Finanzkompetenz ab der Grundschule

Sparen und Rechnen: Die russische Regierung will die Finanzkompetenz ihrer Bürger verbessern. Wo liegen die Probleme, was wird konkret unternommen und welche Ergebnisse gibt es?

Viele Russen haben ihre Ein- und Ausgaben nur schlecht im Blick. Das soll sich nun ändern. /Foto: Pressezentrum vashifinancy.ru

Einen Haushalt führen, sich über die Risiken von Krediten im Klaren sein und ein finanzielles Polster für schlechte Zeiten anlegen. Mit solchen Dingen tun sich viele Russen schwer. Deshalb hat das Finanzministerium 2011 zusammen mit der Weltbank das „Nationale Programm zur Verbesserung der Finanzkompetenz der russischen Bürger“ entwickelt, das sich auf neun Pilotregionen konzentriert.

Eine russlandweite Sparwoche

Jährlich finden im Rahmen des Projekts die „russlandweite Sparwoche“ und Finanzkompetenzwochen für Kinder und Jugendliche statt. Ziel ist es, Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen durch Workshops, Vorträge, Online-Kurse, Musicals und Spiele beizubringen, sinnvoll mit ihren Finanzen umzugehen. Zudem will das Programm die Finanzkompetenz im russischen Bildungssystem verankern. Studien des Projekts zeigen, dass nur jeder vierte russische Haushalt mit niedrigem und mittlerem Einkommen über seine Einnahmen und Ausgaben Buch führt. Mehr als die Hälfte der Russen hält selbst einfache Bankdienstleistungen für äußerst komplex. Die wenigsten wissen, an welche Organisationen sie sich wenden können, falls ihre Rechte von einem Finanzdienstleister verletzt wurden. Außerdem müssen viele Russen einen beträchtlichen Teil ihres Einkommens für Kreditrückzahlungen aufwenden. All diese Probleme seien aber nicht spezifisch russisch, sondern charakteristisch für viele Länder, sagt Pressesprecher Igor Komarow. Auch sei die Finanzkompetenz der Russen im internationalen Vergleich nicht auffallend schlecht. Laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD zur Finanzkompetenz der Bevölkerung in den G20-Ländern liegt Russland im Durchschnitt, beispielsweise vor Italien. In etwa 60 Ländern wurden ähnliche Programme entwickelt. Bei den Ursachen der Probleme sieht Komarow jedoch ein russisches Spezifikum: „Russen über 40 sind in einem Land aufgewachsen, in dem sich der Staat um jeden Bürger kümmerte. Die Menschen erkennen erst langsam, dass wir einen freien Markt haben und sie selbst für ihre finanziellen Entscheidungen verantwortlich sind.“ Fast ein Drittel der Russen sei immer noch der Meinung, dass der Staat für Verluste ihrer Ersparnisse bei Bankeinlagen oder Aktienanleihen aufkommen würde.

Finanzkompetenz ab der zweiten Klasse

Um diese Probleme anzugehen, setzt das Projekt neben öffentlichen Veranstaltungen auf die Ausbildung von Lehrern, die Finanzkompetenz in Schulen unterrichten. An drei großen russischen Universitäten wurden dafür Zentren eingerichtet. „Es ist wichtig, schon früh zu wissen, wie Banken oder Versicherungsunternehmen funktionieren, oder dass man sich finanziell auf seine Rente vorbereiten muss“, sagt Nikolaj Berson. Er leitet das Zentrum für Finanzkompetenz an der Higher School of Economics in Moskau. Dort werden Weiterbildungen für Lehrer angeboten und Materialien für Lehrer, Eltern und Schüler von der zweiten bis zur elften Klasse entwickelt. Die Schüler lernen je nach Altersstufe unterschiedliche Inhalte: von einfachen Einkaufsberechnungen über die Berechnung von Steuern und Zinsen bis hin zur Funktionsweise der russischen Zentralbank. Bis Ende 2019 sollen an mehr als der Hälfte der russischen Schulen Lehrer unterrichten, die in Finanzkompetenz ausgebildet sind. Berson ist zuversichtlich, dieses Ziel zu erreichen. Zwar sei die Ausbildung für Lehrer freiwillig, das Interesse aber vorhanden. Bis Ende 2020 werden sie über 20 000 Lehrer ausgebildet haben. „Es ist ein großer Vorteil“, so Berson, „dass die Lehrer nicht nach Moskau kommen müssen, sondern unsere Weiterbildungen in ihren Regionen besuchen können, wo sie dann auch unterrichten werden.“

Erfolg: Die Zahl der Sparer wächst

Im September dieses Jahres zog das Finanzministerium mit einer umfassenden Studie Bilanz. Und diese fiel in den Pilotregionen positiv aus. Der Anteil derjenigen, die Ersparnisse anlegen, nahm in den vergangenen sechs Jahren um acht Prozent auf 38 Prozent zu. Auch der Anteil an Personen, die wissen, wohin sie sich wenden müssen, wenn ihre Rechte von einer Bank oder einem Versicherungsunternehmen verletzt werden, ist auf fast 50 Prozent gestiegen. Und immer mehr vergleichen verschiedene Anbieter, bevor sie einen Kredit aufnehmen. Für ganz Russland sind die Ergebnisse indes nüchterner: Fast zehn Prozent weniger Russen als vor vier Jahren legen Geld für unerwartete Ausgaben zurück. Auch der Anteil der Menschen, die Kreditangebote vergleichen, ist seit 2015 gesunken und die Schuldenlast der Bevölkerung insgesamt gestiegen. Als Hauptgrund nennt die Studie die seit 2015 sinkenden Realeinkommen.

Leonie Rohner

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