Weder Himmel noch Hölle: Leben und Gemeindeleben in der Pandemie

Was macht Corona mit uns und was machen wir aus Corona? Die MDZ hat dazu Pfarrerin Aljona Hofmann (49) von der evangelischen Emmausgemeinde und Pfarrer Lothar Vierhock (64) von der katholischen Elisabethgemeinde befragt, die in guten wie in schlechten Zeiten in Moskau Seelsorge leisten. Der jetzigen Zeit können sie auch gute Seiten abgewinnen.

Viele Ausländer haben es vorgezogen, aus Russland in ihre Heimatländer zurückzukehren und dort auf bessere Zeiten zu warten. War das auch für Sie eine Option, mit der Sie sich beschäftigt haben? 

Hofmann: Das kam für mich überhaupt nicht in Frage. Schon aus ganz praktischen Gründen: Als ich mit meinem Mann und unserem jüngeren Sohn vor fünf Jahren nach Moskau gegangen bin, haben wir auch unseren Wohnsitz in Deutschland aufgelöst, der damals im brandenburgischen Kyritz war. Aber ich gehöre jetzt auch hierher, zu den Leuten, für die ich Verantwortung trage. Ich muss mit ihnen diese Lage teilen, muss wissen, wovon sie sprechen, und das alles gemeinsam mit ihnen aushalten.

Vierhock: Ich habe noch eine Wohnung in Leipzig, wo ich die längste Zeit meines Lebens verbracht habe. Aber für mich war klar, dass ich auf jeden Fall  bleibe. Der Unterricht, den ich als Religionslehrer an der Deutschen Schule halte, läuft zwar ohnehin online. Doch die Gemeinde aus der Ferne zu leiten, das stand nie zur Debatte.

So war es und so wird es irgendwann wieder sein: Pfarrer Vierhock und Pfarrerin Hofmann beim ökumenischen Erntedankgottesdienst in Moskau. (Foto: Privat)

Sie leben beide im „Deutschen Dorf“, dem Wohngebiet der Botschaft im Südwesten von Moskau. Wie würden Sie die Atmosphäre beschreiben, die jetzt dort herrscht?

Vierhock: Ich glaube, dass die Empathie füreinander größer geworden ist. Es sind eben alle in derselben Situation. Aber man hält natürlich auch Distanz, wie überall. Der unmittelbare Kontakt ist erschwert. Die Kinder sind draußen, die fahren Fahrrad und Roller. Aber ich sehe zum Beispiel kaum Leute auf dem Balkon, die mit anderen schwatzen.

Hofmann: Vormittags, wenn die Kinder mit der Schule beschäftigt sind, ist es relativ ruhig. Am Nachmittag aber begegnet man sich öfter. Ich sehe mehr Väter mit ihren Kindern als sonst, was ein ungewöhnliches und schönes Bild ist. Man läuft auch nicht einfach so an einander vorbei oder eilt schnell zur Metro, sondern erkundigt sich  – natürlich unter Wahrung des Sicherheitsabstandes: Wie geht’s? Die Kommunikation nimmt sogar zu. 

Wie sehr tun die „Nebenwirkungen“ von Corona den Menschen um Sie herum in der Seele weh?

Hofmann: Es ist nicht so, dass mich Leute anrufen, die völlig verzweifelt sind. Natürlich ist die Situation für alle belastend, weil der Alltag auf einmal so anders geworden ist und unsere alten Gewohnheiten über den Haufen geworfen wurden. Man lernt sich neu kennen. Sich selbst und andere. Unsere Gemeinde  – wie auch die der Katholiken  – setzt sich allerdings zum Großteil aus Botschaftsmitarbeitern und Expats zusammen. Da habe ich grundsätzlich den Eindruck, dass sie auch krisenerprobt und es gewohnt sind, sich auf unvorhergesehene Dinge einzustellen. Die Leute aus der Wirtschaft sowieso, die haben in Russland schon einiges Auf und Ab erlebt, wenn man nur an 2008 und 2014 denkt. Da nimmt man das, was jetzt passiert, relativ pragmatisch.

Vierhock: Ich beobachte eine Mischung aus Akzeptanz der Beschränkungen und der wachsenden Sehnsucht nach der Rückkehr zu einer gewissen Normalität. Es fehlt die persönliche Begegnung, die letztlich durch nichts zu ersetzen ist. Es fehlt auch die Begegnung mit der Natur, es fehlt das kulturelle Leben. Man spürt zunehmend die Defizite, die in den ersten Wochen vielleicht noch nicht so ins Gewicht gefallen sind. Aber man lernt auch die Bedeutung von Solidarität und Mitmenschlichkeit wieder mehr schätzen. Und man merkt, auf wie viele scheinbar selbstverständliche Dinge man doch verzichten kann. Dabei will ich gar nicht aus der Not eine Tugend machen und sagen, wie gut es ist, dass unser Leben mal so auf das Allernotwendigste zusammenschrumpft. Aber diese Zeit lehrt uns schon, dass man auch etwas bescheidener leben kann.

Was macht Ihnen selbst besonders zu schaffen?

Vierhock: Ich bin echt ein sozialer Typ. Es ist nicht so, dass ich große Freude empfinde, wenn ich fast nur zu Hause hocke. Das ist für mich eine Askese. Wie Exerzitien.

Hofmann: Unser älterer Sohn ist in Deutschland geblieben und studiert dort. Er kommt mit seinen 23 Jahren super allein klar. Trotzdem leidet man als Mutter schon darunter, dass man nicht mal einfach zu ihm rüberfliegen kann oder er zu uns.

Die Gottesdienste der Elisabeth- wie auch der Emmausgemeinde finden normalerweise sonntags in der Deutschen Botschaft statt. Und jetzt?

Hofmann: Wir durften am 22. März unseren letzten Gottesdienst in der Botschaft feiern. Eine Woche später haben wir noch einen kleinen Pilgergottesdienst draußen im Wald abgehalten. Dann kam die Ausgangssperre. Der nächste sonntägliche Gottesdienst lief dann schon über Skype. Das war für mich Neuland, obwohl ich seit fast 20 Jahre im Pfarrberuf bin. Aber da geht es mir ja nicht anders als anderen: Man erlebt gerade vieles zum ersten Mal.

Vierhock: Es gab keinen Sonntag, wo wir nicht miteinander Gottesdienst gefeiert hätten, jetzt seit geraumer Zeit eben online. Er läuft genauso ab wie in der Kirche oder bei uns in der Botschaft. Ich richte meinen Wohnzimmertisch als Altar her: mit einer Kerze, einem Kreuz, einer Ikone von Ostern sowie mit Messbuch, Kelch und Schale. Nur gemeinsame Gesänge sind wegen der technischen Verzögerung über das Internet schwierig. Und was leider wegfällt, ist das, was in der katholischen Kirche Kommunion und in der evangelischen Abendmahl heißt. Das kann nicht gereicht werden, worunter viele leiden. In so einer Krisenzeit wäre das für den einen oder anderen schon eine ziemliche Stärkung.

Gemeindeleben anno 2020 – per Videokonferenz (Foto: Privat)

Wie ist der Zuspruch?

Vierhock: Wir kommen ungefähr auf dieselbe Zahl wie bei den Gottesdiensten in der Botschaft. Schön ist, dass manche, die aus Moskau weggezogen sind, sich nun mit einklinken und auf diese Weise Kontakt zu ihrer alten Gemeinde halten. Es schalten sich auch alte Menschen zu, die schon seit längerer Zeit nicht mehr am Gottesdienst teilnehmen konnten, weil sie gesundheitlich dazu nicht in der Lage sind. Die sind nun beteiligt und sehen Gemeindemitglieder wieder, die sie seit Jahren oder manchmal seit Jahrzehnten kennen. Wenn man in ihre Gesichter schaut, die glühen richtig vor Freude und Dankbarkeit. Das ist jeden Sonntag ein Lichtblick, dass sie mal aus ihrer Isolation herausgeholt werden, und auch für mich ein Geschenk.

Hofmann: Ich bin echt überrascht, wie gut das Angebot angenommen wird. Gerade für eine Gemeinde wie unsere, die aus Leuten besteht, von denen viele oft unterwegs sind, ist es eine tolle Chance, sich über Skype zusammenzufinden, egal wo man sich gerade aufhält. Einige Gemeindemitglieder sind beispielsweise auf der Datscha im Moskauer Umland. Wir haben auch Ehemalige, die sich melden und sagen, sie wären gern dabei. So paradox das klingen mag, aber Corona bringt Menschen zusammen. Auf einer anderen Ebene zwar, aber es zeigt sich, dass wir uns suchen und brauchen. Wir Menschen sind nun mal Beziehungswesen. Es ist nicht gut, wenn der Mensch allein ist, das steht schon in der Bibel.

Nehmen Sie im Gottesdienst auf die aktuelle Situation Bezug?

Vierhock: Politische und gesellschaftliche Themen fließen in den Gottesdienst natürlich mit ein, das beschränkt sich auch nicht auf die Pandemie, sondern war jüngst etwa beim „Tag der Befreiung“ beziehungsweise dem „Tag des Sieges“ der Fall. Was die Situation rund um Corona betrifft, so schließen wir in das sogenannte Fürbittgebet diejenigen ein, die infiziert sind, das Personal, das sich um sie kümmert, die Angehörigen und die Verstorbenen. Außerdem beten wir täglich um 19 Uhr das Vaterunser für die Betroffenen und erbitten Hilfe, dass die Pandemie schnell zu einem Ende kommt.

Hofmann: Das Tolle an der Beschäftigung mit der Bibel ist ja, dass man sich selbst und die eigenen Lebensumstände darin wiederentdecken kann. Corona spielt im Gottesdienst selbstverständlich eine Rolle: in den Gebeten, auch in der Predigt. Und nicht nur das. Als jetzt der 8./9. Mai war, habe ich eine Kasualpredigt gehalten, also eine, die sich an der derzeitigen Situation orientiert. Wie geht es uns Deutschen hier in Moskau am 75. Jahrestag des Kriegsendes, was bewegt uns? Corona hat auch eine Rolle gespielt, nicht zu vergessen der Muttertag. Da kam ganz vieles zusammen.

Was gehört sonst noch zum Gemeindeleben im Corona-Modus?

Hofmann: Wir haben nach dem Gottesdienst ein Kirchencafé, woraus jetzt ein virtuelles Beisammensein geworden ist. Da holt man sich dann eine Tasse Kaffee, Tee oder was auch immer und redet noch eine Weile weiter. Zusätzlich machen wir neuerdings mittwochs Gemeindeabende über Skype. Für andere Gemeinden ist es relativ normal, dass man sich auch unter der Woche trifft. Hier war das bisher nicht so nachgefragt, weil die Leute ja auch abends oft noch unterwegs sind. Das ist jetzt ein bisschen anders.

Vierhock: Bei uns ist es guter Brauch, nach dem Gottesdienst noch beieinander zu bleiben. In der Botschaft war das so, dass die Kinder gespielt oder Bücher gelesen haben und die Erwachsenen im Restaurant beim Frühschoppen saßen. Dieser Gemeindeplausch geht jetzt auch online nach dem Gottesdienst in die Vollen. Und am Mittwochabend haben wir einen  zweiten Termin dafür eingeführt, um uns auszutauschen.

Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche: Irgendwann werden viele Einschränkungen wieder fallen. Schmieden Sie schon Pläne für die Zeit danach?

Hofmann: Wir wollen uns als Gemeinde die Begegnungen auf Skype auf jeden Fall bewahren. In welchem Rhythmus, ist noch offen. Im Herbst feiert die Emmausgemeinde ihr 40-jähriges Bestehen in Moskau. So Gott will, werden wir dieses Jubiläum aber nicht mehr virtuell begehen.

Vierhock: In der Sommerferienzeit läuft auch in normalen Zeiten in der Gemeinde wenig, weil kaum jemand in Moskau ist. Vielleicht kann ja unsere traditionelle ökumenische Schiffsfahrt im September stattfinden, bei der sich die Gemeinden nach dem Kommen und Gehen des Sommers neu kennenlernen. Aber das sind momentan nur Gedankenspiele. Für konkrete Pläne ist es noch zu früh.

Das Interview führte Tino Künzel.

Katholische Elisabethgemeinde: www.elisabethgemeinde-moskau.de/
Evangelische Emmausgemeinde: www.emmausgemeinde-moskau.de/

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