Mit dem Samowar ins Grüne

Für eine Tasse frischen Tee scheuten die Moskauer im 19. Jahrhundert keinen Aufwand. Sie schleppten ihren Samowar gar in den Wald mit, um beim Picknick nicht auf den heißen Trank verzichten zu müssen. Das Gartenringmuseum gibt derzeit Einblicke in eine Freizeitkultur der vorrevolutionären Ära.

Beim Familienpicknick im Grünen war der Samowar stets dabei. (Foto: Gartenringmuseum)

Lange Zeit war der Samowar einer der wichtigsten Gegenstände in einem russischen Haushalt. Er war der Stolz der Familie, der auf einer hübschen Decke auf dem Tisch thronte. Ja, er war beinahe ein Familienmitglied und ist das Symbol für die russische Teekultur schlechthin. Im 19. Jahrhundert nahmen Moskauer Familien ihren Samowar sogar regelmäßig auf Ausflüge zur Datscha oder gar in den Park mit. Ein frisch aufgebrühter Tee gehörte einfach überall dazu, wie man derzeit in der Ausstellung „Moskauer Gewohnheiten“ im Gartenringmuseum erfährt.

Denkt man an Samoware, kommt einem in Russland gewöhnlich zuallererst Tula in den Sinn. Die rund 200 Kilometer südlich von Moskau gelegene Stadt hat eine traditionsreiche Metallindustrie und entwickelte sich seit dem späten 18. Jahrhundert zum Zentrum Samowarherstellung. Samoware aus Tula sind in Russland ein Begriff wie Messer aus Solingen oder Lübecker Marzipan. Die charmante Moskauer Ausstellung zeigt jedoch, dass auch die Hauptstadt eine reiche Tradition in der Samowarherstellung aufweisen kann.

Erste Samoware im 18. Jahrhundert

Der Sammler Dmitrij Rogow hat eine Auswahl an Samowaren aus Moskauer Produktion von der Mitte des 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zur Verfügung gestellt. Dazu gibt es Zubehör, Werbung und historische Fotografien rund um die Teekultur zu sehen.

Es gibt eine Legende, die besagt, dass Peter der Große den ersten Samowar aus Holland nach Russland gebracht hätte. In Wirklichkeit stammen die ersten Zeugnisse für Samoware in Russland jedoch aus der Zeit nach dessen Tod im Jahr 1725. Ob die Wiege der russischen Samowarproduktion nun in Tula oder in den Metallwerkstätten des Ural zu suchen ist, ist umstritten. In jedem Fall kamen die ersten russischen Samoware in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf. Die Entdeckung des Tees selbst wird übrigens ebenfalls Peter dem Großen zugeschrieben, wenngleich der Tee im Gegensatz zum Samowar schon vor Peters Geburt in Russland bekannt und beliebt war.

Picknick im Wald mit dem Samowar

Eine besondere Facette der Teekultur in Moskau kam mit den Datschen auf. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts kam in Mode, dass die wohlhabenden Großstädter sich Landsitze zulegten, wo sie ihre Wochenenden verbrachten. Da durfte natürlich eine Runde beim Tee nicht fehlen. Morgens ging man zudem gerne zu einem Picknick in den Wald, selbst da wurde der Samowar mitgeschleppt.

Ein Zeitgenosse erinnert sich: „Wir organisierten auch Picknicks. Wir nahmen eine Kutsche, packten den Samowar und das Essen ein und gingen irgendwo in den Wald, wo es Wasser gab. Dort stellten wir den Samowar hin und breiteten ein Tischtuch auf dem Boden aus, tranken Tee und aßen eine Kleinigkeit.“

„Mädchentee“ für weiße Haut und rote Wangen

Am Nachmittag versammelten sich die Familien wiederum eher auf den Veranden und Terrassen der Datschen. Man trank verschiedene Sorten Tee. So gab es einen Speziellen „Mädchentee“ mit getrockneten Apfelstücken. Man glaube, er würde die weiße Haut und das Rot der Wangen bewahren. Ähnliche Tees gab es für Männer, ebenfalls mit erdachten Heilkräften.

Der Samowar war der Stolz der Familie. (Foto: Gartenringmuseum)

Zu dieser Zeit, etwa ab den 1860er Jahren, kamen in Moskau die Gaststätten auf. „Traktir“ nannte man sie auf Russisch und sie wurden zu wichtigen Institutionen im Moskauer Alltag. Dabei drehte es sich beileibe nicht nur um das Essen und Trinken, die Gaststätten entwickelten sich zu sozialen Treffpunkten. Man saß da stundenlang und trank Tee. Manche der Gaststätten hatten getrennte Räume für den Ausschank von hartem Alkohol und Tee.

Teevergnügen im Park

Im Laufe der Zeit wurden die bürgerlichen Tischregeln immer strenger, gerade zum Ende des 19. Jahrhunderts hin gab es einen regelrechten Verhaltenskodex bei Tisch. Im Vergleich zum Mittagessen war die Teerunde jedoch stets etwas freier und entspannter.

Sogar in den Parks verzichteten die Moskauer nicht auf ihre Teezeremonien. Manche brachten ihren eigenen Samowar mit, andere nahmen die Dienste einer „Samowarschtschiza“ in Anspruch. So hießen damals Mädchen, die in den Parks Samoware betrieben.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren Teerunden in den Moskauer Parks ein angesagtes Vergnügen. (Foto: Gartenringmuseum)

Der Moskauer Anwalt Nikolaj Dawydow schrieb in seinen Erinnerungen: „Die sommerlichen Volksfeste, zuerst im Marjina Roschtscha und später in Sokolniki, kamen ohne großen Rummel aus, stattdessen wurden Tische auf den Wiesen aufgestellt, im Schatten der Bäume, mit Samowaren, die an der frischen Luft angenehm rauchten, und es wurde intensiv Tee getrunken, und später gab es Reigentänze und es wurden Lieder auf der Ziehharmonika gespielt.“

Moskauer Samoware für die gehobene Gesellschaft

Im Gegensatz zu den Produkten aus Tula, die für jedermann erschwinglich waren, galten die Samoware aus Moskauer Produktion als Luxusware. Zu kurzer Blüte brachte es zur Mitte des Jahrhunderts etwa die Firma des russlanddeutschen Unternehmers Fjodor Oehme. Er hatte ein Geschäft an der Kusnezkij Most und ein weiteres auf dem Markt in Nischnij Nowgorod.

Er konnte seine Produkte relativ günstig anbieten, da er durch eine Plattiertechnik Kuper und Silber thermisch verband, dass seine Geräte von außen wie reines Silber aussahen und auch entsprechend robust waren. Doch nach etwas mehr als zwei Jahrzehnten ging sein Geschäft bankrott. Einige Exemplare aus seiner Fertigung sind auf der Ausstellung im Gartenringmuseum zu sehen.

Wer in die Welt der Moskauer Teekultur der Zarenzeit eintauchen möchte, der hat noch bis zum 20. Juni Zeit. So lange hat die Ausstellung „Moskauer Gewohnheiten“ noch geöffnet.

Jiří Hönes

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