Ein Jahr im Pandemie-Modus: Wie wir Corona überlebten

In Moskau wurde nur einmal die ganz große Keule rausgeholt, um die Pandemie kleinzukriegen. Am 30. März vor einem Jahr trat eine allgemeine Ausgangssperre in Kraft, die nach mehreren Verlängerungen erst zum 9. Juni endete. Seitdem sind die Einschränkungen des Alltagslebens eher moderat und punktuell. Was den MDZ-Redakteuren durch diese Zeit geholfen hat, erzählen sie hier.

Humor ist, wenn man trotzdem lacht: Die russische Schokolade „Aljonka“ wird auf Bildchen im Internet zu „Udaljonka“ (Heimarbeit), das abgebildete Mädchen bekam eine Maske verpasst.

Daniel Säwert

Vor Kurzem wurde ich gefragt, ob ich ein obrigkeitshöriger Mensch sei. Zu überraschend war wohl die Tatsache, dass ich mich bisher an so ziemlich jede Corona-Verordnung gehalten habe. Doch die Gründe für den Rückzug aus dem öffentlichen Leben sind eher andere – Vernunft und ein wenig Furcht. Spätestens die nicht sehr schöne Begegnung mit drei bestrafungswilligen Polizisten beim Müllrausbringen hat mich darin bestärkt, die Pandemie doch lieber weitestgehend auszusitzen und möglichst viel Abstand zwischen mich und die Außenwelt zu bringen. Förderlich war und ist das weder für den Körper noch für den Geist. Doch besser so, als schwer zu erkranken, habe ich mir gedacht.

Und wenn es doch einmal raus ging, dann möglichst dorthin, wo kaum Menschen sind. Seit Jahren war ich nicht mehr in so vielen Wäldern spazieren wie 2020. Und bin so wenig Metro gefahren. So lernt man Moskau immerhin noch einmal auf eine ganz andere Weise kennen. Die Impfung war für mich eine innere Erlösung. Und der Startschuss, wieder etwas mehr zu unternehmen. Schließlich ist der Drang groß nach einem Jahr, in dem ich die meiste Zeit eingeschlossen war. Dennoch bleibt Vorsicht für mich weiterhin das Gebot der Stunde. Ich freue mich, dass das Leben Moskau in großen Teilen wieder hat. Zugleich weiß ich auch, dass das für mich nicht gilt.

Tino Künzel

Google verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Wo ich war, wie lange, auf welchem Wege und auf welche Weise ich dort hingekommen bin – alles wird minutiös erfasst, übersichtlich aufbereitet und auf einer Karte visualisiert. Dank dieser Buchführung weiß ich, dass ich im Coronajahr 2020 über 18.000 Kilometer in Russland zurückgelegt habe, wobei der Monatsrekord auf den Dezember entfiel und damit auf die „zweite Welle“.

Daraus lässt sich schon ablesen, dass die Mobilität auch in der Pandemie nur sehr bedingt eingeschränkt war. Die großen Härten beschränkten sich auf den Lockdown, der vor einem Jahr begann und zehn Wochen dauerte. Er war strenger als in Deutschland, weil er keinerlei Bewegung vorsah, die nicht durch Einkaufen oder Arbeit legitimiert war: Das Haus durfte weder zum Spazierengehen noch zum Joggen oder Radfahren verlassen werden.

Es kostete deshalb schon ein wenig Dissidententum, sich trotzdem irgendwie im Freien zu betätigen, um über der ganzen Stubenhockerei nicht den Verstand zu verlieren. Vom Überwachungs- und Polizeistaat, den manche Russland attestieren, habe ich dabei nichts gemerkt. Ich war wohl nicht zu übersehen, als mit der Zeit zum Beispiel meine Radtouren bis zum Stadtrand und darüber hinaus immer länger wurden, bin aber nie angehalten, geschweige denn bestraft worden.

Seit jenem Frühjahr hat es nichts auch nur annähernd Vergleichbares mehr gegeben. Russland versucht, die Lage sozusagen bei laufendem Betrieb unter Kontrolle zu halten, mit Standardvorkehrungen und punktuellen Maßnahmen. Von einem nicht enden wollenden Ausnahmezustand kann keine Rede sein. Das ist auch die Antwort auf die Frage, wie ich Corona überlebt habe: Mein Alltag hat sich damit kaum verändert.  

Olga Silantjewa

Über zwei Monate in einer Zweizimmerwohnung mit Ehemann und zwei Kindern im Alter von acht und anderthalb Jahren gefangen zu sein – ich kann Ihnen sagen, das geht an die Substanz. Zu allem Überfluss steckte ich mich in dieser Zeit auch noch mit dem Coronavirus an, obwohl ich gar keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzte und nur einige wenige Male einkaufen war. Ich kämpfte also mit dem Fieber – zum Glück war es nicht sehr hoch – und musste gleichzeitig arbeiten, mich um den Haushalt kümmern, einem Kind beim Online-Unterricht helfen und mit dem anderen spielen. Deshalb war es nach dem Ende des Schuljahrs höchste Zeit für einen Tapetenwechsel. Ohne die Aufhebung der letzten Corona-Maßnahmen abzuwarten, fuhren wir für einige Tage an die Ikscha-Talsperre nördlich von Moskau. Das war eine andere Welt, in der niemand Schutzmasken trug und sich alle Kinder gemeinsam auf dem Spielplatz vergnügten.

Danach war ich nicht mehr zu bremsen. Den gesamten Rest des Jahres haben wir jedes Wochenende etwas unternommen. Wir waren in Parks, in Erholungsheimen, in Freizeitzentren für Kinder, in Museen. Wir haben um die zehn kleinere Städte in umliegenden Regionen besucht. Es schien, als müssten wir uns einen Vorrat an Eindrücken anlegen, um im nächsten Lockdown davon zehren zu können. Gerüchtehalber sollte er im Herbst verhängt werden. Aber dazu kam es nicht.

Seit Januar sparen wir nun auf eine Reise ans Mittelmeer. So schön Wochenendausflüge sind, einen richtigen Sommerurlaub können sie dann doch nicht ersetzen.     

Jiří Hönes

Als ich vor knapp zwei Jahren meine Wohnung am Stadtrand bezog, spottete einer meiner Kollegen: Um morgens rechtzeitig am Arbeitsplatz im Zentrum zu sein, sollte ich mich besser schon am Vorabend auf den Weg machen. Dazu die mitleidigen Blicke der anderen, wenn sie an der Bau­manskaja aussteigen konnten und ich noch fast bis zur Endstation der Metrolinie fahren musste. Als dann die Ausgangssperre kam, drehte sich der Spieß um.

Ich begann mit Zoom-Vorträgen, bastelte ein Diorama und fing an, jeden Tag den blauen Traktor vor meinem Fenster zu fotografieren – irgendwo zwischen Konzeptkunst und Wahnsinn. Und ich kannte bald wirklich jedes Lebensmittelgeschäft im Umkreis von einem halben Kilometer. An einem Tag im April entdeckte ich dann einen Fußgängertunnel unter der Ring­autobahn. Das war das Tor zur Freiheit! Auf der anderen Seite war schon Podmoskowje. Ein kleiner, versiffter Mikrobezirk, eine Gasleitung, eine Hochspannungstrasse. Und dann nichts als Wald. Kein Sergej Sobjanin, keine Polizeipatrouillen, kein Absperrband an jedem Trampelpfad wie bei mir im Park.

Erst einmal blieb es bei einem schüchternen Spaziergang, dann wurden richtige Wanderungen daraus. Nach einigen Kilometern ein kleiner Teich, irgendwann ein richtiger See. Aus lauter Dankbarkeit nahm ich mir fest vor, auch nach dem Lockdown diese Orte nicht zu vergessen. Und bis heute bin ich hin und wieder dort unterwegs. Ohne dieses Tor nach Podmoskow­je wäre ich 2020 verrückt geworden, da bin ich mir ganz sicher.

Ljubawa Winokurowa

Der Lockdown war für mich kein solcher Stress wie für viele meiner Bekannten und Freunde. Ich wohne im Moskauer Umland, wo die Kontrollen seitens der Polizei nicht so streng waren wie in Moskau selbst. Ich konnte auch außerhalb meines Viertels unterwegs sein, ohne einem Polizisten in die Arme zu laufen. In der Nähe meines Hauses ist ein Wald, wo ich mit meinem Hund stundenlang spazieren war. Der Vierbeiner hat sich in der Pandemie so sehr daran gewöhnt, dass er auch heute lange Spaziergänge fordert und bei kurzen beleidigt ist. Im Wald haben wir damals eine Unmenge Leute getroffen, mehr als ich dort jemals zuvor gesehen hatte.

Den Mangel an direktem Kontakt kompensierten Videoanrufe. Die vermisse ich heute sogar ein wenig, denn alle sind an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt und man redet weniger miteinander.

Der Lockdown hat mich zu meiner eigenen Überraschung auch den Gemüseanbau entdecken lassen. Im Frühjahr habe ich auf dem Balkon Gurken, Tomaten und scharfen Paprika gepflanzt. Im Sommer gab es eine kleine Ernte und ich war stolz auf mich. In diesem Jahr will ich wieder etwas aussäen.

Das Virus hat mir keine Angst gemacht, aber ich habe alle sanitären Vorschriften befolgt: Maske und Handschuhe getragen, Lebensmittel aus dem Laden gewaschen, Kontakte zu Personen außerhalb meiner Familie gemieden. Und doch bin ich im Spätherbst an Covid-19 erkrankt. Ich hatte jedoch kaum Symptome und bin so in vergleichsweise leichter Form zu Antikörpern gekommen, wofür ich dem Schicksal dankbar bin.

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