Synthies und Lederjacken

In den späten 80er Jahren hielt der Synth-Pop Einzug in der Sowjetunion. Der elektronische Sound der Perestrojka hat nicht nur Einfluss auf junge Musiker von heute. Drei Gruppen von damals stehen gar wieder auf der Bühne.

Aljans: Die Band mit dem Elektropop-Hit „Na Sarje“ ist zurück.
Aljans: Die Band mit dem Hit „Na Sarje“ ist zurück. (Foto: lastfm)

Als die Sängerin Monetotschka Ende 2018 in der Late-Night-Show „Wetschernij Urgant“ auftrat, löste sie einen regelrechten Internet-Hype aus. Ihr Lied „Na Sarje“ war die Coverversion eines Elektropop-Hits der Moskauer Band Aljans aus dem Jahr 1987. Das Original wurde bald zum Megahit auf YouTube und somit auch der jungen Generation bekannt.
Bis dahin war im Netz nur der Mitschnitt eines Fernsehauftritts zu finden.

Der einstige Keyboarder der Band, Oleg Parastajew, postete einige Monate später ein anderes Video, das 1987 gedreht und nie veröffentlicht wurde. Nachdem es innerhalb von zwei Tagen eine halbe Million Aufrufe hatte, sperrte YouTube den Kanal wegen Betrugsverdachts. Doch die Zugriffe waren echt, „Na Sarje“ hatte mit dem emphatischen Gesang Igor Schurawljows und den ungehobelten Synthie-Sounds erneut die Herzen des Publikums erobert.

Elektronik-Pioniere: Biokonstruktor

Pioniere des sowjetischen Elektropop: Biokonstruktor
Die Gruppe Biokonstruktor wurde 1986 in Moskau gegründet. (Foto: Discogs)

Seither haben Aljans zwei neue Alben veröffentlicht, das jüngste im vergangenen Februar. Sie knüpfen damit direkt an den New-Wave-Sound der 80er an. Dabei hatte die Band ursprünglich mit Ska und Reggae angefangen und sich nach 1987 klassischem Rock zugewandt.

Ganz dem synthetischen Sound verschrieben hatte sich von Beginn an eine Gruppe, die im Video von „Na Sarje“ im Publikum zu sehen ist: Biokonstruktor. Diese wurde 1986 in Moskau gegründet. Mit ihrem minimalistischen Elektrosound bewegten sie sich zwischen Kraftwerk und Depeche Mode. Die Bassstimme von Alexander Jakowlew gab ihren Songs ein unverkennbares Gepräge. Bekannt ist vor allem das auf dem Nowy Arbat getrehte Video zu „Teleturism“. Ihr Album „Tanzy po Video“ wurde zunächst nur auf kopierten Tonbändern verbreitet, doch die Gruppe hatte Auftritte in der ganzen Sowjetunion. Oft schlossen sich Vorträge über das Musizieren mit Synthesizern an.

Technologija trafen den Nerv der Zeit

1989 erschienen schließlich einige Songs auf einer LP beim Staatslabel Melodija, doch schon ein Jahr später löste sich die Gruppe auf. Alexander Jakowlew machte solo unter dem Namen Bio weiter, die übrigen Mitglieder gründeten zusammen mit Wladimir Netschitajlo die Band Technologija. Elektropop wurde nun vollends zum Massenphänomen. Depeche Mode waren in der späten Sowjetunion bereits ein Geheimtipp und wurden in den 90ern zu einer der beliebtesten Bands in Russland überhaupt. Technologija als deren russische Variante spielten bald vor Massenpublikum.

Technologija waren die russische Version von Depeche Mode und eine der erfolgreichsten Elektropop-Bands in Russland.
Technologija waren die russische Version von Depeche Mode. (Foto: technologia.info)

Das Konzept traf den Nerv der Zeit. Etwa das Schwarz-Weiß-Video zum Song „Cholodnyj Sled“ vom 1991 erschienenen Debütalbum: ein hämmernder Elektrobeat, metal­lische Synthie-Melodien, melancholischer Gesang, junge Männer und ein Mädchen in schwarzen Lederjacken wandeln durch eine abgehalfterte Industrielandschaft, dazu dystopische Textzeilen. Das in der Moskauer Metro gedrehte Video zum etwas schnulzigeren Song „Strannyje Tanzy“ zählt heute neun Millionen Klicks bei YouTube.

Einflüsse im heutigen Post-Punk

Es sind nicht nur Nostalgiker, die sich diese Musik anhören. „Die heutige Jugend setzt sich mit der späten Sowjetzeit auseinander. Die gegenwärtige Kultur ist voller Reminiszenzen an die 70er und 80er Jahre“, sagt Jewgenija Wasiljewa. Die 26-jährige Musikliebhaberin kannte den Sound von Technologija und Biokonstruktor zunächst von ihrem Vater. Dann bemerkte sie, dass die gegenwärtigen Post-Punk-Bands wie Molchat Doma oder Buerak sich häufig auf die Pioniere von damals beriefen. „Ich habe dann angefangen, diese Musik für mich selbst zu entdecken.“

Während die Einflüsse des alten Synthie-Sounds in den heutigen Post-Punk einfließen, sind auch die Bands von damals wieder aktiv. Neben Aljans stehen auch Technologija mit teils neuen Songs auf der Bühne, allerdings nicht in der Originalbesetzung. Der zweite Sänger Roman Rjabzew ließ wissen, er habe keine Lust mehr auf den Sound von gestern. Und Keyboarder Andrej Kochajew schloss sich wieder mit Alexander Jakowlew zusammen – so ist auch Biokonstruktor seit 2019 wieder live zu sehen.

Jiří Hönes

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