Zwischen Historismus und Moderne: Zu Besuch in Russlands westlichster Stadt Kaliningrad

Kaliningrad, das frühere Königsberg, ist sicherlich die deutscheste Stadt Russlands. Demnächst wird sie es noch ein wenig mehr. Vom 24. bis 27. September finden in der Stadt das III. Kultur- und Geschäftsforum „Made by Deutschen in Russland: Information. Integration. Bilanz“ und parallel dazu die 23. Sitzung der Deutsch-Russischen Regierungskommission für die Angelegenheiten der Russlanddeutschen statt. Im Vorfeld dieser Ereignisse hat sich die MDZ in der Stadt umgesehen und mehr über sie in Erfahrung gebracht

Kaliningrad

Wiederaufgebaute Innenstadt am Ufer des Flusses Pregel /Foto: Daniel Säwert

Bis nach Polen sind es nur 50 Kilometer, Litauen ist in 120 Kilometern erreicht, bis Moskau sind es hingegen 1200 Kilometer. Russlands westlichste Großstadt Kaliningrad liegt weit entfernt vom russischen Kernland, dafür mitten in Europa.

Diese Lage, dazu noch fast am Meer, und die Geschichte der Stadt macht Kaliningrad interessant, sowohl für Russen als auch für Deutsche. Denn gegründet wurde die Stadt 1255 als Königsberg und war bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs die Hauptstadt Ostpreußens, bevor sie 1946 in Kaliningrad umbenannt und Russlands westlichster Vorposten wurde.

Vom 24. bis 27. September finden in der Stadt das III. Kultur- und Geschäftsforum „Made by Deutschen in Russland: Information. Integration. Bilanz“ und parallel dazu die 23. Sitzung der Deutsch-Russischen Regierungskommission für die Angelegenheiten der Russlanddeutschen statt. Die MDZ ist kurz vor dem Forum nach Kaliningrad gereist, um sich einen Eindruck von der Stadt und ihren Menschen zu machen.

Das Kaliningrader Lebensgefühl

Kaliningrad ist eine wachsende Stadt. In den letzten zehn Jahren ist die Bevölkerungszahl um dreizehn Prozent gestiegen. Walentina Jansen, Urbanistin vom Zentrum für angewandte Urbanistik Kaliningrad, erklärt, dass dies nicht nur auf die Binnenmigration innerhalb des Gebietes zurückzuführen ist, sondern auch auf die Heimkehrer aus Moskau und St. Petersburg.

Viele entscheiden sich nach einigen Jahren Arbeit in den Metropolen, wieder in ihre Heimat zu kommen, zunächst zu Erholung und dann endgültig. Denn das Arbeitsleben in Moskau und St. Petersburg ist schwer und in Kaliningrad scheint vieles einfacher. Und das in Russland weit verbreitete Homeoffice ermöglicht es, nur ein Mal alle zwei Monate ins Büro zu fliegen und den Rest der Zeit hier zu verbringen. Hedonismus und Selbstbesinnung – das seien die vorherrschenden Religionen in Kaliningrad, meint Jansen.

Auf der anderen Seite spricht Jansen den Menschen in Kaliningrad auch ein „provinzielles Syndrom“ oder „Enklaven-Gefühl“ zu. Man könne die lokale Identität als Verschlossenheit bezeichnen, die Menschen hätten in gewisser Weise Angst vor Veränderungen, fügt Jansen hinzu. Vor zehn Jahren sei das Interesse an anderen Menschen noch viel größer gewesen. Hinzu kommt ein sehr hohes Sicherheitsbedürfnis. Überall in der Stadt hängen Kameras, die von der Bevölkerung befürwortet werden.

Die Stadt und ihr deutsches Erbe

denken ist nahezu unmöglich. Das deutsche Erbe ist trotz großer Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg überall zu sehen. Ungefähr 15 Prozent der heutigen Stadt wurden Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut. Während Käufer für solche Immobilien in Deutschland Schlange stehen, sind die Kaliningrader den Gründerzeitbauten gegenüber skeptischer. Das liegt in erster Linie an deren Zustand. Viele der Häuser befinden sich in einem sehr schlechten Zustand und sind oft von Schimmel und Pilzen befallen. Dennoch verlangen die Besitzer sehr hohe Preise. Der Markt für deutsche Häuser sei deshalb in den letzten Jahren zusammengebrochen, erklärt Jansen.

Kaliningrad ist eine Stadt, die nach vorne schaut, was sich nicht nur in den Wohngebäuden äußert. Auch gedanklich schauen viele Menschen nicht zurück. Aber es gibt auch einige junge Menschen, die trotz des Blickes nach vorn auch das Gedächtnis der Stadt erhalten wollen. Einer von ihnen ist Maxim Popow. Der Werbedesigner begann aus Liebe zur Fotografie sich für die Geschichte seiner Heimatstadt zu interessieren und musste feststellen, dass es keine Werke zu dieser gab.

Also begann er selbst Fotografien aus Museen, Archiven und Privatbeständen zu sammeln. Es zeigte sich, dass sich insbesondere die frühere Nachkriegszeit schwer rekonstruieren lässt, da zu der Zeit kaum jemand auf den Gedanken kam, mit einer Kamera durch die zerstörte Stadt zu ziehen. Insgesamt hat es acht Jahre gedauert, bis er das Buch „Paralleles Gedächtnis“ herausbringen konnte.

Russen kaufen dieses Buch gerne, erzählt Popow. Eine deutsche Übersetzung sei bisher leider noch nicht zustande gekommen. Man habe viele Gespräche mit Deutschen geführt und ein Museum in Lüneburg zeigte sich bereits sehr interessiert. Geld wollte indes niemand geben.

Die Vergangenheit ist ein gutes Geschäft

Kaliningrad macht mit seiner deutschen Vergangenheit ein prima Geschäft. Die Wortmarke „König“ verkauft sich sehr gut, erklärt Wiktor Tschernyschow von der deutschsprachigen Zeitung „Königsberger Express“. So wird nicht nur ein Bäcker zum König erhoben, sondern so ziemlich alles, was sich verkaufen lässt, mit dem ehemaligen Namen der Stadt versehen, vorwiegend in Fraktur. Und Immanuel Kant, der wohl bekannteste Sohn der Stadt, der so manchem deutschen Schüler das Leben schwer gemacht hat, wurde nicht nur von der Universität sondern auch von einer Supermarktkette eingenommen.

Auch Popow verdient sein Geld mit der Vermarktung der Stadt, jedoch in einer ästhetisch ansprechenderen Form. So wurde schließlich die Stadtverwaltung auf ihn und sein Projekt aufmerksam und gemeinsam erarbeiteten sie ein Konzept, das den Besucher der Stadt mit Hilfe von Schautafeln und Fotografien die alte und die neue Stadt näherbringen.

Die Russlanddeutschen von Kaliningrad

Das heutige Kaliningrad ist eine multikulturelle Stadt. Noch zu sowjetischen Zeiten, aber insbesondere in den 1990ern und 2000ern fanden auch viele Russlanddeutsche den Weg an die Ostsee.

Nachdem das ehemalige Deutsch-Russische Haus als „ausländischer Agent“ eingestuft worden war und deshalb schließen musste, wurde mit dem Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen in Kaliningrad im Oktober 2017 ein neues Haus für die Minderheit eröffnet. Roman Hennig, seit April Vorsitzender des Zentrums erklärt bei einem Rundgang durch den Neubau die Arbeitsgebiete der Einrichtung.

Dem Haus gehe es in erster Linie um den Erhalt und die Förderung der Sprache und der Russlanddeutschen Traditionen. Gerade in Zeiten, in denen in Schulen und Universitäten immer seltener Deutsch unterrichtet wird, werde die Arbeit des Kultur- und Geschäftszentrums immer wichtiger. Dafür würden nur die besten Lehrer engagiert. Und das mit Erfolg. Die Sprachclubs seien stets voll und die Warteliste lang, sagt Hennig.

Auf die Frage, wie die Russlanddeutschen sich fernab ihrer historischen Heimat an der Wolga in einem Gebiet wahrnehmen, in dem einst andere Deutsche wohnten, wird Hennig nachdenklich. Kaliningrad sei eine besondere Region, in der nationale Fragen meist etwas schärfer diskutiert werden als anderswo in Russland und die Aktivitäten werden zudem stärker beobachtet.

Als gemeinnützige Organisation hält sich das Geschäftszentrum der Russlanddeutschen aus politischen Fragen heraus und konzentriert sich derzeit auf die kulturelle und gesellschaftliche Arbeit. Ein wichtiges Gremium, um die Ziele der Russlanddeutschen zu erreichen, ist der Rat für Nationale und kulturelle Gemeinschaften des Gebietes Kaliningrad, auch wenn dort momentan nur angenehme Fragen besprochen werden.

Lebendiger Teil des kulturellen Lebens

Im kulturellen Leben Kaliningrads hat das Kultur- und Geschäftszentrum seinen Platz bereits gefunden. Das Haus steht für alle offen. Und so treten nicht nur russlanddeutsche Ensembles auf, sondern, wie zum Gedenktag der Russlanddeutschen, auch schon mal das Symphonieorchester Kaliningrads.

Hennig, ein studierter Ökonom, möchte die wirtschaftliche Ausrichtung seines Hauses vorantreiben. Momentan ist er noch mit der Vorbereitung des Forums, das in den Räumen des Kultur- und Geschäftszentrums stattfinden wird, beschäftigt. Er freut sich und hofft, dass das Forum neue Impulse für die Organisation freisetzen kann. Nach dem Forum möchte er mit den deutschen Firmen vor Ort Kontakt aufnehmen. Das Kultur- und Geschäftszentrum der Russlanddeutschen sucht seine Rolle als Vermittler. Denn das Gebiet Kaliningrad ist relativ klein und Menschen mit Deutschkenntnissen werden hoch geschätzt.

Kaliningrad

Die Oktober-Insel mit dem WM-Stadion. Hier soll das Off-Shore Gebiet eingerichtet werden. /Foto: Daniel Säwert

Die Region als Wirtschaftsstandort

Kaliningrad modernisiert sich weiter. Und viele Menschen vor Ort schreiben den Fortschritt dem neuen Gouverneur, dem 31-jährigen Anton Alichanow, zu. Dieser hat innerhalb kürzester Zeit wichtige Minister ausgetauscht und sein Kabinett mit vielen jungen und erfolgshungrigen Personen besetzt.

Roman Hennig spricht von einer Aufbruchsstimmung, die in der Stadt und dem Gebiet herrsche. Denn der Wirtschaftssektor erfährt eine Transformation. Kaliningrad sei traditionell immer ein Gebiet von Händlern gewesen, erklärt Walentina Jansen. Doch dieser leide seit Jahren durch die geopolitische Situation und die Abschaffung des kleinen Grenzverkehres nach Polen.

Gefördert werden auch neue Technologien und Existenzgründer mit Coworking spaces und Business Inkurbartoren. Seine Rolle als Pilotgebiet spielt Kaliningrad vor allem in der IT-Branche aus, die mit 7000 Angestellten sehr groß ist.

Sonderwirtschaftszone und Off-Shore

Kaliningrad ist seit vielen Jahren eine Sonderwirtschaftszone, in der die Zugangsvoraussetzungen finanziell so niedrig sein, wie nirgendwo sonst in Russland, sagt Hennig. Nach Angaben der Regionalregierung waren 2017 über 140 Unternehmen im Gebiet ansässig, darunter auch einige deutsche.

So ist der Autohersteller BMW ist bereits seit 1999 im Gebiet vertreten und stellt gemeinsam mit dem lokalen Unternehmen Awtotor jährlich 18 000 Fahrzeuge verschiedener Modelle für den russischen Markt her. Mittlerweile plant BMW, ein eigenes Werk in der Nähe des Flughafens zu errichten. Die Verhandlungen ziehen sich jedoch momentan in die Länge.

Das neueste Entwicklungsprojekt, allerdings in Moskau initiiert, ist die Schaffung einer Off-Shore Zone auf der Oktober-Insel, auf der sich das WM-Stadion Kaliningrads befindet.  Dort ansässige Unternehmen sollen auf im Ausland erwirtschaftete Gewinne keine Steuern bezahlen müssen.

Kritiker der Idee monieren, dass ein Erfolg der Off-Shore Zone nicht garantiert sei und sie in erster Linie dazu diene, dass Oligarchen ihr im Ausland geparktes Geld wieder nach Russland zurückführen können.

Daniel Säwert

Kaliningrad

Das Gebiet Kaliningrad bildet den nördlichen Teil des ehemaligen Ostpreußens. Auf einer Fläche von 15 125 qm leben insgesamt 994 599 Menschen, davon 475 056 in der Hauptstadt Kaliningrad. Das durchschnittliche Monatseinkommen beträgt 31 326 Rubel (385 Euro), womit das Gebiet im Mittelfeld aller russischen Regionen liegt.

Neben der Industrie ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das Gebiet.   

Die Strände der Ostseebäder lockten im Jahr 2017 1,3 Millionen Touristen an.   

Regelmäßige deutschsprachige Nachrichten aus Kaliningrad bietet der „Königsberger Express“ (koenigsberger-express.com), der monatlich erscheint.

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