In Lenins Schatten

Das Lenin-Mausoleum und der einbalsamierte Körper des kommunistischen Revolutionsführers sind weltbekannt. Doch wer kennt schon die Mumie von Nikolai Pirogow? Der russische Mediziner wurde bereits ein halbes Jahrhundert vor Lenin einbalsamiert.

Seit 139 Jahren wird Nikolai Pirogow in seiner Familiengruft in der ukrainischen Stadt Wischnja aufgebahrt. (Foto: vezha.vn.ua)

Soll man ihn beisetzen oder doch weiter in seinem Mausoleum auf dem Roten Platz ausstellen? Der Umgang mit dem Leichnam von Wladimir Lenin treibt Russland seit der Perestroika um. Regelmäßig schlagen Politiker vor, die sterblichen Überreste des Revolutionsführers endgültig der Erde zu übergeben. Genauso oft empören sich Russlands Kommunisten über die Vorstöße. Erst Mitte September sah sich der russische Architektenverband gezwungen, einen Ideenwettbewerb über alternative Nutzungskonzepte des Mausoleums nach nur 24 Stunden zu beenden. Zu laut tobte zuvor der Shitstorm.

Russlands erste Mumie

Allerdings ist die wächserne Mumie in Moskaus Zentrum nicht der erste öffentlich ausgestellte Leichnam der russischsprachigen Welt. Denn knapp ein halbes Jahrhundert vor Lenin wurde bereits Nikolai Pirogow für die Nachwelt konserviert. Seit nunmehr 139 Jahren wird sein erstaunlich gut erhaltener Körper in einer Gruft am Rand der ukrainischen Stadt Winniza aufgebahrt. Die 1881 ausgestellte Mumie überstand Oktoberumsturz, Revolutionswirren, den Zweiten Weltkrieg und den Zusammenbruch der Sowjetunion. Bis heute pilgern Touristen und Medizinstudenten zum Sarg Pirogows. Der 1810 in Moskau geborene Chirurg galt zu Lebzeiten als medizinische Ausnahmeerscheinung. Zahlreiche Legenden rankten sich um sein Können. So sollen rus­sische Soldaten den von einer Kanonenkugel enthaupteten Körper eines Kameraden während des Krimkrieges unter größten Mühen in eine Medizinstation geschleppt haben. „Den Kopf näht Pirogow wieder an“, erklärten die Krieger dem entgeisterten Personal voller Überzeugung. Der Ruf hatte seinen Grund: Pirogow erfand unter anderem den bis heute verwendeten Gipsverband, erarbeitete einen präzisen Anatomie-Atlas und verwendete als einer der ersten schmerzlindernde Äthernarkosen.

Erfand den Gipsverband: Nikolai Pirogow war im 19. Jahrhundert Russlands bekanntester Chirurg. (Foto: forpost-sz.ru)

Als der hoch angesehene Mediziner 1881 auf seinem Landsitz im ukrainischen Dorf Wischnja verstarb, entschloss sich seine Witwe zur Einbalsamierung ihres Gatten. Sogar die orthodoxe Kirche segnete das ungewöhnliche Ansinnen ab. „Damit die Jünger und Fortführer der edlen und gottgefälligen Taten Pirogows seine helle Erscheinung sehen können“, begründete der heilige Synod seine Entscheidung. Den Auftrag für die Konservierung erhielt Pirogows Schüler Dawid Wydowzew. Im Gegensatz zu der später bei Lenin angewandten Technik kam der Petersburger Mediziner mit nur einigen Schnitten aus. Herz, Gehirn und andere Organe verblieben in Pirogows Körper. Um einer Zersetzung entgegenzuwirken, befüllte Wydowzew die Arterien des Leichnams mit einer Lösung aus Alkohol, Thymol, Glyzerin und destilliertem Wasser. Über die genaue Zusammensetzung der Tinktur zerbrechen sich Wissenschaftler bis heute die Köpfe. Das Resultat der Prozedur war beeindruckend. Pirogow wirke, als sei er vor wenigen Tagen eingeschlafen, schrieben Zeitzeugen.

Eigentlich nicht mehr zu retten

Die nächsten Jahrzehnte überstand die Mumie unbeschadet in der Familiengruft. Doch nach der Oktoberrevolution flüchteten Pirogows Nachkommen ins Ausland und die Anlage verwilderte. Ende der 1920er Jahre plünderten Grabräuber Pirogows Sarkophag und ließen wertvolle Grabbeigaben wie einen Säbel und das Taufkreuz des Mediziners mitgehen. Was noch schlimmer war: Der Einbruch zerstörte das sensible Mikroklima im Sarg, die Mumie war fortan Bakterien und Feuchtigkeit schutzlos ausgesetzt. Den Gebeinen drohe zweifellos völlige Zerstörung, befand 1927 eine Kommission, welche den Zustand der Leiche erstmals wissenschaftlich begutachtete. Doch trotz Schimmelbefall und teilweiser Fäulnis wurde eine Prozedur zu Wiederherstellung der Mumie erst für 1941 angesetzt. Doch der Überfall Hitlers auf die Sowjetunion durchkreuzte die Pläne. Bei der ersten Untersuchung nach dem Kriegsende 1945 bezeichneten Wissenschaftler die stark angegriffene Mumie als endgültig verloren.

Tausende Medizinstudenten, Touristen und Pilger besuchen den Sarkopharg Pirogows. (Foto: yaplakal.com)

Doch vor dem völligen Zerfall rettete Pirogow schließlich die sowjetische Propaganda. Stalins Ideologen hatten aus dem zaristischen Geheimrat längst einen unermüd­lichen Humanisten geformt, welcher sich selbstlos für sein Volk aufopfere. Pirogow war unverzichtbar. Und so ordnete Stalin das Unmögliche an – die völlige Wiederherstellung der Mumie. Fast vier Monate arbeiteten Mitarbeiter des Wissenschaftlichen Labors des Lenin-Mausoleums an der stark verwesten Leiche. Gegen alle Wahrscheinlichkeiten konnten die Wissenschaftler den Körper Pirogows retten – rund 65 Jahre nach dessen Tod. 1947 eröffnete in Wischnja ein Pirogow-Museum. Bis zum Ende der Sowjetunion wurde Pirogows Leichnam vom Moskauer Forschungszentrum für biomedizinische Technologien betreut. Die auch für Lenin zuständigen Spezialisten balsamierten den Körper alle sieben Jahre neu ein, ukrainische Mediziner überwachten seinen Zustand in der Zwischenzeit. Die Arbeitsteilung überdauerte das Ende des Kommunismus – bis zur Ukrainekrise. Im Frühling 2018 wurde die nunmehr zehnte Neubalsamierung erstmals von ukrainischen Experten der Universität Winniza durchgeführt.

Birger Schütz

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