Neuer Plan für den Fernen Osten

Die russische Regierung will den Fernen Osten des Landes mit einem neuen Programm attraktiver machen – für die Einwohner und Investoren. Dafür wird viel Geld in die Hand genommen und auch auf Details geachtet.

Ferner Osten
Chabarowsk ist eines der bedeutendsten Zentren im Fernen Osten. (Foto: Jiří Hönes)

Wer Abgeschiedenheit und Einsamkeit sucht, ist in Russlands Fernem Osten genau richtig. Der riesige Föderationskreis nimmt gut 40 Prozent der Landesfläche ein, aber nur 5,6 Prozent aller Russen leben hier. Doch die Weite ist weniger romantisch als lebensfeindlich. Permafrostböden, eine schlechte Infrastruktur und geringe Aussichten auf einen Job machen das Leben hier zur Herausforderung. Die Folge sind eine hohe Abwanderung und eine niedrige Lebenserwartung.

„In den vergangenen Jahrzehnten hat sich der Ferne Osten zu einem Schicht-Territorium entwickelt. Man kam, hat Geld verdient und ist zurück in den Kreis der Familie“, erklärte der Generalbevollmächtigte des Präsidenten im Föderationskreis Ferner Osten Jurij Trutnjew der „Rossijskaja Gaseta“. Und das hatte negative Folgen für die Infrastruktur. Die Region geriet nach dem Ende der Sowjetunion zunehmend ins Hintertreffen. Und das, obwohl „alles, was sich um den Fernen Osten herum befindet, schneller wächst als anderswo in der Welt“, so Trutnjew. Für ihn hat die Region, nicht zuletzt von Amts wegen, großes Wachstumspotenzial.

Eine Region mit viel Wachstumspotenzial

Das ist auch der Regierung in Moskau nicht entgangen. Dort erhielt der Ferne Osten in diesem Jahr ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. So nahm etwa ein Großteil des Kabinetts im August den langen Weg für eine Visite auf sich. Die Reise der Minister war das Vorspiel für die Verkündung des Entwicklungsprogramms für den Fernen Osten bis 2024 (und einer weiteren Aussicht bis 2035). Grundsätzlich sieht der Plan vor, für die Menschen vor Ort lebenswerte Verhältnisse zu schaffen und so eines der dringendsten Probleme der Region, die Abwanderung, zu stoppen. Schließlich geht seit dem Ende der Sowjetunion die Einwohnerzahl kontinuierlich zurück. Selbst großzügige Landschenkungs-Kampagne wie der „fernöstliche Hektar“ haben bisher nicht zu einem Umschwung geführt.

Deshalb, so Ministerpräsident Michail Mischustin, müssen der Lebensstandard und die wirtschaftliche Entwicklung in den kommenden vier Jahren schneller wachsen als im russischen Durchschnitt. Beauftragt wurde mit der Aufgabe Jurij Trutnjew. Man müsse „gemeinsam überlegen, was man besser machen kann“, etwa bei verwaltungsrechtlichen Hindernissen und Druck von Seiten der Kontrollorgane, erklärte der Generalbevollmächtigte die Herausforderung. Vorschläge gab es immerhin viele, etwas mehr 16 500 waren es am Ende.

Wichtigster Teil des Entwicklungsprogramms ist die Schaffung eines gesunden Investitionsklimas und die Anhebung der Investitionen auf 800 Milliarden Rubel (8,8 Milliarden Euro).

Bis zu 30000 neue Arbeitsplätze

Den Politikern schwebt die Gründung von 200 neuen Unternehmen in Sonderentwicklungszonen und die Einrichtung eines Freihafens in Wladiwostok vor. Bis zu 30 000 neue Arbeitsplätze sollen so entstehen. Vor allem in kleinen und mittleren Unternehmen. Und jede Menge neue Wohnungen für die Arbeiter.

Außerdem soll die Lebenserwartung bis 2024 um fünf Jahre angehoben werden. Diese lag 2017 bei 70 Jahren und damit knapp drei Jahre unter dem russischen Durchschnitt. Auch die Sterberate der arbeitsfähigen Bevölkerung um 35 Prozent sinken. „Wir müssen die demografische Situation verbessern“, forderte Mischustin.

Wie erfolgreich diese Vorgabe umgesetzt werden kann, bleibt abzuwarten. Denn die soziale Infrastruktur ist nach wie vor in einem schlechten Zustand. In dem riesigen Gebiet, in dem die meisten Menschen in kleinen Orten wohnen, ist die medizinische Versorgung nach wie vor kritisch. Man müsse mehr Erreichbarkeit schaffen, sagt der Minister für die Entwicklung des Fernen Ostens und der Arktis Alexander Koslow. Das gilt in erster Linie für die Medizin, aber auch für Bildung.

Selbst Gemüse soll vor Ort angebaut werden

Sollte das Entwicklungsprogramm für den Fernen Osten erfolgreich sein, können sich die Bewohner in ein paar Jahren über normale Lebensmittelpreise freuen. Denn bislang ist die Region auf teure Importe angewiesen, da der Anbau vor Ort gerade einmal ein Drittel des Bedarfs deckt. Deshalb sollen im Permafrostgebiet Gewächshäuser mit 20 Prozent gefördert werden. Was zunächst abwegig wirkt, könnte in der Tat ein Erfolgsmodell werden.

Das zeigt das Beispiel des Gewächshausbetreibers Sajuri, der in Jakutsk frisches Gemüse und anderes Grünzeug anbaut. Bei den Einheimischen kommt die Idee trotz höherer Preise gut an. In der Stadt hat sich Sajuri bereits einen Marktanteil von 20 Prozent gesichert, in der Republik Jakutien sind es zehn Prozent. Und das Unternehmen steht erst am Anfang.

Daniel Säwert

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