Deutsche und Russen auf engster Tuchfühlung

Ende September fand der Große Katharinenball erstmals auch in Zerbst statt, der Stadt, in der die spätere Katharina die Große ihre Kindheit verbrachte. An den Ball schloss sich das Katharina-Forum an, ein deutsch-russisches Wirtschaftsforum von Format.

Historische Kulisse: Das Schloss Zerbst war einst Heimat der späteren Katharina der Großen. © Julianna Martens

Fiekchen hätte wohl ihren Spaß gehabt. Ganz ohne Zweifel. Das haben Leute, die sie kannten, schon damals gesagt: „Ein wunderbares Mädchen, vielleicht keine Schönheit, aber mit einem bezaubernden Lächeln, wie klug und vernünftig sie doch ist.“ Und lebenslustig wie sie wohl war, hätte sie mitgetanzt, mitgeschwatzt, mitgelacht. Auf ihrem eigenen Ball, dem Katharinenball“. Richtig, Katharina; denn auf diesen Namen sollte die 1729 geborene Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst mit dem Familien-Necknamen Fieke, bald umgetauft werden. Im zarten Alter von 15 Jahren übergetreten vom evangelischen Glauben zur russisch-orthodoxen Kirche, um nur wenige Jahre später schließlich zu „Katharina II., die Große“ und zur absoluten Herrscherin über das Riesenreich im Osten zu werden, die kleine Noble aus dem provinziellen Mitteldeutschland.

Dieser Katharinenball, in der russischen Kapitale Moskau längst ein gesellschaftliches Großereignis, ging diesjährig am 14. September bereits zum fünften Mal in der glamourösen Umgebung des Tsaratsino-Schlosses über die Bühne. Und nun am Sonntag letzter Woche, dem 29. September, 275 Jahre nachdem Katharina ihre Heimat im Herzen der historischen Wirkungsstätten Martin Luthers im mitteldeutschen Sachsen-Anhalt verlassen hatte, fand er schon wieder statt: zum allerersten Mal in Zerbst/Anhalt, genau da, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte, in der beeindruckenden Schlossanlage von Zerbst (einst mit 203 Zimmern und Sälen, heute zu zwei Dritteln zerstört, der Rest aber mit mühsamer, bewundernswert engagierter Privatinitiative unter Restaurierungsarbeiten), genauer gesagt in der liebevoll wieder auferstandenen Reithalle. Nostalgie pur.

Bis in die frühen Morgenstunden amüsierten sich hier über 300 festlich gewandete Gäste. Lokal-deutsche Prominenz unter geschickt-tatkräftiger Führung des rührigen Stadtoberen Andreas Dittmann, einheimische Bürger in schönster Einheit mit der etwa gleichen Anzahl eigens angereister Russen bei gemeinsamen Barocktänzen zu zeitgenössischer Musik, bei beschwingten Walzerklängen, bei poppigen Evergreens und als enthusiastisches Publikum anregender Showeinlagen.

Erst das Vergnügen, dann die Arbeit

Die folgenden beiden Wochentage waren dann unter der Schirmherrschaft der Landesregierung von Sachsen-Anhalt, vertreten durch den Wirtschaftsminister Prof. Armin Willingmann, mit einem wahren Marathon von ehrgeizigen, geschäftsorientierten Programmen gespickt. Ehrengäste waren unter anderem Wladimir Omelnitski, Leiter der Verwaltung des Puschkiner Bezirks von St. Petersburg, bereits seit einem stolzen Vierteljahrhundert Partnergemeinde von Zerbst, Andrej Wetluschskich, Duma-Abgeordneter aus Jekaterinburg und Delegationen aus dem sibirischen Omsk und Uljanowsk im europäischen Teil Russlands.

Foren zu brennenden Themen wie „erneuerbare Energien und Chemieindustrie“, „Medizintechnik und Biotechnologie“, „Digitale Transformation“ und „Agrar- und Ernährungswissenschaft“ mit anschließenden Exkursionen zu entsprechenden, umliegenden Einrichtungen, Präsentationen von erfolgreichen Start-ups, und Podiumsdiskussionen zur wirtschafts- und sozialpolitischen Lage mit Experten aus beiden Ländern gönnten den Teilnehmern kaum Pausen. Hansjürgen Overstolz, Präsident der Bosch-Gruppe in Russland, sammelte mit seinem Vortrag „Nachhaltiger Erfolg trotz Hürden“, mit nicht nur Ein- und Ansichten über sein eigenes Unternehmen, besonders viele Punkte bei den Konferenzteilnehmern. Anschaulich wies er nach, dass die Zeichen sich langsam wieder in positivere Sphären bewegen.

Der Anteil Europas am russischen Handel liege mit einem Wert von rund 300 Milliarden US-Dollar bei 43 Prozent, im Vergleich zu dem der USA mit nur knapp 80 Milliarden US-Dollar. „Im ersten Quartal 2019 flossen 1,1 Milliarden US-Dollar an Investitionen, und das ist gut für die russische Wirtschaft“, hob er hervor.

Zerbst, ein mytisch-magischer Ort

Der Geist Katharinas wehte spürbar über Zerbst.

Solchen Aktivitäten essentiell lebenswichtiger Art für den bilateralen Auf- und kontinierlichen Ausbau von Verstehen und Kooperieren widmet sich seit 1992 unbeirrt und ununterbrochen der Internationale Verband der deutschen Kultur (IVDK) in Moskau, die umfassende, höchst initiative Sammlungsbewegung der Russlanddeutschen mit ihrem dicht geknüpften Netzwerk auf beiden Seiten – hier in Zerbst auch als Ausrichter des Ball-Ereignisses unter der Ägide der ideenreich-wirbeligen Olga Martens aus der IVDK-Leitung und als engagierte Konferenzteilnehmer.

Zerbst erwies sich als ein beinahe mystisch-magischer Ort. Über allem weht dort spürbar der hehre Geist der Sophie Auguste Friederike durch den historischen Teil des 23.000- Seelen-Ortes, in und um die Schlossruine, durch den weitläufigen Park und das original restaurierte Barockjuwel der Reithalle. Der Geist von Katharina, der legendären Zarin des aufgeklärten Absolutismus, der einzigen europäischen Herrscherin, der je die Ehrenauszeichnung „die Große“ verliehen wurde. Und das einer Deutschen aus niedrigerem Adel und tiefster Provinz, aber dann gewachsen zu umso höheren Verdiensten in einem „riesigen, wunderbaren und unbekannten, aber doch so anziehenden Land“, wie sie selber einmal
gesagt haben soll.

Ein wichtiges Leuchtturmprojekt

Über das gesamte, interessante, reich gefüllte Unterhaltungs- und Konferenz-Programm der frühherbstlichen Zerbster Katharina-Tage 2019 herrschte eine offen-entspannte Atmosphäre, Stimmung und Übereinstimmung. Nach einer lebhaften „Speed-Dating-Session“ unter den Teilnehmern wurden so manche neue Freundschaften wie gar konkrete Vereinbarungen zur Zusammenarbeit geschlossen. Folgerichtig ist für 2020 das nächste Katharina-Forum schon beschlossene Sache, dann mit der Stoßrichtung Synergien in Wissenschaft und Forschung.

Wenn sich nur ein derart vielversprechendes Zusammentreffen wie dieses Katharina-Forum 2019 auf die politischen Entscheidungsträger höheren Ortes in Ost und West unmittelbar direkt projizieren ließe. Dann wäre der so dringlich notwendigen Belebung einer unersetzlichen, doch über Jahrhunderte gepflegten Dialog-Tradition, endlich wieder Tür und Tor geöffnet. Auch dieses zweite Katharina-Forum in Zerbst war ein wichtiges Leuchtturm-Projekt, wenn auch eines von einer ganzen Reihe vergleichbarer bilateraler Business-Events in beiden Nationen.

Aber es wird eben immer das einzige bleiben am Ort, an dem die unvergessene Wandlerin zwischen unseren zwei Welten, Katharina, die Zweite, die Große, vielleicht die einflussreichste, prägendste Monarchin des gern so genannten „Goldenen Jahrhunderts“, aufgewachsen ist und die Vision hatte: „Der Stern des Ostens wird aufgehen. Ja, ja, von dieser Seite wird das Licht zurückkehren, denn hier, in den schwelenden Anfängen, ist mehr Kraft und Intelligenz als irgendwo sonst auf der Welt.“ Aber hoffentlich und mindestens mehr Zukunft im Kreis unserer Erdengemeinschaft, als Russland auch heutzutage wieder von manch politischen Opponenten zugetraut wird.

Frank Ebbecke

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