohls in Moskau 1988. Wir haben dann viele Gespräche mit den Siegermächten geführt. Ich kann Ihnen versichern, dass es nicht einfach war, Magaret Thatcher und François Mitterrand von der Wiedervereinigung zu überzeugen.

Im Vorfeld des Jubiläums habe ich mit vielen Personen gesprochen und niemand zweifelt daran, dass die Sowjetunion die Schlüsselrolle bei der Wiedervereinigung gespielt hat. Ohne die konstruktive Haltung der sowjetischen Führung wäre alles ganz anders verlaufen. Nicht zufällig wurde der Zwei-plus-Vier-Vertrag im September 1990 in Moskau unterzeichnet.

Haben Sie am Tag der Vertragsunterzeichnung eine Flasche Sekt geöffnet?
Nein, das haben wir den Kollegen in der Deutschland-Abteilung überlassen. (lacht). Wir haben keinen Sekt geöffnet, weil wir die Folgen noch nicht absehen konnten. Es gab Sorge, aber auch Hoffnung.

Aus der Sicht sowjetischer Diplomaten war die Deutsche Einheit also ein Erfolg?
So einfach kann man das nicht sagen. Für die Deutschen war es sicher gut, schließlich wurden die Menschen vereint und konnten ihren Willen durchsetzen. Nicht alle unsere Hoffnungen haben sich erfüllt. Aber meiner Meinung nach durfte man den Prozess nicht aufhalten. Ich glaube, dass das Verdienst der sowjetischen Führung darin liegt, dass sie keine militärische Einmischung zugelassen hat. Trotz der vielen sowjetischen Soldaten hat man Deutschland seinen Weg gehen lassen. Das war eine sehr weise Entscheidung.

Wie hat sich Ihre Wahrnehmung der Deutschen in den vergangenen 30 Jahren verändert?
So gut wie gar nicht. Trotz des schrecklichsten Krieges der Geschichte waren die Menschen in der Sowjetunion niemals feindlich eingestellt. Und das auch noch 30 Jahre später. Deutsche sind für uns Partner, in der Wirtschaft und in der Wissenschaft. Ich bin beispielsweise ein großer Fan des deutschen Fußballs. Ich glaube, dass die aktuellen Probleme temporär sind und wir wieder zu einem normalen Verhältnis zurückkehren.

Wie wurden Sie bei Ihrem Amtsantritt 2017 in Leipzig empfangen?
Sehr gut, mit solch einem warmen Empfang hatte ich nicht gerechnet. Das betrifft die Ministerpräsidenten von Sachsen und Thüringen, die zu unserem Konsularbezirk gehören, genauso wie die Bürgermeister vieler Städte. Aber auch die einfachen Menschen haben mich so herzlich aufgenommen, dass ich mich wie zuhause fühle. Wir konnten auf vielen Ebenen Projekte anstoßen. Nur im wirtschaftlichen Bereich hakt es. Dass liegt aber nicht an den Menschen, sondern an den Sanktionen. Ich glaube fest daran, dass wir das überwinden können.

Waren Sie auch schon mal in Westdeutschland unterwegs?
Selbstverständlich. Ich war bei meinen Kollegen in den anderen Konsulaten und bin auch einfach so gereist, um mehr über das Land zu erfahren.

Spüren Sie noch einen Unterschied zwischen West und Ost?
Ja, den merkt man. Beim Lebensniveau beispielsweise. Aber auch darin, was die Menschen sagen. Man merkt, dass der Prozess der Wiedervereinigung noch nicht abgeschlossen ist. In politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung gibt es immer noch ein Ungleichgewicht. Ich glaube, dass es immer noch kein gemeinsames Gefühl für die Vergangenheit gibt. Auch Führungspersonen werden unterschiedlich wahrgenommen. Aber auch aktuelle Prozesse wie die Frage der Migration. Ich glaube, das ist normal. Schließlich leben in Deutschland sehr viele Menschen. Man kann die Trennung nicht in so kurzer Zeit überwinden. Aber der Weg ist der richtige.

Gibt es in Russland solch ein Ereignis, der sich für die Menschen als Glücksmoment anfühlt und sie zusammenbringt?
Natürlich. Und wir wundern uns, dass er in Deutschland vollkommen anders wahrgenommen wird. Es geht um die Angliederung der Krim. Und wir sind sehr froh, dass die Krim und Sewastopol in ihren Heimathafen zurückgekehrt sind, wie Präsident Wladimir Putin es ausgedrückt hat. Vor dem Hintergrund der russischen Haltung zur deutschen Einheit verstehen wir nicht, warum Europa die Angliederung als Anlass für Sanktionen genommen hat. Aber was geschehen ist, ist geschehen. Für uns ist es ein Feiertag.

Was wünschen Sie den Deutschen zum 30. Jahrestag der Einheit?
Ich wünsche, dass Deutschland wirtschaftlich und politisch stabil bleibt. Ich wünsche, dass alle Entscheidungen den nationalen Interessen entsprechen und ich wünsche mir, dass sich unsere Beziehungen soweit verbessern, dass wir uns wieder strategische Partner nennen.

Die Fragen stellte Daniel Säwert.

Zur Person

Andrej Dronow wurde 1960 in Moskau geboren. 1982 beendete er sein Studium am Moskauer Institut für Internationale Beziehungen und begann noch im selben Jahr seine Laufbahn als Berufsdiplomat. Seine ersten Stationen führten ihn auf die Karibikinsel Grenada sowie in die USA nach Washington und San Francisco. Später war er Mitglied der Missionen von OSZE und UNO im Kosovo und Mazedonien, anschließend von 2006 bis 2009 in der Vertretung Russlands bei der NATO. Seit 2017 ist Dronow russischer Generalkonsul in Leizig.

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