„Mehr Kooperation – weniger Abschottung“

Eine Delegation um den bayerischen Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger besuchte Fabriken und Produktionsstätten in der Republik Tatarstan und der Region Uljanowsk. Weshalb die Reisenden Russlands Potential beeindruckte und warum sie für eine engere Kooperation eintreten.

Zu Besuch bei Partnern: Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (braune Jacke) besucht den russischen Autohersteller Kamaz. /Foto: StMWiE. Neureuther

Vom ersten Tag an zeigt sich das hierzulande schon leicht winterlich anmutende Wetter unter weißblauem Himmel in den bayerischen Landesfarben. Schon bei Ankunft am Kasaner Flughafen gibt es zur Begrüßung Brot und Salz sowie das honigsüße tatarische Gebäck „Chak-Chak“, dargeboten von örtlichen Schönheiten in Landestracht. Was für ein gelungener Anfang.

Bayerische Mittelständler in Tatarstan

Die russische Teilrepublik Tatarstan und die Region Uljanowsk rangieren beinahe schon traditionell auf den obersten Plätzen im Ranking der wirtschaftlich kontinuierlich prosperierenden und investitionsverwöhntesten Subjekte der Russischen Föderation. Also kein Wunder: „Seit Jahren pflegen wir gute Kontakte, politisch und unternehmerisch, und wollen die Beziehungen intensivieren“, begründet der Minister aus dem deutschen Süden den Besuch. Wobei das hier keine Extratour des Freistaates Bayern war – Informationsbesuche von beiden Seiten sind erprobte Annäherungsusancen von offiziellen Abordnungen aus so gut wie allen deutschen Bundesländern und zahlreichen wirtschaftlichen Verbänden. So wie Bayern mit Andreas Brunnbauer als Repräsentanten unterhalten viele gar ihre eigenen Kontaktbüros vor Ort in der russischen Hauptstadt.
Angereist waren neun Delegierte aus dem politischen Lager, 23 Führungskräfte vornehmlich mittelständischer Firmen aus dem Bayerischen. Alle mit dem erklärten Ziel, theoretisches, oft zugegeben vorurteilsbelastetes Wissen gegen persönlich-praktische Erfahrung auszutauschen. Das gelang so gut wie allerorts bei perfekt arrangierten Begegnungen. In Kasan im „Deutsch-Russischen Institut für Spitzentechnologie“, bei „Servis Montazh“, Partner von „Siemens“ für den Bau von Schaltanlagen und Antriebstechniken. Im nahe gelegenen Nabareschnyje Tschelny machten sich die Besucher ihr eigenes Bild von bereits jahrelanger bayerisch-tatarischer Zusammenarbeit: Neben „Siemens“ liefern „Knorr- Bremse“, Geschäftspartner von „KAMAZ“, Russlands größtem und weltbekanntem Lkw-Produzenten, oder der Hersteller von Kabeln und Bordnetz-Systemen, „LEONI“ im Industriepark „KIP-Master“, einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung der hiesigen Industrie. In Uljanowsk standen die russischen Produktionsstätten des Automobil- und Maschinenbau-Zulieferers „Schaeffler“ aus Herzogenaurach, des Maschinenbauers „DMG Mori“ und das „Nanotechnologiezentrum“ auf dem Programm.

Hubert Aiwanger (Mitte) mit dem Premierminister der Republik Tatarstan Alexej Pesoschin und dem tatarischen Vize-Premierminister und Miinister für Industrie und Handel Albert Karimow. /Foto: StMWiE. Neureuther

Vorsichtiger Optimismus – trotz Sanktionen

Am Ende herrschte gruppendynamisch durchgängig „positive Überraschung“, aber in Hinblick auf die durch die gegenseitige Sanktionspolitik erschwerten und wieder aufgelebten Vorurteile von West gegen Ost auch eine eher vorsichtig optimistische Grundstimmung.
Bei mindestens zwei Führungskräften aus der Gruppe reichte es schlichtweg zu offen bekundeter Begeisterung: Beide haben sich während der Wirtschaftsforen an den besuchten Standorten und auf den täglichen „Dating Sessions“ mit potentiellen lokalen Firmenvertretern schon über weiterführende, konkrete Zusammenarbeit vor Ort einigen können – der eine beim Anlagenbau für die Auto- und Luftfahrtindustrie sowie für die Eisenbahn und Windkraft, der andere im Bereich Logistik. Es geht eben nichts über persönliche Begegnungen auf Augenhöhe mit verständniserweckendem Blickkontakt und zielführende Fachdialoge ohne vorgefertigte Ressentiments. Der bayerische Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, Hubert Aiwanger, kommt aus einem urbayerischen Bauernbetrieb. Er ist ein geradezu geborener, vertrauenserweckender Kommunikator mit volksnahem, floskellosem Zungenschlag, ohne aufgeblasene Politikerallüren. Kein herzlich dankendes Umarmen und kameradschaftliches Schulterklopfen nach jeder Begegnung wird ausgelassen. Der Mensch Aiwanger kommt hinter seiner hochrangigen Staatsposition ohne gestelztes Funktionärsgehabe sicht- und spürbar an. Ob Auge in Auge mit dem Premierminister Tatarstans, Alexej Walerjewitsch Pesoschin, und seinem jungen Industrieminister Albert Kamirow beim Spitzenaustausch in der Kasaner Residenz. Oder ein paar Tage später mit dem Regierungschef der Uljanowsker Region, Alexander Smekalin. Oder mit den Managern und Arbeitern all der besuchten Betriebe. Für die mannigfachen Gastgeschenke revanchierte er sich mit Porzellanminiaturen des bayerischen Löwen und Schreibwerkzeug einer traditionellen heimischen Edelmarke.

Die Wirtschaftsdelegation vor der Kul-Scharif-Moschee, dem zweitgrößten muslimischen Gotteshaus in Russland. /Foto: StMWiE. Neureuther

Zwischen Trinksprüchen und orthodoxem Segen

Dass die Treffen an den Abenden auch in ebenso offener wie heiterer Runde über die Bühne gingen, sei der typisch bayerischen Lebenslust und der russischen Gastfreundschaft geschuldet – die Trinksprüche nahmen kein Ende. Das dringlich vorgetragene Fazit von Wirtschaftsminister Aiwanger: „Wir sind beeindruckt vom wirtschaftlichen Potenzial, das Russland bietet. Aktuell erschweren aber Sanktionen den Austausch. Hier wünsche ich mir seitens der USA und der EU eine Politik mit Augenmaß, die nicht zu Lasten der Wirtschaft geht.“ Sein Wort in Gottes Ohr: Zum Abschluss des fünftägigen Besichtigungs- und Gesprächsmarathons gab der russisch-orthodoxe Metropolit für die Uljanowsker Region in seiner Stammkirche auch noch seinen Segen zu weiter gedeihlicher Kooperation und überreichte dem Staatsminister eine handgemalte Schreibtisch-Ikone.

Frank Ebbecke

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