In Not: Moskaus Wohnungsmarkt und das Coronavirus

Das Coronavirus wirbelt den Wohnungsmarkt durcheinander. Preise und Nachfrage könnten auch langfristig fallen. Doch es gibt auch Profiteure.

Wohnungsmarkt
Wohnungen sind ein begehrtes Gut in Moskau. Nach der Corona-Krise könnten sie günstiger werden. (Foto: Alexander Awilow/ AGN Moskwa)

Es wirkt schon beinahe verzweifelt, was man in den vergangenen Wochen in der beliebten Facebook-Gruppe „Flats for Friends“ lesen und erleben kann. Zimmer und Wohnungen in bester Lage werden immer wieder neu inseriert. Es findet sich niemand, der sie haben will. Andere versuchen es mit Rabatten für die Zeit der Selbstisolation. Oder sie bieten Interessenten an, die Taxifahrt zur Wohnung zu bezahlen – Hauptsache, jemand will einziehen. Egal ob mieten oder kaufen, Corona hat auch den Moskauer Wohnungsmarkt fest im Griff. 

Dabei sah es Anfang März noch ganz anders aus. Damals war die Nachfrage nach Wohnraum ungebrochen hoch. Sie lag sogar zehn Prozent über dem Vorjahresniveau. Doch schon Mitte März kam die Wende. Immobilienportale wie ZIAN und Yandex.Nedwischimost verzeichneten seitdem ein Drittel weniger Zugriffe. 

Mit der Anfang April verordneten Selbstisolation hat sich die Situation erneut verschärft. Denn viele Menschen verloren ihre Arbeit oder mussten einschneidende Gehaltskürzungen hinnehmen. Deshalb sagen immer mehr Vermieter Besichtigungen ab: aus Angst, die Mieter werden nicht zahlen können. Der Tageszeitung „Kommersant“ erzählten Vermieter, dass es viele Probleme mit Menschen gebe, die auf einmal aus Geldmangel um Stundung der Miete bitten. 

Mieter und Vermieter gehen aufeinander zu

Moskaus Wohnungsbesitzer befinden sich in einer Zwickmühle. Denn sie brauchen das Geld oft, um Hypotheken abzuzahlen. Pochen sie aber auf die (oft illegal) vereinbarte Summe, müssen sie damit rechnen, dass ihre Mieter ausziehen oder zumindest damit drohen. 

Und so kommen viele Eigentümer ihren Mietern unkompliziert mit Preisnachlässen entgegen. Eine Umfrage bei „Flats for Friends“ hat ergeben, dass viele Vermieter bei finanziellen Problemen ihrer Mieter bereit sind, 30 bis 40 Prozent weniger zu verlangen. Manch einer bietet sogar an, nur so viel zu nehmen, wie man zahlen kann. Bekannt sind auch mehrere Fälle, in denen Mieter für die Zeit der Selbstisolation nur die Nebenkosten zahlen müssen oder der Vermieter sie einfach übernimmt. Das gemeinsame Ziel scheint die Verhinderung des Auszugs zu sein. Zumal in naher Zukunft wieder die volle Mietzahlung winkt.  

Auch wenn ein Ende der Corona-Pandemie absehbar scheint, ist die Verunsicherung von Wohnungsinhabern spürbar gestiegen. Ende April schrieb die Immobilienagentur Asbuka schilja in einem Papier, dass der Sekundärmarkt um ein Viertel eingebrochen sei. Normalerweise findet eine Einzimmerwohnung innerhalb von ein bis zwei Monaten einen neuen Besitzer. Angesichts der aktuellen Situation dauert der Verkauf jedoch deutlich länger. Aus Angst vor der sinkenden Nachfrage und schwankenden Preisen veräußern deshalb immer mehr Menschen ihre Wohnungen an Immobilienverwalter, zitiert das Nachrichtenportal „Lenta“ aus dem Papier. 

Die Preise könnten langfristig sinken

Wie sich das Coronavirus auf den Moskauer Wohnungsmarkt auswirken wird, lässt sich noch nicht genau vorhersagen. ZIAN geht davon aus, dass die Mieten dauerhaft um 10 bis 15 Prozent sinken können. Bei Eigentumswohungen sind es bereits drei Prozent, in den kommenden Jahren könnten es gar 20 bis 30 Prozent werden, schreibt die Wirtschaftszeitung „Wedomosti“. Das scheinen viele Interessenten zu spüren und warten die Krise ab, um danach eine neue Bleibe zu suchen.

Für manch einen könnte sich das Warten wirklich auszahlen. Denn es könnte in der Nach-Corona-Zeit auch Gewinner auf dem Wohnungsmarkt geben:  Diejenigen, die während der Selbstisolation keine Gehaltseinbußen hinnehmen mussten. Sie werden in der komfortablen Lage sein, auf einem günstigeren und aufgeräumten Markt eine neue Wohnung näher am Zentrum zu suchen, für die sie vielleicht nur so viel zahlen, wie für ihre bisherige irgendwo am Stadtrand.

Daniel Säwert

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