7. Biennale in Moskau: visionär zwischen Himmel und Erde

VR-Brillen, Björk und Roboter: Die Hauptausstellung der 7. Biennale in Moskau wartet mit großen Namen und großen Themen auf.

Google Red, Google Yellow, Google Blue von Mathieu Merlet-Briand aus dem Jahr 2015. /Foto: Mathieu Merlet-Briand.

Gleich am Eingang der neuen Tretjakow-Galerie sticht ein Kunstwerk hervor, das einen Vorgeschmack auf die 7. Biennale in Moskau gibt. Drei große Rechtecke in den Farben Gelb, Blau und Rot lehnen an einer weißen Wand. Schaut man genauer hin, so erkennt man Zahlen. Daten, um genau zu sein. Fein gestrickt zu einem großen Bild. Es trägt den Titel „Google Red, Google Yellow, Google Blue“. Der Künstler Mathieu Merlet-Briand entwickelte einen Algorithmus, um die ­Google-Suche eines bestimmten Wortes zu einem bestimmten Zeitpunkt zu recyclen. Aus der digitalen Welt wandelte er sie ins Materielle um. Es ist eine Hommage an den Künstler Alexander Rodschenko, der viel mit Primärfarben gearbeitet hat. Und es ist auch kein Zufall, dass die Werke des russischen Avantgardisten in der neuen Tretjakow-Galerie hängen.

Merlet-Briand ist ein Beispiel dafür, dass ein Künstler nicht einfach nur ein Künstler ist. Sondern auch ein neugieriger Entdecker und Forscher, der sein Umfeld genau studiert und interpretiert. Dazu passt das lyrische Thema des Hauptprojektes der Biennale in der neuen Tretja­kow-Galerie: „Clouds⇄ Forest“. Die Wolken stehen dabei metaphorisch für eine Generation, die mit einem auf Clouds basierten Internet aufgewachsen ist und für die es einen natürlichen Lebensraum darstellt. Die Wälder stehen für die ältere Generation, die in der traditionellen Kultur verwurzelt ist. Beide Welten sollen stets im Dialog sein. „Bei der Auswahl der Künstler wurde besondere Aufmerksamkeit denen geschenkt, die einen frischen Blick auf neue Technologien werfen, den bekannten Sprachen der Kunst neues Leben geben, dabei ihre kulturellen Wurzeln nicht vergessen, die Welt als ein einheitliches Ökosystem betrachten und so Kunst neu erfassen“, sagt Yuko Hasegawa, künstlerische Leiterin des Museums für zeitgenössische Kunst in Tokio und Kuratorin der Moskauer Biennale.

Naturkatastrophen, Kriege und Globalisierung

Die Japanerin kuratierte unter anderem 2001 die 7. Biennale in Istanbul und 2010 die Architektur-Biennale in Venedig. Hasegawa ist dafür bekannt, mit der eurozentristischen Sichtweise im Kunstbetrieb aufzuräumen. So versammelt die Biennale in Moskau 52 Künstler aus 25 Ländern. Darunter auch aus dem Iran, Indien und Indonesien. Anziehungspunkt sind dieses Mal Werke von namhaften Künstlern wie Matthew Barney, Olafur Eliasson, Hussein Chalayan und Björk. Sie alle zeigen das, womit der Mensch heute konfrontiert ist: Naturkatastrophen, Kriege, Wirtschaftskrisen und Globalisierung. Das hat zur Folge, dass sich Natur, Gesellschaft und die menschliche Psyche schnell verändern.

Mensch und Maschine: eine Videoarbeit von Justine Emard und Mirai Moriyama aus dem Jahr 2017 / Foto: Justine Emard.

Wie Künstler diesen transitorischen Zustand auffassen, illustriert eine Videoarbeit von Justine Emard. Zu sehen ist der japanische Tänzer Mirai Moriyama, wie er mit einem Roboter interagiert. Dank künst­licher Intelligenz reagiert er auf die Bewegung des Tänzers und lernt, wie ein Mensch zu handeln. Dieser Ausblick, wie die Interaktion zwischen Mensch und Maschine aussehen kann, hat etwas Unheimliches, aber auch etwas Slapstickhaftes. Die Arbeiten schwanken immer zwischen Apokalypse und Hoffnung. Und das ist auch die Botschaft: Kunst kann die Welt nicht retten, aber sie kann die menschliche Wahrnehmung verändern.

Das macht auch Björk. Dabei wird der Zuschauer der Biennale Zeuge einer großen Trennung. Die isländische Sängerin Björk und der amerikanische Künstler Matthew Barney waren „das“ Paar der Kunstszene. Wie Björk das Ende ihrer Liebe durchlebt hat, sieht der Zuschauer durch eine Virtual-Reality-Brille mit einem 360-Grad-Blick auf die raue isländische Landschaft. Unmittelbar. Danacht taucht der Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes in das Innere der Sängerin ein und kann ihre Eingeweide mittels einer Sonde sehen.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Diese Biennale ist zugänglich. Nicht nur inhaltlich, durch den Einsatz großer Namen und populärer Mittel wie der virtuellen Realität und virulenter Themen, sondern auch räumlich. Entlang des weißen Labyrinths läuft der Besucher auf zwei Stockwerken die Biennale ab. Am Ende des Rundgangs kommt er in der Dauerausstellung der Galerie heraus. Hasegawas Konzept geht auf: Sie zeigt, wie Künstler spekulative Zukunft mit der instabilen Gegenwart und der nachklingenden Vergangenheit verbinden.

Parallel zur Biennale finden bis  zum 18. Januar Ausstellungen auch im Moskauer Museum für Moderne Kunst (MMoMA), Multimedia Art Museum, Winzawod und auf dem WDNCh-Gelände statt.

Katharina Lindt

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