
Kamtschatka überwältigt von der ersten Minute an. Der Flughafen Jelisowo ist so gestaltet, dass jedem sofort klar wird, wohin er geraten ist. Der Eingang ist buchstäblich in die Landschaft integriert. Die Architektur wurde von einem Vulkankrater und der Idee des Aufbruchs inspiriert. Letztere verkörpert ein riesiges weißes Ei im Inneren des Gebäudes.

Die Riesen aus Feuer und Eis
Doch das eigentliche Kamtschatka beginnt jenseits der Stadt. Eine der besten erschlossenen Begegnungen mit den vulkanischen Kräften bietet der Vulkan Gorely. Er ist kein klassischer Vulkan mit einem einzigen, perfekten Kegel, sondern ein ganzes vulkanisches Massiv mit mehreren Kratern. Das Bild ist fantastisch: ein blauer See in einem der Krater, ein Farbrausch an den Hängen, erstarrte Lava und selbst im Sommer Schnee. Der Gorely ist nach wie vor vulkanisch aktiv, und wenn man am Rand des Sees steht, spürt man besonders deutlich, dass die Erde hier lebt.
Nicht weit entfernt liegt ein weiterer Riese: der Vulkan Mutnowski, einer der aktivsten Vulkane Kamtschatkas. Der Mutnowski ist ein Massiv, das aus vier zusammengewachsenen Kratern besteht. Zwei von ihnen, der südwestliche und der nordöstliche, sind besonders markant. Der erste ist erloschen, seine riesige Schale ist mit Eis gefüllt. Der andere Krater ist aktiv: Flüssigkeiten brodeln laut in den Kesseln, Schwefelwasserstoff zischt aus den Fumarolen, heiße Quellen sprudeln.

Schroffe Canyons und außerirdische Thermalquellen
Lust auf etwas mehr Adrenalin? Dann lohnt sich ein Besuch am Opasny-Canyon. Der Name (dt.gefährlicher) spricht für sich. Der Canyon ist Teil des Tals des Flusses, der durch eine Schlucht mit senkrechten Felswänden verläuft. In den fast hundert Meter hohen Wänden der Schlucht ist die Schichtung am Fuß des Vulkans Mutnowskaja Sopka deutlich zu erkennen. Dieses Gesteinsprofil besteht aus Schichten unterschiedlicher Farben – Schwarz, Violett, Grau und Gelb. Wer sich dem Rand des Canyons nähert, dem eröffnet sich ein eindrucksvolles Panorama. Doch das sollte man lieber nicht tun, denn die Hänge des Canyons sind steil und brüchig.
Nach den rauen vulkanischen Landschaften ist es eine besondere Wohltat, zu den Datschnyje-Thermalquellen zu fahren. Diese Gegend wird oft als das Kleine Tal der Geysire bezeichnet, obwohl es hier keine echten Geysire gibt. Es handelt sich um eine weitläufige Thermalfläche, in der kochende Schlammtöpfe, Fumarolen und heiße Bäche eine fast außerirdische Landschaft schaffen. Der Schwefelgeruch erinnert daran, dass ganz in der Nähe ein riesiges natürliches „Heizkraftwerk“ arbeitet.
Grüne Kontraste
Kamtschatka weiß jedoch nicht nur mit Vulkanen zu bezaubern. Das Gebirgsmassiv Watschkaschez zeigt die Halbinsel von einer ganz anderen Seite. Hier gibt es statt schwarzer Lavafelder grüne Täler, Bergseen, klare Bäche, Dickichte aus Zwergkiefern und Almwiesen. Selbst Mitte Juli können sie noch teilweise mit Schnee bedeckt sein. Dank dieser Vielfalt gilt die Gegend als eine der fotogensten auf Kamtschatka. Eines der Ziele auf der Route zum Watschkaschez ist ein Wasserfall, der sich zwischen Felsen versteckt. Der Weg dorthin führt entlang von Bächen und Hängen. Ein Schritt – und plötzlich eröffnet sich ein atemberaubender Blick.
Es sind genau diese Kontraste, die die Anziehungskraft der Halbinsel am besten erklären. An einem einzigen Tag kann man hier durch eine vulkanische Wüste wandern, Dampf sehen, der aus dem Boden aufsteigt, in einen Canyon hinabblicken und sich dann zwischen Blumen, Seen und Wasserfällen wiederfinden. Die Vulkane besitzen eine geradezu magnetische Kraft. Sie lassen den Reisenden nicht einfach los und begleiten ihn bis zum Flughafen Jelisowo.
Anna Braschnikowa
Vulkane zum Anfassen
Touristen, die schon einmal in Kamtschatka waren, empfehlen, vor einer Vulkanbesteigung das „Vulkanarium“ zu besuchen. Das interaktive Museum erklärt auch Besuchern ohne naturwissenschaftliche Vorkenntnisse anschaulich die faszinierende Welt der Vulkane.

Die Ausstellung umfasst neben Vulkanbomben, Vulkanasche in den unterschiedlichsten Farben und Mineralien auch umfangreiches Foto- und Videomaterial. Ein besonderer Höhepunkt sind funktionsfähige physikalische Modelle von Lavaströmen. Das „Vulkanarium“ besteht aus drei thematischen Sälen. In einer Lavahöhle kann man die Entstehung von Lavaströmen beobachten und durch leuchtende Lava, Donner und Schwefelgeruch die Atmosphäre eines aktiven Vulkans erleben. In einem weiteren Saal befindet sich ein Fumarolen-Modell, aus dem Besucher sogar Rauchringe aufsteigen lassen können.
Eine zusätzliche VR-Tour im Museum bietet spektakuläre Ausblicke auf Vulkankrater, das Tal der Geysire (russisch Dolina Gejserow) und den Kurilensee, einen der besten Orte, um Braunbären zu beobachten. Im August können dort bis zu 200 Tiere gleichzeitig zu sehen sein. as Museum kann selbstständig mit einem Audioguide in fünf Sprachen (Russisch, Englisch, Chinesisch, Koreanisch und Japanisch) oder im Rahmen einer Führung erkundet werden. Mit etwas Glück kann man sogar an einer persönlichen Führung mit dem Gründer des Museums, dem Vulkanologen und Physiker Sergej Samojlenko, teilnehmen.


