Finger weg! Lesen Sie bloß nicht die MDZ

In dieser Woche ist die 500. Ausgabe der „Moskauer Deutschen Zeitung“ erschienen. Aber wenn Sie uns bisher noch nicht gelesen haben, dann fangen Sie lieber gar nicht erst damit an. Einige Gründe dafür finden Sie hier. Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt!

Die Welt ist kompliziert genug. Wahrscheinlich war sie das schon immer, aber heute scheint es besonders schwerzufallen, die Orientierung zu behalten. Informationsflut und Vielstimmigkeit sorgen zwar einerseits dafür, dass man zu jedem Problem so viel Input in sich hineinstopfen kann, wie man verträgt. Doch wer sich eingehender mit bestimmten Fragen beschäftigt, der merkt schnell, dass die Antworten dadurch in der Regel nicht einfacher werden. Von klugen Leuten hört man deshalb oft: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Diese demütige Erkenntnis ist andererseits ein schöner Ansporn, sich nicht auf dem Wissen von heute auszuruhen.

Die MDZ liefert alle zwei Wochen 16 Seiten deutschsprachige Lektüre über Russland. Das ist eine Herausforderung. Es steht zu befürchten, dass Sie am Ende mehr und mehr wissen wollen und mit Kurz-Schlüssen nicht mehr zufrieden sind. Das kann ganz schön anstrengend werden.

Der Mensch sucht nach Selbstbestätigung. Bei Wahlen stimmen wir nicht für die Kandidaten mit den besseren Argumenten, sondern diejenigen, die aussprechen, was man selber denkt. „Hab ich doch gleich gesagt“, „Wenn die mal auf mich hören würden“ – wer kennt solche Sprüche nicht von sich? Und die digitale Welt ist heute so eingerichtet, dass uns im News Feed bevorzugt Meinungen angezeigt werden, die zu unseren eigenen passen, so dass wir selten Widerspruch erfahren, mit dem wir uns auseinandersetzen müssten. Gerade wenn es um Russland geht, sind sich viele ihrer Sache sicher. Doch wer die MDZ liest, der läuft Gefahr, dass er mit Fakten und Meinungen konfrontiert wird, die feste Überzeugungen, liebgewonnene Vorurteile erschüttern können. Wer will das schon?

Russland ist aus einer deutschen Sicht heraus natürlich weit weg. Nicht nur geografisch, auch gefühlt. Die Redaktion der MDZ sitzt vor Ort in Moskau, der nachrichtlich noch präsentesten Stadt dieses fernen Landes. Aber wir berichten immer auch aus den russischen Regionen, sogar denen, in die sich sonst eher selten Ausländer verirren, geschweige denn Journalisten. Wie sieht es dort aus, wie leben und ticken die Menschen? Aber das ist einfach zu viel des Guten. Wen so etwas interessiert, der kann ja eine Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn buchen.

Unser Russlandbild setzt sich auch aus Bildern zusammen. Man macht sich seine Vorstellung von diesem Land. Und dann kommt die MDZ mit ihren Fotos und alles sieht anders aus, als man gedacht hat. Darauf kann man echt verzichten.

Vorsicht, das Lesen der MDZ kann sogar bis zum Äußersten führen! Nicht auszuschließen, dass Sie große Lust bekommen, Russland selbst zu besuchen. Was das dann wieder kostet! Dazu die umständliche Visabeschaffung. Sicher tut es die nächste Russland-Reportage auf Arte auch.

Tino Künzel

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