Ehrlich oder richtig? Wie russische Oberschüler Aufsätze schreiben

Ende März schrieben russische Elfklässler Probeversionen der Einheitlichen Staatlichen Prüfung im Fach Russisch. Viele Schüler und ihre Eltern waren schockiert von den Aufsatzthemen und den Texten, zu denen diese Aufsätze verfasst werden sollen. Diese Geschichte sprengt offenkundig den Rahmen rein schulischer Problematik.

Aufsätze
Auch die Eltern der Schüler können ihr Wissen bei der Probeprüfung testen. (Foto: AGN Moskwa)

Die Probeprüfung im Fach Russisch ist eine sehr ernste Angelegenheit. Russisch ist für alle Schüler eine Pflichtabschlussprüfung. Wohin der Absolvent später auch gehen mag – ob zu geisteswissenschaftlichen, technischen oder naturwissenschaftlichen Studiengängen –, die Ergebnisse der Russisch-Prüfung werden berücksichtigt. Einen Studienplatz an einer Hochschule zu ergattern, der aus dem Staatshaushalt finanziert wird, ist schwierig. Und mit niedrigen Punktzahlen sollte man davon besser nicht einmal träumen. Wer die Prüfung gar nicht besteht, wird an der Universität erst recht nicht aufgenommen.

Wer an die Zukunft denkt, muss sich nicht nur gut auf die Prüfungen vorbereiten, sondern auch alle Aufgaben präzise erledigen. Man muss lernen, die vorgegebenen Regeln zu beachten. Darauf sind mehr oder weniger alle eingestellt. Doch was die Kinder dieses Jahr bei der Probeprüfung sahen, versetzte viele in einen leichten Schock.

Wie die Prüfung aufgebaut ist

Die Prüfung besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil sind Testaufgaben. Gegen diese hatte niemand besondere Einwände. Der zweite Teil sind Texte. Der Schüler muss seine Textvariante lesen und anschließend einen kurzen Aufsatz zu der darin angesprochenen Problematik verfassen. Im Aufsatz muss die Position des Autors sowie dessen Meinung zum Thema dargelegt werden. Im Text müssen zwei Argumente gefunden werden, die die Meinung des Autors stützen. Schließlich muss der Prüfling seine eigene Position zum Thema darlegen und mit Argumenten aus der persönlichen Erfahrung oder aus der Literatur untermauern. Klingt einfach? Doch nur, solange man die Prüfungstexte nicht gesehen hat.

Diktatur und der Alte

Diejenigen, denen ein Fragment aus Alexej Tolstojs „Einige Worte vor der Abreise“ (1923) zugeteilt wurde, konnten die Haltung des Schriftstellers zur amerikanischen Konsumgesellschaft der 1920er-Jahre nachvollziehen, in der „der Dollar das Recht auf Leben bedeutet“, und zu Moskau, wo jeder ein Recht auf Leben und Arbeit habe. „Der Staat übernimmt diese Aufgabe – diese Prinzipien in die Praxis umzusetzen. Dieses willentliche Streben manifestiert sich in der Diktatur. Die Diktatur der Staatsmacht agiert zwischen den Extrempunkten: dem militärischen Kampf und der Reglosigkeit pflanzlichen Lebens. Die Idee des Staates (das Kollektiv) wird als höher erachtet als die Idee der Persönlichkeit“, schreibt Alexej Tolstoj.

Die Absolventen, die diese Variante erhalten hatten, kommentierten den Text sehr emotional – natürlich nicht im Aufsatz selbst, sondern erst nach der Prüfung, in den sozialen Netzwerken. Der Meinung des Autors zuzustimmen, der das Wort „Diktatur“ in positivem Kontext verwendete, waren längst nicht alle bereit.

Doch das war nicht der einzige Text, der die Prüflinge verunsicherte. Sie konnten auch Pawel Nilins Erzählung „Der alte Sawejew“ (1963) nicht nachvollziehen. Der Held dieser Erzählung, ein 62-jähriger Mann, heiratet eine 16-jährige Waise (in der Prüfungsversion wurde das Alter des Mädchens auf 18 Jahre angehoben) – nur zwei Wochen nach dem Tod seiner Frau. Und obwohl alle in der Umgebung diese Ehe missbilligen, bekommen das Paar Kinder und lebt lange und glücklich. Die Frage zum Text lautete: „Wozu ist die Liebe fähig?“

Und hier folgen Schock, Unverständnis und harte Kommentare: „Interessant, sieht Roskomnadsor hier nichts Verdächtiges? Ist alles in Ordnung?“, „Bitte sagt mir, dass diese Aufgabe aus der Mathematikprüfung stammte und man berechnen sollte, wie viele Jahre er im Gefängnis verbringen würde.“

Stimme lieber zu

Das Problem ist, dass solche Texte die Oberschüler ratlos machen. Schon die Idee, sehr komplexe und vielschichtige Themen anhand eines kleinen Textfragments zu diskutieren – und dazu noch eines höchst kontroversen –, wirft Fragen auf. Doch das noch größere Problem besteht darin, dass man in der Praxis gar nichts diskutieren kann. Unter den gegebenen Bedingungen wird es einem teurer zu stehen kommen, der Meinung des Autors nicht zuzustimmen. Anastassija Woskressenskaja, Russischlehrerin, die Schüler auf die Abschlussprüfung vorbereitet, gibt den Schülern einen gut gemeinten Rat: „Schreibt das, was die Prüfer erwarten, und eure wahre Meinung könnt ihr mir danach sagen – ich werde mir alles aufmerksam anhören. Die Prüfung ist weder der richtige Zeitpunkt noch der richtige Ort, um jemandem etwas zu beweisen, selbst wenn man sich in diesem Absurdum nach Gerechtigkeit sehnt.“ Ihre Worte zitiert das Bildungsportal MEL.

Doppelleben

Man kann die Kinder verstehen, die sich ihr Leben nicht wegen eines einzigen Aufsatzes schwieriger machen wollen. Man kann der Lehrkraft zustimmen, die den ohnehin gestressten Schülern hilft, das Hindernis auf ihrem Weg zur Hochschule und ins Erwachsenenleben zu überwinden. Was sich jedoch dem Verständnis entzieht, ist die Haltung der Aufgabensteller.

Es gibt bestimmte Narrative, die für den Staat wichtig sind. Doch absolut jedes Thema – selbst das harmloseste und grundsätzlich positive – kann bereits bei der Umsetzung im Keim erstickt werden. Offensichtlich geschieht genau das auch mit dem Schulaufsatz. Einen Schüler dazu zu bringen, das zu schreiben, was die Prüfer von ihm erwarten, ist möglich – doch damit endet jegliches Vertrauen, und das Doppelleben beginnt. In gewissem Sinne ist dies eine exakte Reproduktion dessen, woran sich die ältere Generation an die späte Sowjetunion erinnert. Alle lobten Leonid Iljitsch Breschnews wunderbares Werk „Kleines Land“. Aber niemand las es.

Igor Beresin

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