Geste der Freundschaft

Vor gut einem Jahr wurde in Syhra bei Leipzig das Denkmal zweier sowjetischer Piloten neu eingeweiht, die für das sächsische Dorf ihr Leben gaben. In politisch eher angespannten Zeiten erinnert die Tochter eines der beiden Helden an eine Geschichte voller Menschlichkeit.

Ein roter Obelisk erinnert in Syhra an den Absturz von 1966. (Foto: Jelena Staschewskaja)

Als Oberst Viktor Schandakow und Major Juri Wladimirow am 19. Oktober 1966 zu ihrem Trainingsflug abhoben, ahnten sie nicht, dass dies der letzte Tag in ihrem Leben werden sollte. Die beiden Sowjetpiloten waren bereits auf dem Rückweg zum Landeplatz, als der Motor ihres neuen Abfangjägers MiG-21 plötzlich Feuer fing. Eigentlich wäre genug Zeit geblieben, sich mithilfe der Schleudersitze in Sicherheit zu bringen. Doch die unter dem Flieger leuchtenden Fenster des sächsischen Dorfes Syhra bei Leipzig stellten die Männer vor eine gnadenlose Wahl: Entweder das eigene Leben retten und dafür Opfer in der deutschen Zivilbevölkerung in Kauf nehmen – oder den wahrscheinlichen Tod riskieren.

Die DDR schuf den Piloten ein Andenken

So nahm die Geschichte ihr ebenso trauriges wie ehrwürdiges Ende: Bei ihrer Bruchlandung auf einem nahe dem Dorf gelegenen Feld verstarben sowohl Schandakow als auch Wladimirow und ließen ihre Frauen und Kinder zurück. „Mein Vater war damals gerade einmal 36 Jahre alt“, erklärt Jelena Staschewskaja, die Tochter Wladimirows. Auch wenn sich das damals noch kleine Mädchen nicht mehr allzu gut an seinen Vater erinnern kann, prägte das Unglück ihr Leben und das der gesamten Familie immens: „Meine Mutter hat mir viel über ihn erzählt. Mein älterer Bruder wurde entgegen ihrer dringenden Bitte ebenfalls Pilot, wenn auch kein Soldat. Als ich aufgewachsen bin, habe ich mich oft gefragt, was mein Vater in den letzten Sekunden gedacht haben mag.“

Ihrem Vater und dessem Genossen ließ die DDR 1967 für deren selbstlose Heldentat ein Denkmal nahe dem Absturzort errichten. Nach der Wende wurde das kleine, aber charmante Bauwerk jedoch von öffentlicher Seite sich selbst überlassen. Den Menschen in Syhra geriet das Opfer der beiden Russen allerdings keineswegs in Vergessenheit: Der örtliche Verband der Partei Die Linke ließ den Obelisken in Kooperation mit den Eigentümern sanieren. Finanziert wurden die instandhaltenden Maßnahmen durch eine bemerkenswerte Spendenaktion. Nicht nur die Einwohner Syhras, sondern auch große Teile der umliegenden Bevölkerung beteiligten sich an dem Projekt.

Das russische Fernsehen berichtete

Die Initiative schaffte es bis ins russische Fernsehen und auch auf Jelena Staschewskajas Bildschirm: „Am 1. September des letzten Jahres habe ich meine Wohnung geputzt. Der Fernseher lief und aus dem Augenwinkel sehe ich eine Geschichte über die Eröffnung eines Denkmals in Deutschland.“ Plötzlich wurde ihr klar: „Oh mein Gott! Das ist das Denkmal für meinen Vater!“

Umgehend meldete sich Staschewskaja im russischen Konsulat Leipzig, das den Kontakt zu den Organisatoren der Spendensammlung herstellte. „Die deutschen Freunde haben meinen Sohn und mich dann in ihr Land eingeladen“, freut sich Staschewskaja, die bereits 1967 für die Eröffnung des Ehrenmals in Deutschland zu Gast war. „Wir wurden sehr herzlich und aufrichtig empfangen. Mein Sohn und ich spürten den unbedingten Wunsch der eigentlich unbekannten, aber jetzt uns so nahen Bewohner, die Erinnerung weiter zu bewahren.“

Staschewskaja ist den Deutschen dankbar

Der Tochter bedeutet die Initiative der Deutschen besonders in den heutigen Zeiten unheimlich viel: „Alle haben geholfen: Ältere Menschen, die damals noch Augenzeugen waren, aber auch ihre Kinder und Enkel. Sie gedenken und ehren trotz aller politischen Veränderungen und Stimmungen. Dafür verbeuge ich mich tief vor ihnen.“ Auch Jelena Staschewskaja möchte bei allem Wirbel so bald wie möglich zu dem Denkmal ihres Vaters zurückkehren.

Patrick Volknant

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