Frank de Wit: Ein Niederländer in der Arktis

Der Niederländer Frank de Wit lebt seit über zwanzig Jahren – als einer von nur einer Handvoll von EU-Bürger – auf der Kola-Halbinsel oberhalb des Polarkreises, in der Kleinstadt Montschegorsk. Dort betreibt er zusammen mit seiner Frau Swetlana eine Reiseagentur und entwickelte sich zum echten Lokalpatrioten.

Frank de Wit und seine Frau Swetlana lassen sich auch von der Pandemie nicht unterkriegen. (Foto: privat)

Frank de Wit ist in Montschegorsk bekannt wie ein bunter Hund. Als einziger Ausländer in der Kleinstadt in der Region Murmansk kennen ihn vermutlich alle Einwohner der Stadt. Auf der Straße wird er ständig gegrüßt und sogar aus dem Ausland zugereiste Fachkräfte und Experten, die zumeist für einige Tage die Nickel- und Kupferhütten der Stadt inspizieren, fragen ihn regelmäßig, ob er „Frank, der einzige EU-Bürger von Montschegorsk“ sei. Stolz erzählt der 62-Jährige der MDZ, dass ihm lediglich zwei weitere EU-Bürger bekannt seien, die dauerhaft auf der Kola-Halbinsel leben.

Franks Geschichte ist gleichermaßen spannend und ungewöhnlich. Vor über zwanzig Jahren bereits interessierte sich der aus dem Umland von den Haag stammende Südholländer für die Arktis und verkaufte nebenberuflich im ganzen Land Aktiv-Reisen in den Norden Europas. Sein primäres Interesse galt damals jedoch dem finnischen Lappland, das er mehrfach besuchte. Oft reiste er entlang der finnisch-russischen Grenze und fragte sich, wie es wohl auf der anderen Seite aussah. Im August 2001 ging es schließlich das erste Mal in den hohen Norden Russlands, wo er von einer Reiseführerin und einer Übersetzerin begleitet werden sollte. Da die Reiseführerin aber kurzfristig ausfallen musste, übernahm die Übersetzerin Swetlana spontan eine Doppelfunktion und begleitete ihn sowohl als Reiseführerin als auch Übersetzerin durch das rus­sische Lappland.

Über Finnland nach Russland

Im März 2002 heiratete das Paar in den Niederlanden, entschied sich aber, in der arktischen Kleinstadt Montschegorsk zu leben, wo die beiden im Sommer 2002 ihre Reiseagentur „Kola Travel“ eröffneten.
Auch wenn es im Winter regelmäßig kälter als minus 30 Grad wird und das Thermometer im Sommer selten mehr als 15 Grad anzeigt, ist Montschegorsk für de Wit Heimat geworden. Aber nicht nur das. Er hat sich zu einem echten Lokalpatrioten entwickelt, der auch im Ausland Montschegorsk in keinem schlechten Licht dastehen lassen will.

Als der „Lonely Planet“ im Jahr 2000 schrieb „Wenn Sie jemals den Wunsch hatten, die Hölle zu besuchen – Montschegorsk ist ihr ziemlich nahe“, schrieb de Wit eine empörte E-Mail an den Verlag, in der er sich über diese Aussage beschwerte, die seines Erachtens nicht im geringsten Maße stimme. Er schwärmt gern davon, dass Montschegorsk am Rande eines großen Sees mit mehreren Inseln gebaut und von mit Wäldern bedeckten Hügeln umgeben ist.

Für de Wit ist es eindeutig die schönste Stadt auf der Kola-Halbinsel.
Zu seiner Überraschung antwortete der „Lonely Planet“ tatsächlich und schlug vor, seine Anfrage noch einmal zu überprüfen. De Wit lud Mitarbeiter des Reiseführers in seine Stadt ein. Und tatsächlich kam jemand vorbei. Gemeinsam besuchten sie das Historische Museum der Stadt, erkundeten das Schmuckstein-Museum und probierten sich durch verschiedene Cafés und Restaurants. In der nächsten Auflage revidierte der „Lonely Planet“ tatsächlich seine Aussage. Ein Erfolg für den einzigen Ausländer der Stadt, der mittlerweile einen Antrag auf die doppelte Staatsbürgerschaft gestellt hat.

De Wit brennt für seine Stadt

Eigentlich lief für den Niederländer alles wie am Schnürchen. Die gemeinsame Reiseagentur mit Ehefrau Swetlana boomte, die Touristen kamen aus aller Welt. Am meisten jedoch kamen sie aus England, Deutschland, Norwegen, Frankreich und den Niederlanden. Auch die Zahl der Touristen aus Asien wuchs stetig. Sogar einen Neuseeländer verschlug es auf die Kola-Halbinsel.

Doch dann erreichte die Covid-Pandemie im März 2020 auch die arktischen Regionen Russlands. Die Auswirkungen der Pandemie auf seine Reiseagentur bezeichnet de Wit als „Desaster“. Er berichtet, dass die gesamte Stadt Montschegorsk von April bis September 2020 komplett abgeriegelt war, da der Staat eine Ausbreitung des Virus in den für die Wirtschaft wichtigen Kupfer- und Nickelwerken verhindern wollte. Auch wenn es in Montschegorsk verschiedenste Supermärkte und Geschäfte gibt, die noch regelmäßig und ohne größere Engpässe beliefert wurden, konnten die Leute die Stadt nicht verlassen und Menschen von außerhalb die Stadt nicht besuchen. Andere Ortschaften wie etwa Kirowsk und Apatity waren sogar für fast ein Jahr abgeriegelt, da sich dort unter anderem Phosphorfabriken befinden.

Pandemie bringt große Probleme

Zu Beginn der Pandemie unterstützte der russische Staat kleine und mittelständische Unternehmen mit günstigen Krediten und Steuerbefreiungen, wodurch das Reisebüro von de Wit überleben konnte. Mittlerweile bereisen wieder mehr Menschen die Kola-Halbinsel. Dennoch stellt de Wit fest, dass nur ein Bruchteil der Touristen von vor der Pandemie auf die Halbinsel reist. Zumeist sind es Expats aus den Metropolen. Die gesamte Organisation von Reisen – insbesondere von Gruppenfahrten – gestaltet sich als deutlich schwieriger als vor der Pandemie. Ausländische Touristen, die nicht mit russischen Impfstoffen geimpft worden sind, müssen alle 48 Stunden einen PCR-Test machen, um öffentliche Räume zu besuchen.

Teilweise müssen Frank und Swetlana die Touristen schon sehr früh am Morgen in Testzentren fahren, damit die Testergebnisse rechtzeitig eingehen. Die Testzentren liegen dabei in der dünn besiedelten russischen Arktis einige hundert Kilometer voneinander entfernt. Eine wahnsinnige logistische Ausgabe für das Ehepaar. Dennoch schaut Frank de Wit positiv in die Zukunft, denn er geht davon aus, dass Touristen in den Norden zurückkehren werden und hat in seiner neuen Heimatstadt Mon­tschegorsk inzwischen eine neue Aufgabe gefunden: Als Hundefreund hilft er ehrenamtlich dem örtlichen Hundeheim mit Neuerungen und Erweiterungen.

Svenja Petersen

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