Ex-Bosch-Chef Overstolz: Was ich aus meiner Zeit in Russland mitnehme

Es soll kein Abschied für immer gewesen sein. Aber erst einmal ist Hansjürgen Overstolz (63) nach Deutschland zurückgekehrt. Fünf Jahre war er Präsident von Bosch in Russland gewesen, nun geht er in den Ruhestand. Was er aus seiner Zeit in Russland mitnimmt und warum er wiederkommen möchte, sagte er der MDZ.

Hansjürgen Overstolz beim Farewell Dinner in einem Moskauer Luxushotel (Foto: Mark Smirnow)

Meine Antwort auf eine Frage, die mir in Deutschland ständig über Russland gestellt wird

Wie mit Russland umgehen? Nach fünf Jahren in diesem souveränen, an Bodenschätzen und Kulturleistung so reichen Land bin auch ich zu der festen Überzeugung gelangt, dass es dauerhaften Frieden und gedeihliches Zusammenleben in Europa nur mit Russland geben wird!

Wir müssen immer wieder daran arbeiten, den festgefahrenen Stillstand zu überwinden. Verstehen heißt nicht gutheißen, aber es ist die Voraussetzung für Kommunikation auf Augenhöhe. Und diese wiederum ist in meinen Augen der Schlüssel, um die Türen in den gemeinsamen Zukunftsraum zu öffnen.

Lassen wir uns von Hermann Hesse leiten (der übrigens als Russe in Calw geboren wurde, weil sein Großvater ins seinerzeit russische Baltikum ausgewandert und sein Vater dort aufgewachsen war): „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmög­liche versucht werden.“

Ein denkwürdiges Russlanderlebnis

Anlässlich der 500-Jahr-Feier der Reformation erlebten Moskau und Russland 2017 die Premiere der Matthäus-Passion, die vom Hamburg Ballett John Neumeier im Tschaikowski-Konzertsaal getanzt wurde. Ein unvergesslicher Moment!

Ein russischer Trinkspruch, der sich mir eingeprägt hat

„Trinken ohne Trinkspruch ist Sauferei.“

Russische Wörter, die mir treue Dienste geleistet haben

„Schjot, poschalujsta!“ (Die Rechnung, bitte!)

Meine persönlichste Russland-Geschichte

2007 war ich aus Anlass einer Hochzeit zum ersten Mal in Moskau. Das Flair des „Metropol“-Hotels, wie es im Buch „A Russian Journal“ von John Steinbeck und Robert Capa aus dem Jahr 1948 so treffend beschrieben wird, die Bootsfahrt auf der Moskwa und die Klöster haben mich beeindruckt, aber vor allem wollte ich den Nowodewi­tschi-Friedhof besuchen. Dort trat ich dann ergriffen an das Grab von Rostropowitsch. Er war gerade erst bestattet worden und sein Grabstein noch immer von einem Blumenmeer umgeben.

Warum habe ich das getan? Unmittelbar nach dem Mauerfall stand ich am 11. November 1989 auf dem Wachturm am Checkpoint Charlie in Berlin, als sich plötzlich eine kleine Delegation näherte. Einer trug einen Stuhl, ein anderer ein Cello. Und ich erkannte sofort den berühmten Cellisten Mstislaw Rostropowitsch. Er war an diesem Morgen eigens aus Frankreich eingeflogen worden, wie er uns erklärte. Er wolle jetzt Bach spielen, sagte er auf Deutsch – für alle, die an der Mauer ihr Leben verloren hatten. Es war ein sehr emotionaler Moment. Ich habe einige Tränen vergossen und Rostropowitsch muss das erkannt haben.

Er erwähnte diese Begebenheit später in einem Radiointerview. Als es anlässlich seines Todes ausgestrahlt wurde, saß ich im Auto und hörte es zufällig im Radio. Er sagte, dass er in dem Augenblick, als er einen jungen Mann unter Tränen vor sich sah, wusste, dass seine eigene spontane Handlung in diesem sehr historischen Moment genau die richtige Antwort gewesen sei.

18 Jahre danach war ich wieder sehr bewegt, als ich an seinem Grab stand. Das habe ich inzwischen wiederholen können. Im Übrigen wohnte ich die letzten fünf Jahre unweit der Opernschule, die Rostropowitschs berühmte Frau Galina Wischnewskaja gegründet hat. Ich war mehrfach zu Aufführungen dort.

Vom Moskauer Flughafen Scheremetjewo, nur wenige Kilometer von der Bosch-Zentrale in Chimki entfernt, ging es für Hansjürgen Overstolz Ende Januar zurück nach Deutschland. Doch mit Russland ist er noch lange nicht fertig. (Foto: Tino Künzel)

Etwas, das ich in Deutschland vermissen werde

Die wunderbaren klassischen Konzerte in Moskau! Manchmal hatte ich Schwierigkeiten, mich am Wochenende bei der Vielfalt des Angebots im Konservatorium, im Haus der Musik, im Tschaikowski- oder im neuen Sarjadje-Konzertsaal zu entscheiden. Das werde ich auf jeden Fall vermissen.

Meine liebsten Mitbringsel aus Russland

Die Schokolade mit dem „Kopftuchmädchen“ („Aljonka“ – d.  Red.) und die Matrjoschkas.

Ein triftiger Grund, noch einmal nach Russland zu kommen

Ich bleibe der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer und dem Deutsch-Russischen Forum eng verbunden. Der Wunsch und das Interesse an einer Stärkung der Zusammenarbeit, an der Intensivierung der wirtschaftlichen und zivilen Beziehungen nehmen ständig zu. Zum Jahreswechsel hat die AHK die „Schallmauer“ von 1000 Mitgliedern erreicht. Der Trend hält an – nicht trotz, sondern eher wegen der ganzen gegenwärtigen Schwierigkeiten. Im Januar haben sich schon wieder fast 40 neue Mitgliedsinteressenten gemeldet!

Aber nicht allein die Arbeit der AHK, sondern mein Herzblut für das Land und die wunderbaren Menschen sind für mich triftige Gründe, immer wiederzukehren.

Die Fragen stellte Tino Künzel.

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