Auf Wiedersehen, Russland! Was bleibt, wenn man geht

Eineinhalb Jahre hat der deutsche Lehrer Matthias Frey mit seiner russischen Frau und den zwei Kindern im sibirischen Tomsk gelebt – und in einer MDZ-Kolumne davon erzählt, wie es ihm dabei erging. In der letzten Folge schreibt er nun über viele letzte Male und bilanziert seine Eindrücke. Denn Frey ist mit seiner Familie in die Schweiz zurückgekehrt und wieder im Schuldienst.

Bei der Abschiedsparty von Matthias Frey (vorn links) in einem Landhaus ging es familiär zu. (Foto: Privat)

Liebe Leserinnen und Leser der MDZ, diesmal schreibe ich Ihnen nicht aus Russland, sondern aus der Schweiz. Nach zwei Jahren Beurlaubung habe ich meinen Lehrerjob an einer Schule in der Nähe von Basel, wo ich schon seit 2004 Deutsch, Französisch und Geschichte unterrichte, wieder übernommen. Meine Frau kann von zu Hause aus weiter für die Tomsker Universität arbeiten.

Von unseren Freunden in Sibirien verabschiedeten wir uns mit einem Fest auf der Datscha. Wie es sich für eine russische Feier gehört, wurde Schaschlik gegrillt. Entgegen dem Klischee trank fast niemand Alkohol, da alle mit dem Auto kamen und die Null-Promille-Grenze sehr ernst nehmen. Die Stimmung war trotzdem ausgelassen.

In seiner MDZ-Kolumne schreibt Matthias Frey über Land und Leute in Russland.

Wir Männer kümmerten uns um den Grill. „Und wie war’s?“, fragte mich Sergej am Feuer. Schwierig, eine so lange Zeit in wenige Worte zu fassen. „Ich mag die Russen“, begann ich. In diesen eineinhalb Jahren habe ich einen Einblick in die „russische Seele“ bekommen, viele tolle Menschen kennengelernt und Freundschaften geschlossen. Selten zuvor habe ich eine solche Dankbarkeit gespürt wie vonseiten meiner Privatschülerinnen und -schüler, denen ich Deutsch und Französisch beibrachte, und ihren Eltern. Zu besonderen Anlässen wie Weihnachten, dem Lehrertag oder auch jetzt zum Abschied wurde ich sogar mit Geschenken regelrecht überschüttet.

Außerhalb des Bekanntenkreises wirkten die Menschen manchmal recht grob und unfreundlich auf mich, wie etwa die Nachbarn, die Verkäuferin oder die Museumswärterin. Doch sobald man mit ihnen ins Gespräch kam, zeigten sie eine ganz andere, weiche Seite, scherzten mit uns oder gaben den Kindern Süßigkeiten. So entdeckte ich hinter manch rauer Fassade einen herzlichen Kern, eine verborgene sibirische Wärme.

„Und das Land ist schön“, fügte ich hinzu. Unvergessen bleibt unser Urlaub im Altaigebirge – eine Woche wilde, unberührte Natur Russlands. Auch unser letzter Trip in die Baikalregion mit der Transsibirischen Eisenbahn war ein tolles Erlebnis. Die endlosen Weiten und die bezaubernde Schneelandschaft aus dem Zug der Züge zu erleben, war ein Kindheitstraum, den ich mir endlich erfüllen durfte.

Abendstimmung am Tom, vom dem Tomsk seinen Namen hat (Foto: Privat)

„Was denkst du jetzt über Russland?“, fragte Sergej etwas zögernd. Ich verstehe das Land, seine komplexe Geschichte und die Politik nun besser und wünschte mir, dass es mehr Austausch gäbe. Durch den Dialog könnten wir die rus­sische Seite besser begreifen und differenzierter urteilen.

Was Tomsk angeht, so habe ich mich wie zu Hause gefühlt und eine zweite Heimat gefunden. Die letzten Tage dort genoss ich in vollen Zügen und nahm jeden Winkel und jeden Ort, der mir ans Herz gewachsen war, noch einmal bewusst wahr. Ein letzter Besuch im Deutsch-Russischen Haus, ein Abschiedsbier mit dessen Direktor Alexander Geier und auf dem Heimweg ein letzter Blick auf die schönen Holzhäuser. Noch einmal Volleyball, um mich von dieser familiären Gruppe, die allen ein bisschen Wärme im langen Winter gab, zu verabschieden. Selbst das ständige Gemotze auf dem Spielfeld werde ich vermissen. Ein letztes „Blin“ (Verdammt) bei einem verlorenen Punkt, ein letztes Umarmen nach dem gewonnenen Satz. Am Ende drückten wir uns die verschwitzte Hand und alle wünschten mir Glück für mein Leben in der Schweiz.

Auf dem Tom, der Lebensader der Stadt, war das Eis schon vor drei Wochen aufgebrochen. Die am Ufer aufgestauten Eisblöcke lockten aber zahlreiche Schaulustige an. Sogar die ersten Musiker spielten schon wieder an der Uferpromenade. Der monatelang zugefrorene Fluss erwachte zum Leben und konnte nun endlich weiterfließen, so wie auch wir weitergezogen sind. Mit dem einbrechenden Frühling ist für uns ein neuer Lebensabschnitt angebrochen. Ausgerechnet jetzt, wo die schönste Zeit in Tomsk beginnt, mussten wir gehen. Da ich ja eher der Strandtyp bin, habe ich darum zwei Mal geweint – einmal, als ich im Winter in Sibirien ankam, und einmal, als ich es so kurz vor dem Sommer verlassen musste.

Matthias Frey mit seiner Familie zurück in der Schweiz (Foto: Privat)

Aber ein Trostpflaster gibt es zum Glück: Wir kommen jedes Jahr wieder, unsere Oma wohnt ja hier.

Es hat mir viel Freude bereitet, meine Erlebnisse mit der MDZ-Leserschaft zu teilen. Ich bedanke mich herzlich für die Zusammenarbeit.

Der größte Dank gilt denen, die meine Zeit in Sibirien zu etwas Unvergesslichem gemacht haben. Allen voran unsere Oma, die Freunde meiner Frau, aber auch meine Schüler, Alexander Geier und viele andere gaben mir das Gefühl, in Tomsk heimisch zu sein. Danke euch allen!

Bis bald, Tomsk. Do swidanija!

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