
„Herr Redakteur, … im gegenwärtigen Zustande Deutschlands ist die „Augsburger Zeitung“ meiner Meinung nach mehr als eine gewöhnliche Zeitung – sie ist die erste seiner politischen Tribünen … Wenn Deutschland das Glück hätte, vereint zu sein, könnte seine Regierung diese Zeitung in vieler Hinsicht als die legitime Stimme seines Denkens anerkennen. Das ist der Grund, warum ich mich an Sie wende. Ich bin ein Russe, wie ich bereits die Ehre hatte, Ihnen zu sagen, ein Russe mit Herz und Seele, meinem Vaterland zutiefst zugetan, in Harmonie mit meiner Regierung und darüber hinaus in meiner Position völlig unabhängig. Deshalb werde ich mich bemühen, hier eine russische Meinung zu äußern, aber eine freie und völlig uneigennützige. […]
Das Buch von Herrn de Custine ist ein weiterer Beweis für die geistige Schamlosigkeit und den geistigen Verfall – ein charakteristisches Merkmal unserer Epoche, vor allem in Frankreich –, wenn man sich von der Diskussion der wichtigsten und höchsten Fragen mitreißen lässt, die mehr auf nervöser Erregung als auf Argumenten der Vernunft beruht, und sich erlaubt, die ganze Welt weniger ernsthaft zu beurteilen, als man früher die Analyse eines Varietés behandelt hat. Was die Gegner von Herrn de Custine, die sogenannten Verteidiger Russlands, betrifft, so sind sie natürlich aufrichtiger als er, aber sie sind zu einfältig … Sie hinterlassen bei mir den Eindruck von Leuten, die in ihrem Übereifer bereit sind, eilig ihren Regenschirm aufzuspannen, um den Gipfel des Mont Blanc vor der Mittagshitze zu schützen … Nein, mein lieber Herr, nicht die Apologie Russlands wird Gegenstand meines Briefes sein. Die Apologie Russlands! Mein Gott, diese Aufgabe ist von einem uns allen überlegenen Meister übernommen worden, der sie, wie mir scheint, bisher mit hinreichendem Ruhm erfüllt hat. Der wahre Verteidiger Russlands ist die Geschichte, die seit drei Jahrhunderten alle Streitigkeiten zu seinen Gunsten entschieden hat, in die das russische Volk sein geheimnisvolles Schicksal immer wieder gestürzt hat … Wenn ich mich an Sie wende, mein gnädiger Herr, beabsichtige ich, von Ihnen selbst zu sprechen, von Ihrem eigenen Land, von seinen dringendsten und offensichtlichsten Interessen. Und wenn ich von Russland spreche, dann nur im Zusammenhang mit seiner direkten Beziehung zu den Geschicken Deutschlands. […]

Muss ich Ihnen sagen, mein guter Herr, was die Motive und Bestrebungen sind, die gleichzeitig und im Gegensatz zu dieser politischen Richtung Ihrer Regierungen seit etwa einem Dutzend Jahren versuchen, die öffentliche Meinung in Deutschland gegenüber Russland zu beeinflussen? … Viele reife Köpfe unserer Zeit haben sich ohne zu zögern zu infantiler Einfalt versunken, um sich das Vergnügen zu gönnen, Russland als eine Art Unhold des 19. Jahrhunderts zu sehen … Mein Gott, wenn es unter Ihren Landsleuten ein paar kluge Leute gäbe, die erkennen, wie wenig empfindlich Russland auf böswillige Angriffe reagiert, dann würden sich vielleicht sogar seine glühendsten Feinde zweimal überlegen […]
Jahrhundertelang hat der europäische Westen ganz einfach geglaubt, dass es außer ihm kein anderes Europa gibt und geben kann … Endlich ist die Zeit gekommen, die Hand des Riesen hat den Schleier weggerissen, und das Europa Karls des Großen steht dem Europa Peters des Großen gegenüber … Sobald man dies erkennt, wird alles klar, wird alles erklärt: Die wahre Grundlage der schnellen Erfolge und der außerordentlichen Expansion Russlands, die die Welt in Erstaunen versetzte, wird deutlich. Man beginnt zu begreifen, dass die sogenannten Eroberungen und Gewalttaten das Natürlichste und Legitimste waren, was es in der Geschichte je gegeben hat – eine gewaltige Wiedervereinigung fand einfach statt. Es wird auch klar, warum eine nach der anderen alle unnatürlichen Bestrebungen, Kräfte und Errichtungen, die dem großen Anfang, den es darstellte, fremd waren, durch die Hand Russlands zerstört wurden … Warum zum Beispiel Polen untergehen musste … Ich spreche natürlich nicht von der ursprünglichen polnischen Nation – Gott bewahre –, sondern von der falschen Zivilisation und der falschen Nationalität, die ihr aufgezwungen wurden. […]
Und wissen Sie, mein gnädiger Herr, was Russland bezweckte, als es in den Kampf zwischen zwei Anfängen, zwei großen Nationalitäten, die sich jahrhundertelang um den europäischen Westen stritten, eingriff und ihn zugunsten Deutschlands und des germanischen Anfangs entschied? Es wollte ein für alle Mal den Triumph des Rechts, der historischen Legalität über die revolutionäre Handlungsweise feststellen. Warum wollte es das? Weil das Recht, die historische Legalität, seine eigene Grundlage, seine besondere Berufung, die Hauptursache für seine Zukunft ist; es ist das Recht, das es für sich und seine Anhänger fordert. Nur die blindeste Ignoranz, die sich vom Licht abwendet, kann diese große Wahrheit noch nicht erkennen. Denn war es nicht im Namen dieses Rechts, dieser historischen Legalität, dass Russland ein ganzes Volk, eine Welt im Niedergang unterstützte, das es zu einem ursprünglichen Leben rief, dem es die Selbständigkeit zurückgab und es befestigte? Der unsterbliche Ruhm des jetzt in Russland herrschenden Souveräns liegt darin, dass er sich vollständiger und energischer als jeder seiner Vorgänger als geschickter und unerschütterlicher Vertreter dieses Rechts, dieser historischen Legalität erweist. […]
Es wird hier wohl angebracht sein, einen anderen Vorwurf zu erwähnen, der tausendmal gegen Russland wiederholt worden ist, der aber deshalb nicht gerechter ist. Was ist nicht alles gesagt worden, um zu behaupten, dass sein Einfluss das Haupthindernis für die Entwicklung des konstitutionellen Systems in Deutschland war? Überhaupt ist es ziemlich töricht, Russland zu einem konsequenten Gegner dieser oder jener Staatsform machen zu wollen. Und wie, oh Gott, wäre es selbst geworden, wie hätte es mit einer solchen Engstirnigkeit der Vorstellungen den ihm innewohnenden großen Einfluss auf die Welt ausgeübt! […]
Ich habe von Ihrer Presse gesprochen. Aber denken Sie nicht, mein lieber Herr, dass ich immer gegen die deutsche Presse voreingenommen bin oder dass ich einen Groll gegen ihre unerklärliche Abneigung gegen uns hege. Ganz und gar nicht, das versichere ich Ihnen; ich bin immer bereit, ihren Verdiensten gerecht zu werden, und würde es vorziehen, ihre Fehler und Irrtümer zumindest teilweise den außergewöhnlichen Bedingungen, unter denen sie existieren, zuzuschreiben … Was Ihrer Presse fehlt (manchmal bis hin zur Kompromittierung), ist politisches Fingerspitzengefühl, ein direktes und korrektes Verständnis der Umstände und des Umfelds, in dem sie lebt. In ihren Bestrebungen und Handlungen kann man immer noch etwas Leichtfertiges, Unüberlegtes, mit einem Wort moralisch Verantwortungsloses erkennen, was wahrscheinlich auf die lange Vormundschaft über sie zurückzuführen ist.
Denn was, wenn nicht moralische Verantwortungslosigkeit, kann die feurige, blinde, wütende Feindseligkeit gegenüber Russland erklären, der sie sich seit Jahren hingibt? Warum eigentlich? Zu welchem Zweck? Zu welchem Vorteil? Scheint sie jemals ernsthaft die möglichen, wahrscheinlichen Folgen ihres Handelns unter dem Gesichtspunkt der politischen Interessen Deutschlands bedacht zu haben? Hat sich die Presse jemals auch nur ein einziges Mal ernsthaft gefragt, ob sie nicht zur Zerstörung des Fundaments des Bündnisses, das die relative Macht Deutschlands in Europa sichert, beigetragen hat, indem sie seit Jahren mit unbegreiflicher Hartnäckigkeit versucht hat, die gegenseitige Gesinnung der beiden Länder zu verschärfen, zu vergiften und unwiderruflich zu stören? […]
Und wenn eine plötzliche Erschütterung in Europa eintritt und der uralte Streit, der vor dreißig Jahren zu Euren Gunsten entschieden wurde, wieder aufflammen sollte, würde Russland Eure Herrscher gewiss nicht im Stich lassen, noch würden sie es im Stich lassen. Aber dann wird es wohl notwendig sein, die Früchte dessen zu ernten, was jetzt gesät wird: Die Früchte, die durch die Spaltung der Gemüter gewachsen sind, können für Deutschland bitter sein; es wird, wie ich fürchte, neue Abtrünnigkeit und neuen Streit geben. Und dann, mein gnädiger Herr, müsstet Ihr für Euer momentanes Unrecht an uns teuer bezahlen.
Übersetzung aus dem Russischen von Alexej Karelski


