Kunlun Red Star: Wird Chinas Eishockey in Moskau begraben?

Seit 2016 tritt der Eishockeyclub Kunlun Red Star Peking in der Kontinentalen Hockey-Liga an. Wegen strenger Covid-Regelungen zogen die Chinesen vorläufig nach Mytischtschi nahe Moskau – wo Kunlun nun ein leises Ende droht.

In Kanada geboren, bald für China bei Olympia? Parker Foo von Kunlun Red Star Peking. (Foto: Sergej Gurnejew/ RIA Novosti)

Die Kontinentale Hockey-Liga (KHL) ist in jeglichem Sinne ein besonderes Konstrukt: Seit sie 2008 die Russische Superleague als höchste Spielklasse im Eishockey ablöste, schickt sie ihre Profis auf Reisen von bis zu 6800 km. Zwischen Riga und Wladiwostok bestehen Mannschaften in mittlerweile sechs Ländern. Die halten sich teils beständig in der Liga, teils treten sie nach einigen Jahren durch die Hintertür aus. Lev Prag oder Slovan Bratislava sind lange nicht mehr dabei. Dafür stellen die Finnen Jokerit Helsinki und Barys Nur-Sultan aus Kasachstan jedes Jahr starke, konkurrenzfähige Teams.

Der größte Exot aber gesellte sich erst 2016 zu den anderen 23, meist aus Russland oder früheren Sowjetrepubliken stammenden Mannschaften. Mit dem Beitritt von Kunlun Red Star aus Peking, auch „die Drachen“ genannt, weitete die Liga ihr Einzugsgebiet auf die Volksrepublik China aus. Die spielte bis dahin im Eishockey eine bestenfalls zweitrangige Rolle. Ein chinesisches Team passte gut ins Selbstverständnis als gesamt-
eurasische Eliteliga und versprach außerdem das Erschließen neuer Märkte.

Retortenverein aus Chinas Hauptstadt

Bei Kunlun handelt es sich entsprechend nicht um das, was man gemeinhin als Traditionsverein bezeichnet. Der Verein wurde aus dem Nichts etabliert, um erstmals professionelle Strukturen im chinesischen Eishockey zu schaffen und die Nationalmannschaft der Herren auf die olympischen Winterspiele in Peking vorzubereiten – ein Prestigeprojekt von hoher symbolpolitischer Bedeutung. 

Die damit einhergehende Verantwortung koppelte man quasi komplett an die aus Ländern mit mehr Tradition im Hockey importierte Leitung von Kunlun. In einem Interview von 2017 beschrieb der damalige Manager des Klubs, der Lette Raitis Pilsetnieks, die vorgefundenen Strukturen als ein komplett „leeres Feld“. Mangels eigener Kompetenz legte die chinesische Regierung die Zuständigkeit für die Entwicklung der nötigen Strukturen komplett in die Hände des Clubs. Neben der KHL-Mannschaft verantwortet das Management auch die Nationalmannschaften der Herren und im U20- und U18-Bereich.

Nationalmannschaft wird nicht besser

Ob mit diesem Modell erfolgreiche Winterspiele machbar sind, bleibt schwer zu sagen. Bislang stellen sich Verbesserungen bestenfalls langsam ein. Die Nationalmannschaft der Herren, und auf die kommt es in Peking hauptsächlich an, tritt bei Weltmeisterschaften nach wie vor in der zweiten Division an. Im System der Internationalen Eishockey Föderation IIHF ist das hinter der Endrunde mit Teams wie Kanada, USA, Russland und auch Deutschland und der ersten Division nur die dritte Spielklasse. Dort fuhr sie bis 2019 mittelmäßige Ergebnisse ein, man tut sich auch mit Gegnern auf niedrigem Niveau schwer. 2019 hagelte es Niederlagen gegen Australien, Spanien und Kroatien, die alle nicht gerade als eishockeyverrückt bekannt sind. Zwischenergebnis: Weltranglistenplatz 32, hinter etwa Estland.

Trotzdem ist eine Prognose für den Februar schwer zu treffen, vor allem aus zwei Gründen. Zum einen wurden die IIHF-Weltmeisterschaften 2020 wegen Corona komplett abgesagt, 2021 wurde dann nur das Endrundenturnier der höchsten Spielklasse ausgetragen. Das in Peking geplante Turnier der zweiten Division entfiel erneut. Eine echte Standortbestimmung gab es für das Nationalteam also schon seit zwei Jahren nicht mehr. 

„Heimspiele“ finden in Moskau statt

Zum anderen ist da aber auch der unberechenbare Faktor Kunlun. Man dümpelte zwar nach der überraschenden Playoff-Teilnahme in der Debütsaision 2016/17 meist am Tabellenende herum. Gleichzeitig gelang aber die Einbürgerung mehrerer Kanadier mit chinesischen Wurzeln. Die dürften größtenteils zum Februar 2022 auch für die Nationalmannschaft spielberechtigt sein. Spieler wie Brandon Yip oder Tyler Won bringen Erfahrung auf NHL-Niveau mit und kamen extra für eine Chance auf Olympia zu Kunlun in die KHL.

Und so kommt es, dass sich die Zukunft des chinesischen Eishockeys schon bald zwischen Moskau und Peking entscheiden könnte. Denn wegen der strengen Corona-Auflagen in China, die permanente Reisen russischer und europäischer Mannschaften nach Peking enorm erschweren, tragen die Profis von Kunlun ihre Heimspiele bereits das zweite Jahr in Folge in My-
tischtschi im Moskauer Norden aus. Das macht die Aufgabe, mit einer halbwegs akzeptablen Saison in Richtung Olympia zu schreiten, nicht unbedingt leichter. In der geographisch gegliederten KHL bedeutet der Standort Moskau mehr weite Auswärtsreisen nach Osten und damit zusätzliche Strapazen. 

Von offizieller Seite klingt das Ganze optimistischer. Ni Huizhong, Direktor der zuständigen Wintersportbehörde Chinas, spricht über den langen Russlandaufenthalt seiner Schützlinge eher wie über halbjähriges Trainingslager. „Die Zahl der Spieler, der Aufenthalt im Ausland, das Wettbewerbslevel – das alles ist von einem nie dagewesenen Ausmaß im chinesischen Wintersport. Ich hoffe, die Spieler nutzen jeden Tag in Russland, um ihr Niveau zu heben und werden bereit sein, der Welt ihr Selbstvertrauen, ihren Fortschritt und ihren Teamgeist zu demonstrieren“, zitiert ihn das staatseigene Portal „China Daily“.

Der Verein könnte aufgelöst werden

Sollte ihnen das nicht gelingen, erwartet Kunlun eine ungewisse Zukunft. Der Verein wurde explizit zu dem Zweck gegründet, chinesische Talente auf internationalem Niveau zu fördern, chinesischstämmige Spieler aus Nordamerika einzubürgern, um das Nationalteam zu stärken. Bleibt der Erfolg bei Olympia aus, wird auch die Fortführung der teuren Unternehmung KHL fraglich. Bereits jetzt wird in Russland über ein Ausscheiden des Teams nach der Saison 2021/22 spekuliert.

Ohne plötzliche, unerwartete Erfolge könnte Moskau zur Grabesstätte des chinesischen Profieishockeys werden. Sollte es dazu kommen, wäre die Liga um eine exotische Attraktion ärmer – doch das muss nicht lange so bleiben. Schon länger werden immer wieder Expansionspläne der Liga nach Israel diskutiert. Tel Aviv prüft wohl seit 2020 den Bau einer Arena auf KHL- Niveau. Endet das Projekt Kunlun in einem leisen Abgesang, dürfte ein Team im Nahen Osten wahrscheinlicher werden. Abwegig ist das Scheitern nicht: Die IIHF fürchtet laut Medienberichten 100:0-Niederlagen gegen Kanada oder die USA.

Thomas Fritz Maier

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