Russland und USA: „Heißer Konflikt weit entfernt“

Das jüngste „Moskauer Gespräch“ war den russisch-amerikanischen Beziehungen nach der Wahl von Donald Trump gewidmet. Zu den Experten auf dem Podium gehörte auch Dmitrij Trenin, Direktor des Carnegie-Zentrums in Moskau. Er spricht über „Trumpismus“, Amerikas neue Beziehung zu Russland und erklärt, warum er einen „heißen“ Konflikt ausschließt.

Dmitrij Trenin

Dmitrij Trenin im Gespräch / Foto: Anastassija Buschujewa

Herr Trenin, die Beziehungen zwischen Russland und den USA sind denkbar schlecht. Werden die beiden Länder noch mal Freunde?

Freundschaft beschreibt die Beziehung zwischen Menschen, nicht zwischen Staaten. Ich bezweifle, dass das hier der richtige Begriff ist. Um jedoch Ihre Frage zu beantworten: In den letzten fünf Jahren war das Verhältnis zwischen Russland und den USA von Instabilität, unangenehmen Überraschungen und gegenseitigen Anschuldigungen geprägt. Es wird Zeit, den Konflikt, unter dem auch Dritte zu leiden haben, zu entschärfen.

Eine Partnerschaft?

Nein, das trifft es auch nicht. Es wird eher zu einer Vielzahl von diplomatischen Vereinbarungen, Übereinkünften, Kompromissen kommen. Und dabei bleibt es auch. Denn eines steht fest: Jeder weitere Schritt wird einen betont taktischen Charakter haben. Von einer strategischen Partnerschaft sind wir weit entfernt.

Was lässt sich von der Antrittsrede Donald Trumps als Präsident auf die zukünftige Beziehung zu Russland schließen?

Schwer zu sagen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Trump es selbst weiß – sein außenpolitisches Konzept ist noch nicht formuliert. Unabhängig davon, dass er mehrfach seine Gesprächsbereitschaft mit Russland erklärt hat: In der Antrittsrede ging es weniger um Russland als vielmehr um die USA.

Was bedeutet der sogenannte „Trumpismus“, wie er jetzt schon genannt wird, für die bestehende Weltordnung?

Ich denke, dass diese Betonung des Nationalismus von Donald Trump die bestehende Weltordnung von selbst verändern wird. In dieser Hinsicht setzt Trump – in einer sehr eigenen Art – den Kurs seines Vorgängers Barack Obama fort. Dieser startete von einem ganz anderen Punkt, der den Platz der USA in der postsowjetischen Welt markierte: das starke Amerika von George W. Bush als unbestrittene globale Supermacht.

Zur Person: Dmitrij Trenin

Der 1955 in Moskau geborene Politologe ist seit 2008 Direktor des Moskauer Carnegie-Zentrums, einem auf russische und amerikanische Außenpolitik spezialisierten Thinktank. Davor diente Trenin in der sowjetischen und russischen Armee (1972-1993), war unter anderem fünf Jahre lang in Potsdam stationiert. Nach seinem Abschluss an der militärpolitischen Lenin-Akademie promovierte er 1984 an der  Akademie der Wissenschaften.

Was hat sich seitdem verändert?

Um es kurz zu machen: Die USA haben sich zu einem „normalen Staat“ entwickelt. Sie sind kein globaler Hegemon mehr, der einzig und allein den Takt angibt.

Ist unter Trump mit einer Abwendung Amerikas von der Welt zu rechnen?

So würde ich das nicht nennen. Eher eine Änderung der Prioritäten – von äußeren zu inneren, also einer Retrenchment-Politik. Dies hat Donald Trump mit der versprochenen Kündigung des Transpazifischen Freihandelsabkommens (TPP) wenige Tage nach seiner Vereidigung bewiesen.

Stichwort Prioritäten: Wofür steht der neue Außenminister und frühere ExxonMobil-Chef Rex Tillerson? Er scheint Russland ja gut zu kennen.

In der Tat. Er kennt Russland, war in Russland und ist hochqualifiziert, um mit Russland zu reden. Aber ich würde keine Geschenke von ihm erwarten. Das Kabinett von Trump besteht aus Wallstreet-Magnaten und Ex-Generälen. Das sind keine Softies, sondern taffe Jungs, auf Sieg programmiert.

Das heißt, Russland muss sich warm anziehen?

Nein, das war auf die Innenpolitik bezogen. Die Beziehung zu Russland hat schon bessere Zeiten erlebt. Ich schließe jedoch voll und ganz aus, dass es zu einem offenen, „heißen“ Konflikt kommt.

Welche Rolle kann Russland in einer Weltordnung ohne Vormachtstellung der USA einnehmen?

Russland hat keinerlei Supermacht- oder Hegemonieansprüche. Es sieht sich als Großmacht. Und als solche will es auch von den USA akzeptiert werden.

Das Interview führte ­Christopher Braemer.

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