Studium in Russland: die Uni macht dicht

Einen Studienplatz an einer renommierten oder auch nur guten Universität in Russland zu bekommen, wird immer schwieriger. Doch die diesjährige Zulassungskampagne wird definitiv in die Geschichte eingehen. Wie kommen gestrige Schüler an die Universitäten? Der Weg zur Hochschulbildung in Fragen und Antworten.

So ein Foto wollen alle – doch zuerst muss man einen Studienplatz ergattern.   (Foto:  Wassili Kusmitschonok/AGN Moskwa)

Was ist passiert?

Das Video eines Absolventen, der die Einheitliche Staatliche Abschlussprüfung (ESP, ein Äquivalent zum Abitur, wenn auch kein vollständiges) hervorragend bestanden, aber trotzdem keinen Studienplatz bekommen hat, ging viral. Für drei Prüfungen erhielt der junge Mann die maximalen 300 Punkte. Weitere 10 Punkte verdiente er sich für sogenannte individuelle Leistungen. In der Regel handelt es sich dabei um die Goldmedaille für den Schulabschluss mit Auszeichnung. Mit solchen Ergebnissen hoffte er auf einen staatlich finanzierten Studienplatz an einer Universität seiner Wahl. (Absolventen in Russland können über das Portal für staatliche Dienstleistungen gleichzeitig Bewerbungen an fünf Universitäten einreichen, an jeder davon für fünf verschiedene Fakultäten – Anm. d. Red.) Die Hoffnungen sollten sich nicht erfüllen. Drei Jahre fleißiger Vorbereitung halfen nicht. Und solche Fälle gibt es in großer Zahl.

Wie groß ist die Konkurenz?

Laut der Bildungsbehörde Rosobr­nadsor ist die Zahl der Absolventen, die bei einer ESP-Prüfung 2026 die maximalen 100 Punkte erreichten, im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 30 Prozent gestiegen. Zum ersten Mal erreichte in diesem Jahr ein Mädchen bei fünf Prüfungen 500 Punkte. Die Konkurrenz um staatlich finanzierte Studienplätze ist härter geworden. An der renommierten Moskauer Universität RANEPA wurden für eine der beliebtesten Fachrichtungen „Unternehmertum und Effizienzmanagement im Unternehmen“ rekordverdächtige 486 Bewerber pro Studienplatz registriert (durchschnittlich lag der Wettbewerb an dieser Uni bei 21 Bewerbern pro Platz).

Wie kommt man an die Uni?

Für die Zulassung an einer Universität ist es nicht unbedingt erforderlich, Prüfungen mit hohen Punktzahlen abzulegen. So müssen beispielsweise die Sieger und Preisträger schulischer Olympiaden nicht am allgemeinen Wettbewerb teilnehmen und sich keine Sorgen um die ESP machen. Auch unterstützt der Staat eine solche Kategorie wie „Kinder der Teilnehmer der Sonderoperation“. Die Zahl solcher Studienbewerber wächst von Jahr zu Jahr. Schließlich gibt es diejenigen, die zielgerichtete Studienplätze besetzen – für sie zahlt ein Unternehmen, in dem sie nach dem Abschluss arbeiten müssen. Doch für solche Studienbewerber gelten separate Quoten. Und dann kommen erst diejenigen, die ausschließlich auf die ESP-Ergebnisse gesetzt haben.

Wie viel kostet das Studium?

Hochschulbildung ist mit hohen Kosten verbunden. Die Vorbereitung auf die Einheitliche Staatliche Prüfung kostet Geld für Nachhilfelehrer. Die Vorbereitung auf die Olympiade-Aufgaben ebenfalls. Und während in der Zeit vor der Einführung der staatlichen Abschlussprüfung russische Medien über Korruption an Universitäten berichteten, tauchen nun immer häufiger Berichte darüber auf, dass schulische Olympiaden nicht immer gleiche Wettbewerbsbedingungen bieten.

Doch wenn es trotz der aufgewendeten Mittel nicht gelungen ist, einen staatlich finanzierten Studienplatz zu bekommen, kann man an der Uni gegen Bezahlung studieren. In diesem Jahr mussten die Studienbewerber auch um kostenpflichtige Studienplätze konkurrieren. Aber wie viel muss man zahlen?

Die Preise der Universitäten steigen jedes Jahr. So erreicht die Studiengebühr an der Higher School of Economics 1,1 Millionen Rubel pro Jahr, an der Diplomaten-Schmiede MGIMO etwa 1 Million Rubel pro Jahr und an der Lomonossow-Universität etwa 900 000 Rubel pro Jahr. Wichtig ist auch, wie lange man für die Bildung zahlen muss. Noch vor Kurzem rechneten die Eltern damit, vier Jahre lang den Gürtel enger zu schnallen, so lange dauerte der Bachelor-Studiengang. Nun sind vierjährige Studiengänge kaum noch zu finden. Im Rahmen der Abkehr vom Bologna-System kombinieren die Universitäten den Bachelor- und den Master-Studiengang. Die Studiendauer (und damit auch die Dauer der Zahlungen) verlängert sich somit auf sechs Jahre.

Glafira Baturina


Teuer hier, umsonst dort?

Die Preise für das Studium in Russland sind um elf bis 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Dabei stellt sich die Frage, ob sich das wirklich lohnt. Während die Peking-Universität und die Tsinghua-Universität zu den Top 20 des weltweiten Rankings gehören und die TU München in den Top 25 liegt, belegt die Lomonossow-Universität nur den 115. Platz.

Vor diesem Hintergrund ist das Interesse an europäischen und chinesischen Universitäten um etwa 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, schreibt RBC Life. Studienbewerber werden von der Möglichkeit angezogen, an renommierten Universitäten in Deutschland, Frankreich und Italien kostenlos oder nahezu kostenlos zu studieren. Abschreckend wirkt dabei nur die unzureichende Kenntnis der Fremdsprache. Vielleicht gewinnen deshalb in letzter Zeit die Slowakei und Slowenien bei Bildungssuchenden an Beliebtheit. Schließlich sind slawische Sprachen verwandt.

Nicht alle können auch ihre finanzielle Leistungsfähigkeit nachweisen, die für ein Studentenvisum erforderlich ist. Allerdings lassen sich einige Kosten durch Stipendien decken: Solche Programme gibt es beispielsweise in Frankreich und Ungarn, und in Italien können Studierende aus einkommensschwachen Familien mit einem Stipendium rechnen. Doch immer mehr Absolventen blicken nach Osten – Richtung Japan und natürlich China. Derzeit studieren mehr als 20 000 Russen in China. Das Studium ist preislich erschwinglich und die Lebenshaltungskosten sind dabei oft günstiger als in Russland und Europa. Für diejenigen, denen Chinesisch nicht liegt, gibt es eine breite Auswahl an englischsprachigen Programmen, allerdings ist das Studium dann in der Regel 20 bis 50 Prozent teurer.        Mn

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