Zurück in die Zukunft: Russland baut wieder Tragflächenboote

Im Schwarzen Meer, auf der Wolga und in Sibirien: Eine neue Generation russischer Tragflächenboote hat ihre ersten Sommer hinter sich. Sie knüpft an eine glorreiche Vergangenheit an, als die Boote der Stolz der Nation und ein Synonym für Zukunft waren.

„Kometa 120M“ war das erste neu entwickelte Tragflächenboot seit Sowjetzeiten. (Foto: Wympel-Werft Rybinsk)

Die Sowjetunion war ein eigenartiger Staat. Im Fußball würde man sagen: mal Weltklasse, mal Kreisklasse. Vor 30 Jahren erlebte sie ihre letzten Tage. Dabei hätten längst nicht nur Parteikader noch bis kurz davor geschworen, dass ihr die Zukunft gehört.

Überzeugungsarbeit in dieser Richtung leistete ein Wunder der Technik: Wer einmal an Bord eines Tragflächenboots gewesen und mit 60 Sachen über das Wasser gedüst war, der konnte wohl gar nicht anders, als sich im fortschrittlichsten Land der Welt zu wähnen. Diese Kreuzung aus Schiff und Flugzeug musste wie eine wahr gewordene Utopie auf den kleinen Mann wirken, der meist nicht einmal ein Auto hatte. Und wenn dieser Staat leistungsfähig genug war, fliegende Schiffe zu bauen, dann konnte ja auch das mit dem Kommunismus vielleicht noch etwas werden, trotz allen Mangels, trotz der Mühen des Alltags.

Tragflächenboote (alternativ spricht man von Tragflügelbooten) waren ein Inbegriff für das Morgen im Heute. Ihr Prinzip: Wenn das Boot beschleunigt, sorgen darunter angebrachte Tragflächen oder -flügel für Auftrieb. Der Rumpf wird über die Wasseroberfläche angehoben, was wegen des verringerten Widerstands höhere Geschwindigkeiten ermöglicht, Treibstoff spart und eine relativ ruhige Fahrt gewährleistet.

Sie hießen „Raketa“, „Meteor“, „Kometa“

Vermutlich hat die Raumfahrt noch etwas mehr Begeisterung bei der Bevölkerung ausgelöst, aber nicht jeder konnte Kosmonaut werden. Ein Tragflächenboot zu besteigen, war dagegen die normalste Sache der Welt. Allein von den drei erfolgreichsten Serienmodellen „Raketa“, „Meteor“ und „Kometa“ wurden von 1957 bis in die 1990er Jahre hinein mehr als 900 Stück gefertigt, dazu kam eine ganze Reihe von Weiterentwicklungen. Und die mit Abstand größte Flotte der Welt diente vordergründig nicht etwa zu Ausflugszwecken. Tragflächenboote waren vor allem ein vollwertiges Transportmittel, das im Personenverkehr bis zu 20 Millionen Passagiere pro Jahr beförderte.

Immer noch rüstig: „Meteor“ aus der Blütezeit der Trageflächenboote in der Sowjetunion als Ausflugsschiff vor St. Petersburg (Foto: Tino Künzel)

Noch heute sind einige Dutzend Exemplare aus sowjetischer Produktion in Russland unterwegs. Sie bringen Besucher von St. Petersburg zum Schloss Peterhof oder zur früheren Festung Kronstadt, Kischi im Onegasee wird genauso angesteuert wie Walaam im Ladogasee. Und noch immer, 74 Jahre nach der Jungfernfahrt der ersten „Rakete“ von Gorki (wie Nischnij Nowgorod damals hieß) nach Kasan auf der Wolga, fühlt es sich wie ein Triumph menschlichen Erfindergeistes an, wenn das Boot Fahrt aufnimmt und, angetrieben von einem oder zwei Flugzeugmotoren, so aufs Tempo drückt, dass selbst größere Entfernungen noch komfortabel überwunden werden können.

Frischer Wind nach langer Flaute

Nach der Auflösung der Sowjetunion geriet dieses Unikum unter den Schiffen schnell ins Abseits. Hatten Treibstoffkosten in der Planwirtschaft kaum eine Rolle gespielt, konnte nach Freigabe der Preise nun von einem rentablen Betrieb zumindest im Linienverkehr mit seinen niedrigen Tarifen nicht mehr die Rede sein. Außerdem war fortan verstärkt Automobilität gefragt. Tragflächenboote verkörperten nicht mehr die Moderne, sondern eine aussterbende Art.

Hallo, ich bin der Kapitän! „Meteor“-Veteran im Frühjahr an der Anlegestelle in Kronstadt (Foto: Andrej Bessonow/RIA Novosti)

Doch inzwischen scheint man wieder zu wissen, was man an den Schnellbooten hat. Das schon zu Sowjetzeiten in der Branche führende Zentrale Konstruktionsbüro (ZKB) aus Nischnij Nowgorod, benannt nach dem Tragflächenboot-Pionier Rostislaw Alexejew (1916-1980), hat in den letzten Jahren mehrere zeitgenössische Versionen entwickelt. Die Serienproduktion ist bereits angelaufen, die ersten Vertreter der neuen Generation sind im Dauereinsatz. Ein staatliches Programm für den Schiffbau in den Jahren 2013 bis 2030 hat die Rahmenbedingungen dafür geschaffen.

Neustart auf der Krim

Den Anfang machte das Tragflächenboot „Kometa 120M“ der Wympel-Werft in Rybinsk bei Jaroslawl. Damit wird seit dem 1. August 2018 jeweils in der Hochsaison die Verbindung Sewastopol – Jalta auf der Krim betrieben. Die Fahrt dauert zwei Stunden und kostet ab 700 Rubel (etwa 8,40 Euro).

„Kometa 120M“ im Hafen von Jalta (Foto: Wympel-Werft Rybinsk)

Vom Stapel gelaufen sind mittlerweile drei „Kometen“. Eines der Boote bedient seit diesem Sommer die Strecke Noworossijsk – Gelendschik – Sotschi entlang der Schwarzmeerküste. Die beiden Endpunkte sind viereinhalb Stunden voneinander entfernt. Der Preis liegt bei knapp 3000 Rubel (rund 36 Euro).

In der futuristischen Schale von „Kometa 120M“ steckt ein, wie es heißt, intellektueller Kern. Die klimatisierte Passagierkabine ist schall­isoliert, die Panaromafenster sorgen für schöne Rundumsicht. Auch die multimediale Ausstattung verrät, wie viel Zeit doch zwischen den „analogen“ Vorgängern und ihrem „digitalen“ Nachfolger liegt.

Linienverkehr auf Ob und Irtysch

Das Alexejew-Konstruktionsbüro entwirft derweil nicht nur Tragflächenboote, es baut sie unweit von Nischnij Nowgorod in der Nähe der Stadt Tschalowsk an der Wolga auch selbst. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind bereits elf Boote vom Typ „Waldai 45“ produziert, das konzeptionell und sogar visuell auf dem Modell „Polessje“ von 1983 basiert und auf den Betrieb in flachen Gewässern ausgelegt ist. Das erste Serienfahrzeug wurde vor zwei Jahren im sibirischen Chanty-Manssijsk in Dienst gestellt. In der dünn besiedelten Region sind viele entlegene Orte nur aus der Luft oder eben über das Wasser zu erreichen, weshalb Tragflächenboote auf Ob und Irtysch ein so gewohntes Bild sind wie andernorts Bus oder Bahn.

Zwei weitere „Waldai“-Exemplare gingen nach Jakutien im Osten Russlands, während fünf zu Hause in Nischnij Nowgorod für Ausflugsfahrten auf Wolga und Oka zur Verfügung stehen. Kürzlich wurde auch wieder ein regulärer Nahverkehr in Vororte eingerichtet – erstmals seit der Sowjetunion.

Hoffnungsträger „Meteor 120P“ und „Waldai 45“ (Foto: Alexander Wolschanin/Pressestelle der Regionalregierung von Nischnij Nowgorod)

Unterdessen hatte diesen Sommer das größere Tragflächenboot „Meteor 120P“ mit 120 Plätzen Premiere. Anfang August zu Wasser gelassen, wurde es anschließend ebenfalls nach Chanty-Manssijsk geliefert. Ein zweites Exemplar der Serie soll 2022 folgen. Der Verkehrsbetrieb Sewerretschflot aus Chanty-Manssijsk hat darüber hinaus zwei Tragflächenboote ganz ähnlichen Kalibers beim Gorki-Werk im tatarischen Selenodolsk bestellt. Sie firmieren unter der Bezeichnung „Meteor 2020“. In Selenodolsk waren ab 1961 auch die sowjetischen „Meteore“ hergestellt worden, von denen die Sewerretschflot mit Stand von Anfang dieses Jahres noch 34 in seinem Bestand hat. 33 Strecken werden damit unterhalten. Manchmal müssen Distanzen von mehreren hundert Kilometern zurückgelegt werden.

Jumbo-Tragflächenboot

Flaggschiff in der Produktpalette des ZKB Alexejew ist das Modell „Zyklon 250M“. Bisher existiert es nur auf dem Papier, aber in Nischnij Nowgorod hofft man wohl, dass potenzielle Kunden im In- und Ausland darauf aufmerksam werden. Das Projekt ist ein einziger Superlativ: Der doppelstöckige „Zyklon“ soll eine Kapazität von bis zu 300 Passagieren haben und bis zu 100 Kilometer pro Stunde schnell sein. Mit 46 Metern ist sein Rumpf länger als der eines Airbus A321 – vorausgesetzt natürlich, dieses XXL-Tragflächenboot wird jemals gebaut.

Wenn jemand damit Erfahrung hat, dann das ZKB, denn auch das Originalmodell von 1986 wurde einst in den Wänden des Büros projektiert. Es verband seinerzeit sowjetische Schwarzmeer-Badeorte wie Odessa und Jalta miteinander und wurde sogar mit Wellengang von bis zu 2,5 Metern fertig. Von diesem technischen Meisterstück existierte nur ein einziges Exemplar und das kam 2004 nach seiner Stilllegung nicht wenigstens ins Museum, sondern auf den Schrottplatz.

Der möglichen Neuauflage haben die Zeichner schon mal ein sehr attraktives Kleid verpasst. Wie groß allerdings die Perspektiven sind, dass es dabei nicht bleibt, ist schwer zu sagen. Die Gedankenspiele haben immerhin bereits alte Träume wieder befeuert, mit Tragflächenbooten internationale Verbindungen in der Ostsee einzurichten, etwa von St. Petersburg nach Helsinki oder Tallinn. Zugetraut wird dem „Zyklon“ auch ein beträchtliches Exportpotenzial, vor allem nach Südostasien. Die sowjetischen „Meteore“ wurden einst in alle Welt verkauft, darunter auch in den Westen.

Von den Neuentwicklungen will das ZKB Alexejew nun vorerst sieben bis acht Stück pro Jahr bauen. Das sind natürlich verschwindend kleine Stückzahlen im Vergleich zu früher. Es ist eben nicht so einfach, in die Zukunft zurückzukehren.

Tino Künzel

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