Die Süßigkeit aus Rinderblut

Die einen schüttelt allein der Gedanke an die spezielle Zutat, den anderen läuft das Wasser im Mund zusammen: Der Gematogen-Riegel wird seit Jahrzehnten in russischen Apotheken verkauft und spaltet Generationen von Leckermäulern. Denn für die Herstellung der Süßigkeit wird auch ein Abfallprodukt aus der Schlachtung verwendet.

Von der Schweiz nach Russland: Der Gematogen-Riegel wurde 1890 erfunden und soll angeblich gegen Blutarmut helfen. Foto: Philipp Dippl

Von Riga bis Wladiwostok, von Murmansk bis Taschkent, in der ehemaligen Sowjetunion wurde und wird bis heute überaus gerne genascht. Üppige, bunte Sahne­torten gehören zu jedem Feiertag; eine Mitternachtsteetafel ohne kleine süße Naschsachen ist kaum denkbar. Das runde Kindergesicht auf der Verpackung der „Aljonka“-Schokolade aus der Moskauer Schokoladenfabrik „Roter Oktober“ hat Generationen sowjetischer Schleckermäuler geprägt. Dabei ist die kasachische Schokolade der Rachat-Fabrik im Herzen Almatys die allerbeste. Aber das ist nur meine persönliche Meinung.

Ein Exot aus der Schweiz

Vor Kurzem bin ich auf einen sowjetischen Süßigkeiten-Klassiker gestoßen, von dem ich bis dahin noch nie etwas gehört hatte. Im Westen völlig unbekannt, ist jedes sowjetische Kind mit diesem sonderbaren Schokoriegel aufgewachsen. Es handelt sich um „Gematogen“. Die Besonderheit dabei: Er wird unter anderem aus Rinderblut hergestellt. Die Gematogen-Riegel, erfunden 1890 in der Schweiz, wurden seit den 1920er Jahren in der Sowjetunion produziert, in erster Linie als eine medizinische Süßigkeit für Kinder zur Behandlung und Vorbeugung von Anämie, also Blutarmut, ein Krankheitsbild, von dem jeder vierte Mensch betroffen ist. Anämie ist die Folge einer Hämoglobin-Verminderung im Körper, also Eisenmangel. Die Folgen können leichte Ermüdbarkeit, Luftnot oder häufige Kopfschmerzen sein. Blut ist eisenhaltig und in der Lage, diesen Mangel auszugleichen, ein einfaches Prinzip, das seit Jahrhunderten bekannt ist und in verschiedenen Formen in den meisten Kulturen der Welt angewendet wird. So gehört beispielsweise Blutwurst zur Esskultur vieler Länder, auch der deutschen.

Süßes aus der Apotheke

Die Sowjetunion war immer klamm an Ressourcen. An Rinderblut, eigentlich ein Abfallprodukt nach der Schlachtung von Rindern, hat es allerdings nie gemangelt. So konnte das Blut, neben seinem gesundheitlichen Aspekt, auch noch einen Beitrag zur sowjetischen Wirtschaft leisten. Viele Produkte waren nicht immer in den Regalen der Läden und Kaufhallen zu haben, Gematogen war allerdings immer verfügbar und somit ein wichtiger Bestandteil in der Kindheit eines jeden Sowjetbürgers. Aufgrund seines eigentlich medizinischen Charakters wurde der Riegel in der Sowjetunion aber nur in Apotheken vertrieben, oft auch von Ärzten verschrieben. Heute ist das anders, auch Supermärkte haben Gematogen mittlerweile oft im Angebot.

Kondensmilch und Metallgeschmack

Nun, wie schmeckt der Riegel aus Rinderblut? Er besteht aus einer süßen, nussigen, relativ zähen Grundmasse. Und tatsächlich ist ein deutlicher metallischer Geschmack nicht von der Hand zu weisen. Noch in der Sowjetunion mischten die Produzenten mindestens fünf Prozent Rinderblut hinzu. Heutzutage besteht der Riegel allerdings auch aus einem Drittel Kondensmilch und einer Hälfte reinem Zucker. Daher ist der gesundheitliche Effekt heute auch eher umstritten, insbesondere für Diabetiker. Im Westen werden Vitaminpräparate hauptsächlich synthetisch hergestellt, Rinderblut in rauen Mengen wird dafür nicht mehr benötigt. Doch auch dabei werden nicht selten große Mengen Zucker zugesetzt. Was nun zu bevorzugen ist, bleibt wohl jedem selbst überlassen.

Philipp Dippl

Kommentare

Kommentare

Newsletter

Wir bitten um Ihre E-Mail: