
Das Bolschoi-Theater wird von vielen Russen als eine Konstante wahrgenommen: Es ist da und scheint schon immer dagewesen zu sein. Viele sind überzeugt, die einzige Gefahr, die jemals über dem bekannten Gebäude mit Säulen und Portikus, gekrönt von der Quadriga des Apollon, schwebte, sei die Bombardierung Moskaus durch die Hitler-Luftwaffe gewesen. Damals gelang es, das Theater zu verstecken: Es wurde mit einer gigantischen Plane bedeckt, auf die Häuser gemalt waren. Doch dem Bolschoi war nicht immer solches Glück beschieden.

Phönix aus der Asche
Die Geschichte des Bolschoi-Theaters beginnt am 28. März 1776. Damals gab es noch kein eigentliches Theater, aber der Gouvernements-Prokuror Fürst Pjotr Urussow erhielt von der russischen Kaiserin Katharina II. die Genehmigung zur Veranstaltung von Theateraufführungen sowie Konzerten und Maskeraden. Die Vorstellungen begannen 1777 im Heimtheater des Woronzow-Anwesens an der Snamenska-Straße, doch bereits 1780 brannte das Gebäude nieder.
Zum nächsten Veranstaltungsort wurde noch im selben Jahr das Petrwoski-Theater. Faktisch war dies das erste öffentliche Musiktheater Moskaus. Im Zuschauersaal mit 1000 Plätzen konnten sich Adlige treffen, die üblicherweise Jahresabonnements für Logen kauften, aber auch weniger vornehmes Publikum – Kaufleute, Beamte und Studenten. Und auf die Bühne traten Menschen unterschiedlichen Status, sowohl freie als auch leibeigene Schauspieler. Das Theater bestand 25 Jahre, doch im Winter 1805 ereilte das Gebäude das gleiche Schicksal wie sein Vorgänger. Es brannte nieder.
Doch recht bald, im Jahr 1808, wurde vom Architekten Carlo Rossi ein neues Holzgebäude für das Theater am Arbat-Platz errichtet. Doch offenbar verfolgte das Schicksal dieses Theater. 1812, während der Besetzung Moskaus durch die Franzosen, wurde die Hauptstadt von einem schrecklichen Feuer heimgesucht. Das Ensamble Truppe stand erneut ohne Gebäude da.
1825 wurde am Petrowski-Platz, der in Theaterplatz umbenannt wurde, das Bolschoi-Theater eröffnet. Dies war bereits jenes imperiale Theater, als das es im Prinzip bis heute gilt. Doch auch diesem Gebäude, errichtet nach dem Entwurf des russischen Architekten italienischer Herkunft Ossip Bove, war kein Glück beschieden. Feuer. 1853 brannte alles nieder, bis auf die steinernen Außenmauern und die Kolonnade des Portikus. Der Phönix erhob sich 1856 erneut aus der Asche. Dies ist das Gebäude, das – nach einigen Umbauten und einer umfassenden Rekonstruktion Anfang des 21. Jahrhunderts – bis heute existiert.

Große Politik
Seinen besonderen Status erlangte das Bolschoi-Theater bereits im 19. Jahrhundert. Wenn das Theater kaiserlich ist, muss auch die Hauptloge kaiserlich sein. Sie blieb oft leer, doch manchmal hatte auch der russische Herrscher mit Familie das Vergnügen, im Bolschoi Oper oder Ballett zu sehen. Diese Tradition riss aus verständlichen Gründen nach der sozialistischen Revolution von 1917 ab. Mehr noch: Anfänglich wollten die neuen Machthaber das Theater schließen. Wladimir Lenin sagte dazu: „Es ist peinlich, für viel Geld ein derart luxuriöses Theater zu unterhalten, wenn uns die Mittel fehlen, um die einfachsten Schulen auf dem Dorf zu finanzieren.“
Doch das Bolschoi-Theater überlebte und erfüllte weiterhin sowohl seine kulturelle als auch seine politische Funktion. Genau im Gebäude des Bolschoi-Theaters in Moskau fand am 30. Dezember 1922 die Unterzeichnung des Vertrags zur Gründung der UdSSR statt. Und im Dezember 1936 wurde im Bolschoi-Theater auf dem Kongress der Sowjets die neue Verfassung der UdSSR verabschiedet.
Später erwies sich auch die kaiserliche Loge als nützlich, die in der Sowjetzeit mit dem Namen „Regierungsloge“ vorliebnehmen musste. In ihr mussten sehr unterschiedliche Menschen Platz nehmen. Vor dem Krieg besuchte der Außenminister des nationalsozialistischen Deutschlands Joachim von Ribbentrop das Bolschoi-Theater, und 1944 wunderte sich der britische Premier Winston Churchill über den langen Applaus, mit dem die Ballerina Olga Lepeschinskaja verabschiedet wurde. In der Regierungsloge saßen die indischen Führer Jawaharlal Nehru und Indira Gandhi, der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser, der kubanische Führer Fidel Castro und der Schah des Iran Reza Pahlavi. Dort waren auch der jugoslawische Führer Josip Broz Tito, der Große Steuermann Mao Zedong und der amerikanische Präsident Richard Nixon. Bereits unter Michail Gorbatschow sahen sich François Mitterrand, Margaret Thatcher, Helmut Kohl und Ronald Reagan das russische Ballett an. In der neuen Ära, unter Wladimir Putin, ließen sich – ob sie wollten oder nicht – der japanische Premier Shinzo Abe, der Israeli Benjamin Netanjahu und der chinesische Führer Xi Jinping mit der russischen Kunst vertraut machen.
Die die Freiheit wählten
In der Geschichte des Bolschoi-Theaters kam es oft vor, dass die Besucher der Logen mehr Aufmerksamkeit von den übrigen Zuschauern und der Presse erhielten als diejenigen, die in diesem Moment auf der Bühne waren. Nicht weniger Aufmerksamkeit wurde jenen geschenkt, die auf der Bühne sein könnten, es aber nicht waren.
In der Sowjetzeit, als die Ausreise für gewöhnliche Menschen ins Ausland streng kontrolliert und für viele unmöglich war, erhielten Balletttänzer und Solisten des Bolschoi-Theaters diese Möglichkeit. Das russische Ballett war eine Art Exportgut, in gewissem Sinne jene Soft Power, die die Sowjetunion von ihrer glanzvollen Seite zeigte. Umso schmerzhafter war die Flucht sowjetischer Künstler in den Westen während der Tourneen. Man floh natürlich nicht nur während der Tourneen des Bolschoi-Theaters. Der große Rudolf Nurejew tanzte vor seiner Flucht nach Frankreich auf der Bühne des Kirow-Theaters in Leningrad (heute Mariinski in St. Petersburg). Doch das Bolschoi-Theater lieferte Nichtzurückkehrer oder, wie westliche Medien damals schrieben, „die die Freiheit wählten“.
Darunter der Urheber eines fantastischen Sprungs, Michail Baryschnikow. 1974 blieb er während der Theatertournee in Kanada. Später tanzte er beim American Ballet Theatre (ABT) und leitete es später. Baryschnikow spielte auch in Filmen mit, er hatte eine der Rollen in der Serie „Sex and the City“. Auch ein anderer Tänzer des Bolschoi spielte in Filmen mit, noch vor der Flucht nach New York im Jahr 1979. Alexander Godunow war ein Klassenkamerad von Baryschnikow an der choreografischen Schule in Riga. Das vielleicht bekannteste Paar derer, die nicht zurückkehrten, sind die Sängerin und Solistin des Bolschoi-Theaters, Galina Wischnewskaja, und der Cellist Mstislaw Rostropowitsch..
Goldenes Zeitalter
Als Goldenes Zeitalter des Bolschoi-Theaters wird oft die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bezeichnet. Auf seiner Bühne trat der große Fjodor Schaljapin auf, und am Dirigentenpult stand Sergei Rachmaninow. Doch es gibt auch eine alternative Meinung dazu. Die Epoche von Juri Grigorowitsch war definitiv eine außergewöhnliche Zeit für das Bolschoi. Grigorowitsch wurde 1964 Chefchoreograf des Theaters, von 1988 bis 1995 bekleidete er den Posten des künstlerischen Leiters der Balletttruppe. Man kennt das berühmte Ballett „Spartakus“ von Aram Chatschaturjan hauptsächlich in der Inszenierung Grigorowitschs von 1968. Und das, obwohl vor ihm dasselbe Ballett von Igor Moissejew inszeniert wurde, dem Schöpfer des berühmten Ensembles für Volkstanz. In seiner Inszenierung glänzte Maya Plissezkaja, wohl die bekannteste russische Ballerina.
Skandale und Tickets
Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen. Und man kann nicht vergleichen, was einst Norm war, und was heute gilt. Manchmal scheint es, als ob Skandale und die gesellschaftliche Aktivität der Ballettkünstler in den Medien und sozialen Netzwerken den künstlerischen Inhalt überschatten. Wenn man heute Menschen, die das Ballettleben nicht professionell verfolgen, bittet, den Namen einer russischen Ballerina zu nennen, werden sich die Leute mit großer Wahrscheinlichkeit an Anastassia Wolotschkowa erinnern. Die Frage nach ihrer erfolgreichsten Rolle werden die Leute jedoch nicht beantworten. Doch sie werden sich an die lange und erbarmungslose Diskussion über das Gewicht der Ballerina erinnern – kann sie ihr Partner im Tanz heben oder bricht er unter der unermesslichen Last zusammen.
Skandale begleiten auch die Oper. Am 23. März 2005 fand im Bolschoi-Theater die Weltpremiere der Oper von Leonid Desjatnikow „Kinder von Rosenthal“ statt. Autor des Librettos war Wladimir Sorokin. Dies war nach 30 Jahren wieder der erste Auftrag des Theaters für eine Originaloper. Nicht alle schätzten diese Inszenierung, es kam sogar zum Protest von Seiten der Abgeordneten der Staatsduma. Eine solche Uneinigkeit über etwas, das vom klassischen Repertoire abweicht, ist bezeichnend: Lasst im Bolschoi die Klassik, „Schwanensee“ und „Nussknacker“, und alles Neue – irgendwo anders. Sehr viele Menschen wollen das 21. Jahrhundert auf keinen Fall in das historische Gebäude am Theaterplatz lassen.
Diese Wände sind längst selbstwertvoll. Es ist kein Geheimnis, dass Zuschauer heute ins Bolschoi kommen, um in umwerfenden Outfits zu posieren, sich in den Interieurs zu fotografieren und in der Pause das traditionelle Butterbrot mit rotem Kaviar zu essen. Im Prinzip kann man bis zum zweiten Akt der Vorstellung auch nicht bleiben – einige tun genau das. Immer weniger Theater, immer mehr Statusdemonstration.
Nicht von ungefähr hat sich die unendliche Schlange im Spätherbst nach Tickets für das Ballett „Nussknacker“ im Bolschoi-Theater selbst zu einer Art kulturellem Ereignis entwickelt. Schwarzmarkthändler bieten Tickets für unvorstellbare Summen an. Doch für den Status ist kein Geld zu schade. Dies ist definitiv nicht das Goldene Zeitalter des Theaters. Aber wenigstens ist derzeit mit dem Brandschutz alles in Ordnung.
Igor Beresin




