Für die Deutschen aus Russland

Am 21. Februar hat die Welt den Tag der Muttersprache begangen. Was es dabei zu feiern gibt, mag nicht jedem sofort einleuchten. Das ist kein Unabhängigkeitstag, der erst erkämpft werden muss. Doch manchmal gilt das auch für das Recht auf die Muttersprache, wie Nelli Kossko weiß. Ein Porträt.

Foto: Nina Paulsen

Mutig, stark, wissbegierig und lebenshungrig ist Nelli Kossko schon ihr ganzes Leben gewesen. Eine „eiserne Lady“, die auch heute noch immer bereit ist, in den Kampf zu ziehen. Zu danken dafür hat sie ihrer Mutter, die in ihrem Bestreben, der Tochter eine solide Ausbildung zu ermöglichen, wie besessen war. Vielleicht ist es auch ihre eigene Offenheit und Hartnäckigkeit, die sie durch das Leben jagt und sie zu neuen Horizonten führt.

Kossko wollte mehr erreichen als andere

Im Jahr 1956 schloss sie die Schule ab. Dieses Ereignis fiel zum Glück mit der sogenannten „Befreiung“ vom Sondersiedlerstatus (den deportierten Russlanddeutschen wurde 1954 genehmigt, die Sondersiedlungen zu verlassen – Anm. d. Red.) zusammen und Nelli fuhr von der Kolyma in den 9000 Kilometer entfernten Ural, um dort zu studieren. Nicht jeder junge Mensch riskierte in diesen schweren Zeiten ein Studium aufzunehmen, die meisten ihrer Bekannten strebten andere Ziele an: „ein Häusle bauen, Geld verdienen, Familie gründen“.

Für Nelli wäre solch ein eintöniges Leben kaum denkbar gewesen, denn sie setzte andere Prioritäten und hatte ein anderes Wertesystem vor Augen. Sie fühlte sich in der Lage, die notwendigen Schritte in die eigene Zukunft zu konkretisieren und auszuführen. Schon als neunjähriges Mädchen hatte sie gelernt, Entscheidungen zu treffen und tat es damals, um ihre eigene Existenz und die ihrer Mutter zu sichern und beide vor der Hungersnot zu retten.

Nelli mit ihrer Mutter im Gebiet Kostroma, 1950er. Foto: privat

Seit ihrer Jugendzeit prägte der Alltag ihren Werdegang, der einerseits voller Hass gegen die Deutschen und alles Deutsche gekennzeichnet war, andererseits aber vom Druck der Mutter, die nicht müde wurde zu wiederholen, dass sie „deutsch sprechen, deutsch beten, deutsch schreiben und deutsch bleiben muss“. Dies führte dazu, dass Nelli und ihresgleichen geächtet, verhasst und zu Außenseitern wurden. Es gab da aber noch etwas, das ihr Leben beeinflusste und dessen Stärke sie erst in Deutschland einschätzen konnte.

Als Deutsche eine Außenseiterin

Es waren die russische Gesellschaft, die russischen Menschen, die russische Musik, die russische Literatur und die russische Lebensart – all das hat sie nicht weniger geprägt als die deutsche Lebensart zu Hause, die die Mutter mit Strenge pflegte. Mit Erstaunen stellt Nelli heute fest: Je älter sie wird, desto stärker fühlt sie dieses besondere „Russland“. In Moldawien, wo sie zuletzt mit ihrer Familie bis zur Ausreise lebte, konnte man den Sender RIAS Berlin empfangen. Er brachte ihr jeden Abend ein Stück Heimat ins Haus – den lieblichen Klang der Muttersprache und den der deutschen Volkslieder.

Oft kamen ihr beim Zuhören die Tränen. Eines Abends erwischte sie dabei eine ihrer Studentinnen, die aber damals dazu nichts sagte. Erst beim Abschied meinte sie: „Sind Sie sicher, dass Sie in Deutschland beim Klang der russischen Weisen nicht auch weinen werden?“ Nelli denkt oft an ihre Worte, in denen ein gerüttelt Maß an Wahrheit liegt. Sie mag die wohltuende Wärme der russischen Melodien sowie die Klangfarbe alter deutschen Volkslieder und nimmt beides mit dem gleichen Gefühl der Dankbarkeit auf.

Der Blick ist stets nach vorn gerichtet

Nelli Kossko ist nicht nachtragend, sie kann verzeihen und hat es gelernt, zwischen dem russischen Volk und der sowjetischen Ideologie zu unterscheiden. Diese Charaktereigenschaft erleichtert ihr, die Vergangenheit objektiv aufzuarbeiten und das, was man ihr in der Sowjetunion angetan hat, abzumildern. Doch mit Vergessen hat das nichts zu tun.

Dass vielen ihrer Landsleute dieser Sinn fehlt, wenn es um die stalinistische Vergangenheit geht, und beide Seiten, die Russen wie die Deutschen, immer wieder gegeneinander aufrechnen, bedauert die Schriftstellerin sehr. Sie selbst hat noch immer versucht, nicht im Zorn zurückzublicken, sondern nach vorne zu schauen und jeden Tag wie ein Geschenk Gottes zu empfangen.

Ihr ganzes Leben war und ist auf die Sekunde verplant und von der Zeit bestimmt. Heute hat Nelli Kossko vor allem sich selbst zu verdanken, dass ihre Lebensbahn, allen Schicksalshürden und Unannehmlichkeiten zum Trotz, abwechslungsreich und glücklich ist und sie volles Recht hat, auf all das, was sie bisher erwirkte, stolz zu sein.

Erfolgreiche Selfmade-Frau

Vor allem, weil es ihr gegönnt war, einen wesentlichen Beitrag für ihr Volk zu leisten, sei es in moralischer Unterstützung der entrechteten und geknebelten Ausreisewilligen, in der Hilfeleistung beim Erlangen der Ausreisegenehmigung, bei der Herstellung von Kontakten zu Verwandten drüben und hier über die Sendungen der Deutschen Welle, wo sie schon im ersten Jahr in Deutschland das Glück hatte, angestellt zu werden. „Gott hat dir nicht von ungefähr das Mikro in die Hand gedrückt, tu was für deine Leute“ – dachte sie damals und hat die Möglichkeiten ihres Jobs im Laufe von 19 Jahren voll und ganz für diesen Zweck genutzt.

Die Journalistin bei der Deutschen Welle, 1980. Foto: privat

Als dann in den 90ern die große Welle der russlanddeutschen Aussiedler mit riesigen Integrationsproblemen, minimalen Sprachkenntnissen und null Ahnung von der neuen Heimat kam, stampfte Nelli Kossko die russischsprachige Zeitung „Ost Express“ aus dem Boden mit dem Ziel, ihre Landsleute über Deutschland auf allen Ebenen und in allen Bereichen in der Sprache, die sie beherrschten, aufzuklären.

Engagiert für Neuankömmlinge aus dem Osten

Die Zeitung erntete Lob, Anerkennung und Dankbarkeit der Leser, die sich ohne sie nicht hätten zurechtfinden können. Lange Jahre engagierte sie sich in der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland als Bundesvorstandsmitglied und stand mit aufopfernder Hingabe im Dienste ihrer Landsleute. Für ihren Einsatz wurde sie 2007 mit der Goldenen Nadel der LMdR ausgezeichnet.

Ihr Stolz bezieht sich auch auf ihr langjähriges Engagement für eine bessere Verständigung zwischen den Russlanddeutschen und den einheimischen Deutschen. In Zeitungen und Zeitschriften publizierte sie zahlreiche kulturpolitische Beiträge, Abhandlungen und Erzählungen auf Deutsch und in Russisch, in denen sie der Gesellschaft ihre Erkenntnisse mitteilte und hielt ihre Erfahrungen, die sie in Kriegs- und Nachkriegszeiten machte, in ihren Büchern fest.

Bundesverdienstkreuz für ihr Lebenswerk

In den Werken „Die geraubte Kindheit“, „Am anderen Ende der Welt“, „Wo ist das Land…“ und „Du, mein geliebter „Russe“ erzählt die Schriftstellerin Nelli Kossko die zum großen Teil noch unbekannte Geschichte der Russlanddeutschen, weil sie weiß, dass in unserer Gesellschaft dieses Thema noch immer auf Vorurteile, Desinteresse und Unkenntnis stößt.

Besonderen Stolz empfand Nelli Kossko als sie 2008 mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet wurde. Bei der Überreichung dieser großen Auszeichnung in Mainz bedankte sie sich nicht nur in ihrem eigenen Namen, sondern im Namen aller Russlanddeutschen, die den schweren Weg zurück geschafft haben: „Es ist eine große Ehre für mich, diese hohe Auszeichnung unseres Landes entgegennehmen zu dürfen, und ich darf sie wohl als eine Auszeichnung nicht nur für mich persönlich betrachten, sondern für die Deutschen aus Russland, für die Menschen, die nach mehr als einem halben Jahrhundert Verfolgung hierhergekommen sind, um eine Heimat zu finden.“

Bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, 2008. Foto: privat

Trotz vieler Turbulenzen Familienmensch geblieben

Die Schriftstellerin Nelli Kossko musste in ihrem Leben eine Menge wichtiger Entscheidungen treffen, ist aber überzeugt, dass die wichtigste und richtige davon der Entschluss war, nach Deutschland auszuwandern. Und seit 1975, als sie mit ihrer Familie in das Land ihrer Sehnsüchte kam, hat sie es keine Minute bereut. Insbesondere wenn sie sieht, wie sich ihre Kinder, Enkel und Urenkel entfalten: Sie weiß, dass sie recht behalten hatte. Und darauf ist sie auch mächtig stolz, denn nebst ihrer turbulenten Lebensweise ist es ihr trotz unzähligen beruflichen und öffentlichen Aufgaben, die sie all die Jahre erfüllte, gelungen, mit Haut und Haar ein ausgesprochener Familienmensch zu bleiben. Sie fühlt sich in der Rolle einer glücklichen Mutter und heißgeliebten Oma und Uroma sehr wohl.

Im Nachwort zu ihrem Buch „Wie Sand zwischen meinen Fingern“ schreibt Nelli Kossko: „Es gab verschiedene Tage in meinem Leben: düstere und ausweglose, regnerische und sonnige, es gab Kummer und Glück, Freundschaft und Verrat, und es gab die große Liebe…“ Summa summarum ergab sich aus all diesen Erlebnissen eine bunte Palette von Gefühlen, die den Charakter der Schriftstellerin formten, ihre Durchsetzungskraft stärkten und sie zu einer Kämpferin und einer faszinierenden und erfolgreichen Frau machten, zu einer Frau, die Augenblicke wahrnehmen und festhalten konnte.

Rose Steinmark

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