Das ist hier nicht Deutschland

In Kaliningrad kämpfen Staatsanwaltschaft und patriotische Aktivisten gegen deutschsprachige Schilder, die sich historisch interessierte Bürger an ihre Häuser hängen. Woher kommt diese Kampagne?

Hier war 700 Jahre Deutschland.“ Ein Aktivist wirbt für einen toleranten Umgang mit dem deutschen Erbe in Kaliningrad. (Foto: twitter/teamnavalny)

Als Waleri Demenok im Sommer 2019 sein neues Haus in der Kaliningrader Schtschors-Straße bezog, schenkten ihm Freunde ein kleines blaues Adressschild. Das Ungewöhn­liche daran: Unter der in kyrillischen Buchstaben gehaltenen Straßenbezeichnung befand sich eine zweite Zeile: Wißmannstraße stand dort – in lateinischer Schrift. So hieß die Straße bis 1946, als Kaliningrad noch Königsberg war. Demenok, der sich lebhaft für die Geschichte seiner Stadt interessiert, freute sich über das originelle Präsent und befestigte das Täfelchen mit dem Namenszug des längst vergessenen deutschen Afrikaforschers und Kolonialisten an der Fassade.

Eine unangenehme Begegnung am Gartenzaun

Kurz darauf wurde er am Gartenzaun von einem Unbekannten angesprochen. Das Schild müsse sofort verschwinden. Demenok wunderte sich über die nachdrückliche Forderung, ließ sein Geschenk aber hängen. Monate später, im Januar 2020, wurde er von der Kaliningrader Staatsanwaltschaft einbestellt. Seine Tafel verletze die Gefühle der Kriegsveteranen, wurde dem verdatterten Geschäftsmann mitgeteilt. Gegen ihn werde Anklage erhoben. „Bei uns ist hier nicht Deutschland“, donnerte Staatsanwalt Sergej Chlopuschin anschließend auf einer Pressekonferenz. „Die Straßen tragen genau die Namen, die sie von den Behörden bekommen haben!“

Womit alles begann: ein privates, zweisprachiges Straßenschild in Kaliningrad (Foto: trud.ru)

Ein Staatsanwalt, der sich persönlich mit deutschsprachigen Straßenschildern beschäftigt? Was andernorts ungewöhnlich wirkt, ist in Kaliningrad nur die jüngste Zuspitzung einer alten Debatte. Denn in dem Gebiet, das erst nach dem Zweiten Weltkrieg russisch wurde, setzen Konservative Kräfte und Kommunisten schon seit den 1990er Jahren auf die antideutsche Karte. Sowjetnostalgiker und stramme Patrioten warnen immer wieder vor einer angeblichen „Germanisierung“ der Region. Berlin habe zu viel Einfluss auf das Gebiet, fordere das alte Ostpreußen zurück und wolle russischen Städte ihre früheren deutschen Namen zurückgeben, lauten die haltlosen Vorwürfe. Die breite Mehrheit der Kaliningrader hatte für diese Schauermärchen allerdings nur ein müdes Lächeln übrig. Dies belegen mehrere Umfragen, die zu dem Thema durchgeführt wurden. Zu weit hergeholt schien die angebliche Gefahr.

Faschistische Straßennamen und fiktive Probleme

Doch mit der patriotischen Welle, die nach dem Krim-Konflikt über Russland rollte, witterten die wackeren Vorkämpfer gegen die germanische Gefahr wieder Morgenluft. Dabei trat dabei vor allem der Journalist Andrej Wypolsow hervor, der mit eigener Nachrichtenagentur, Artikeln und offenen Briefen lautstark gegen ein angeblich „aggressives Vordringen deutscher Kultur“ polemisierte.

Wypolsow kämpfte gegen die Wiederaufbaupläne des Königsberger Schlosses, ärgerte sich über den Trend vieler Kaliningrader Facebook-Nutzer, ihren Wohnort in dem sozialen Netzwerk mit „Königsberg“ anzugeben und polemisierte gegen alles, was auch nur irgendwie an deutsche Spuren, preußisches Erbe und westlichen Einfluß gemahnte.

Der Kaliningrader Journalist Andrej Wypolsow kämpft gegen eine angebliche „Germanisierung“ seiner Stadt. (Foto: www.klaipeda1945.org)

Unterstützung erfuhr er dabei von dem früheren Kriegsberichterstatter Nikolai Dolgatschow, der unter anderem eine Reportage über ein Kaliningrader Straßenschild mit der Aufschrift „Adalbertstraße“ drehte. In dem auf einem großen staatlichen Kanal ausgestrahlten Beitrag warnt ein Kaliningrader Kriegsveteran vor „faschis­tischen“ Straßennamen und fordert ein Durchgreifen der Behörden gegen das Schild. Dolgatschow lud Wypolsow auch zu Diskussionen ins Studio und ließ den Aktivisten regelmäßig als Experten für deutsche Fragen zu Wort kommen.

Die meisten Bewohner nahmen das Duo und seine Mission allerdings nicht sonderlich ernst. Sogar der Kaliningrader Gouverneur Anton Alichanow nannte die angebliche Gefahr der „Germansierung“ 2017 in eine Stellungnahme ein „fiktives Problem“. Als Dolgatschow kurz darauf als Berichterstatter auf die Krim wechselte, verschwand Wypolsow wieder von den Bildschirmen. Seinen Kampf gegen germanische Umtriebe musste er fortan im Netz führen.

Germanisierung durch lateinische Buchstaben?

Bis Andrej Wypolsow im Frühjahr 2019 das Adressschild von Waleri Demenok entdeckte. Auf Facebook warf er dem Hausbesitzer eine „topo­nymische Germanisierung“ vor. Was er damit meinte? Aufschriften wie „Wißmannstraße“ stellten die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges in Frage, ereiferte er sich gegenüber dem Internetportal „Cholod“ . Solche deutschsprachigen Schilder beförderten in unziemlicher Weise die Erinnerung an die Vorkriegszeit, als Kaliningrad noch nicht zu Russland gehörte.

Ex-Staatsanwalt Sergej Chlopuschin wollte Straßenschilder und Werbetafeln mit deutscher Aufschrift verbieten lassen. (Foto: exclav.ru)

Wahrscheinlich wäre auch diese Kampagne Wypolsows ohne größere Beachtung geblieben. Doch diesmal gab es unerwartete Unterstützung von ganz oben. Im August 2019 schaltete sich der als äußerst konservativ geltende Kaliningrader Staatsanwalt Sergej Chlopuschin in die Diskussion ein. Der Jurist brachte ein Gesetz ins Gespräch, das sowohl Straßenschilder als auch die in Kaliningrad weit verbreiteten Werbetafeln mit deutschen Aufschriften verbieten solle.

Empörte Kriegsveteranen

Offiziell wurde der Vorstoß mit einer Reihe von Beschwerdebriefen von Kriegsveteranen begründet. Diese gaben sich besonders um die rus­sische Jugend besorgt. Denn lateinische Buchstaben und das Anbringen deutschsprachiger Straßenschilder geschehe in böser, ja hinterhältiger Absicht. Russische Jungen und Mädchen sollten sich an den Gedanken gewöhnen, dass „Kaliningrad nicht Kaliningrad, sondern Königsberg ist“.

So heißt es zumindest in einem Brief der Union der Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges und Marine-Veteranen, den das Internetportal „Eura­siaDaily“ veröffentlichte. Unterstützt wurde die Initiative des Staatsanwalts von Roman Balaschow, dem einflussreichen bevollmächtigten Vertreter des Präsidenten im Föderationskreis Nordwestrussland.

Nur noch auf Russisch: Der Königbäcker warb ursprünglich mit lateinischen Buchstaben um Kunden. (Foto: newkaliningrad.ru)

Rund dreißig Geschäfte, Kaffees und Unternehmen mussten daraufhin bis Anfang 2020 ihre deutschen Namen mit einer russischen Übersetzung ergänzen oder gleich komplett neue Tafeln mit kyril­lischen Buchstaben aufstellen. Ihren Vorstoß begründete die Staatsanwaltschaft mit dem „Gesetz über die Staatssprache in der Russischen Föderation“. Dieses schreibt nach Lesart der Staatsdiener vor, Werbe­texte in Fremdsprache mit einem russischen Begleittext zu versehen. Unabhängige Juristen kritisieren diese strikte Auslegung. Der Zwang zur Übersetzung lasse sich aus dem Gesetz so nicht herauslesen. Trotzdem wollten die meisten Unternehmer keinen Konflikt riskieren – und fügten sich der Anordnung.

Ein Graffiti muss verschwinden

Doch mit deutschsprachiger Werbung und Geschäftsbezeichnungen ließen es die Staatsdiener nicht bewenden. Im August 2020 musste ein Hausbesitzer in der Stadt Gurjewsk bei Kaliningrad den Schriftzug „Neuhausen“ auf der Fassade überstreichen. Der Blogger Jurij Iwanow, ein stramm patriotischer Aktivist aus dem Dunstkreis von Andrej Wypolsow, hatte gegen den alten deutschen Ortsnamen, der bereits seit sechs Jahren an der Hauswand prangte, geklagt. Die Aufschrift stelle die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges in Frage und fördere die Toleranz des Faschismus, ließ die Staatsanwaltschaft verlauten.

Plötzlich Illegal: Dieses deutschsprachige Graffiti in Grujewsk musste nach sechs Jahren übermalt werden. (Foto: klops.ru)

Auch für Waleri Demenok blieb die unangenehme Begegnung am Gartenzaun nicht ohne Folge. Im vergangenen Sommer bekam er Post. Er müsse das Schild abnehmen, teilte ihm das Gericht im Juni 2020 mit. Doch Demenok will sich dem Urteil nicht fügen, warf das Urteil in den Müll – und ließ die Tafel an ihrem Platz hängen.

Birger Schütz

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