Frische Brise bei der Windkraft

In Sachen Windkraft und generell erneuerbaren Energien kam Russland lange Zeit kaum vom Fleck. Der Anteil von Öko-Strom bewegt sich nach wie vor im Promillebereich. Doch die Zahl wird bereits dieses Jahr kräftig steigen, wenn auch einstweilen auf niedrigem Niveau.

In der Region Uljanowsk gedeihen nicht nur Sonnenblumen, sondern auch Windkraftanlagen. (Foto: Stiftung von Rosnano und Fortum zur Entwicklung der Wind­energie)

Die Energiewende in Deutschland las sich im ersten Quartal so: Erstmals überhaupt wurde mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien wie Sonnen- und Windenergie gedeckt. Ihr Anteil lag bei rund 52 Prozent des Bedarfs. Das war ein Plus von etwa acht Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Kritiker bemängelten allerdings, dass der Ausbau von Windkraft- und Photo­voltaik-Anlagen stocke, was die deutsche Zielmarke von 65 Prozent Öko-Strom-Anteil im Jahr 2030 gefährde.

In Russland spielten die Erneuer­baren bisher nicht nur keine Hauptrolle, sondern noch nicht einmal eine Nebenrolle. Ihr Anteil am Energiemix in Höhe von 0,15 Prozent im Jahr 2019 war praktisch zu vernachlässigen, wobei Windkraft zu diesem Wert ganze 0,03 Prozent beisteuerte. Die Zahlen stammen vom Russischen Verband der Windindustrie, der den eigenen Stellenwert wohl kaum untertreiben wird. Zum Vergleich: Auf Gas- und Kohle­kraftwerke entfallen etwa 63 Prozent der Stromproduktion, auf Atomkraft über 19 Prozent und auf große Wasserkraftwerke (die wegen ihrer Eingriffe in die Natur allgemein nicht zu den regenerativen Energien gezählt werden) knapp 18 Prozent.

Kein Platz in der Energiestrategie

Auch in der neuen Energiestrategie bis 2035, die von der russischen Regierung Anfang April verabschiedet wurde, ist von einem Sinneswandel nichts zu spüren. Nichttraditionelle Energien spielen darin keine Rolle und werden höchstens indirekt erwähnt. Für einen „Modernisierungsruck“ müssten fossile Energieträger um nichtfossile ergänzt werden, heißt es beispielsweise. Ob das auch Sonne, Wind und andere erneuerbare Energien einschließt, bleibt offen. Allgemein wird darauf verwiesen, dass die Energiewirtschaft nicht nur der sozioökonomischen Entwicklung Russlands verpflichtet ist, sondern auch dem Umweltschutz und den Verpflichtungen, die das Land im Zuge des Pariser Klimaabkommens eingegangen ist.

Doch wie ist es zu erklären, dass Russland mit seiner riesigen Landmasse und den scheinbar gewaltigen natürlichen Ressourcen so wenig auf erneuerbare Energien setzt? Till Überrück-Fries, Abteilungsleiter Energiewirtschaft und Erneuer­bare Energien bei der AHK in St. Petersburg, sagt, Russland betrachte das nicht als Priorität und glaube nicht, dass man eine Energiewende brauche. Zudem dürfe man auch die natürlichen Voraussetzungen nicht überbewerten: Bei zwei Drittel der Fläche handele es sich um isolierte Gebiete ohne Anschluss an die zentrale Stromversorgung. Dort Öko-Strom erzeugen zu wollen, kommt also von vornherein nicht in Frage – es sei denn für den lokalen Verbrauch.

Windkraftleistung vervierfacht

Anders als es die Zahlen vielleicht nahelegen, finden die erneuerbaren Energien aber durchaus Beachtung in Russland. Am 1. Mai ging der Windpark Kamenskaja in der südrussischen Oblast Rostow am Don mit 26 Windrädern und einer Gesamtkapazität von 100 MW ans Netz. Er ist das zweite abgeschlossene Vorhaben der Stiftung zur Entwicklung der Wind­energie, die der Staatskonzern Rosnano und das Unternehmen Fortum aufgelegt haben. Ein weiterer Großinvestor in der Windkraftbranche ist mit Rosatom ein anderer Staatskonzern. Die Rosatom-Tochter NovaWind nahm im März 2020 ihren ersten Windpark in der russischen Republik Adygeja in Betrieb. Mit 60 Windrädern und 150 MW Gesamtleistung ist es die bislang größte Anlage in Russland.

Allein in den ersten fünf Monaten hat sich die Leistungskraft der Windkraftwerke in Russland gegenüber 2019 vervierfacht. Viele weitere Projekte sind noch im Bau oder bereits genehmigt. Bis 2024 soll die Kapazität auf Grundlage des geltenden Förderprogramms bis auf 3,4 GW ausgebaut werden. Nach heutigem Stand wäre das Platz 23 in der Welt.

Attraktive staatliche Förderung

Russland habe lange gebraucht, um einen attraktiven Fördermechanismus auf den Weg zu bringen, sagt Till Überrück-Fries. Deshalb sei auch die Projektvergabe erst in der jüngeren Vergangenheit so richtig angelaufen, verbunden mit weitgehenden Lokalisierungsauflagen. Anders als noch vor ein paar Jahren gebe es inzwischen einen Markt für erneuer­bare Energien. Das Interesse auch von deutschen Unternehmen ist erheblich, zumal die Förderung als durchaus attraktiv bezeichnet werden kann. Sie erfolgt nicht wie in Deutschland über den Strompreis, stattdessen wird die Leistung vergütet. Mit den sogenannten DPM-WIE-Verträgen ist für Öko-Strom-Produzenten sichergestellt, dass sie ihre Investitionskosten erstattet bekommen: Sie erhalten eine jährliche Rendite von zwölf Prozent – garantiert für einen Zeitraum von 15 Jahren. Das Programm soll aktuell über 2024 hinaus bis 2030 verlängert werden.

Russland wolle auch ohne große Energiewende international zumindest nicht den Anschluss verpassen und eine eigene Industrie aufbauen, beschreibt Überrück-Fries den geltenden Ansatz. Einstweilen freut man sich über einen kleinen Meilenstein: Das Vestas-Werk in Uljanowsk exportierte im April erstmals in Russland produzierte Rotorblätter  – in die Vestas-Heimat Dänemark.

Tino Künzel

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