Ein Monster geht in Rente

Es wurde unter strengster Geheimhaltung entwickelt, sollte Flugzeugträger versenken und geriet jahrzehntelang in Vergessenheit. Nun wird Russlands größtes Flugboot zum Ausstellungsstück.

Der Ekranoplan „Lun“ kann künftig im südrussischen Derbent bestaunt werden. (vk.com/aviation_forever)

Eigentlich ist die Urlaubssaison in Derbent bereits vorbei und auch die letzten Touristen sind längst wieder abgereist. Doch am Strand von Russlands südlichster Stadt herrscht trotzdem emsige Betriebsamkeit. Autos fahren vor, Familienväter staksen mit Kameras durch den Sand, Kinder staunen mit offenen Mündern. Grund für den Auflauf ist ein imposantes graues Gefährt, das halb im Wasser, halb am Ufer des Kaspischen Meeres liegt.

Ein Koloss aus dem Kalten Krieg

Bei dem Koloss handelt es sich um den Ekranoplan „Lun“ – ein gigantischer Hybrid aus Flugzeug und Schiff aus der Spätphase des Kalten Krieges. Das Gefährt gilt als größtes Flugboot der Welt. Seine Geschichte begann Anfang der 1960er Jahre in der geschlossenen Stadt Gorki, dem heutigen Nischni Nowgorod. Dort befand sich zu Sowjetzeiten das Zentrale Entwicklungsbüro für Hydrofoilfahrzeuge. In der im Westen völlig unbekannten Einrichtung tüftelte ein Team um den Konstrukteur Rostislaw Alexejew unter strengster Geheimhaltung an innovativen Fahrzeugen, die den sogenannten Bodeneffekt nutzen sollten.

Bei diesem physikalischen Phänomen bildet sich zwischen Flügeln und Wasseroberfläche ein Kissen aus Luft, auf dem die Gefährte dahingleiten. Der Vorteil: Die extrem tieffliegenden Flugboote sind für das gegnerische Radar so gut wie unsichtbar. Die sowjetische Führung wollte die Wunderwaffen daher vor allem für schnelle Überraschungsschläge gegen amerikanische Flugzeugträger einsetzen.

Als Mitte der 1960er Jahre ein erster Prototyp auf dem Kaspischen Meer getestet wurde, konnten sich amerikanische Geheimdienstexperten zunächst keinen Reim auf die eigenartige Konstruktion auf ihren Satellitenaufnahmen machen. CIA-Analysten, die sich über den Einsatzzweck des Gefährts die Köpfe zerbrachen, nannten den Koloss kurzerhand das „Kaspische Seemonster“. 1980 versank der erste Prototyp des Giganten nach einer Bruchlandung.

Der „Lun“ bei einem Testlauf auf dem Kaspischen Meer. (Foto: yandex.ru)

Der Schreck der Flugzeugträger

Und so begann 1983 in Gorki die Arbeit am Nachfolgeprojekt „Lun“. Die technischen Eckdaten des Ekranoplans waren bombastisch: Der Gigant wog weit über 500 Tonnen, war rund 74 Meter lang und sollte mit seinen acht Turbinen eine Spitzengeschwindigkeit von mehr als 500 Stundenkilometern erreichen. Für seine militärische Schlagkraft sorgten sechs Moskit-Schiffsabwehrraketen, gegen welche die NATO seinerzeit keine Abfangtechnik aufbieten konnte.

Insgesamt sollten acht Ekranoplans gebaut werden. Im Jahr 1990 begann die sowjetische Kriegsmarine mit der Erprobung des ersten Modells. Doch mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde das kostspielige Projekt beerdigt. Das Geld war knapp. Der „Lun“ wurde in ein Trockendock der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala verbracht, wo der einstige Stolz der Kriegsmarine jahrzehntelang vor sich hinrostete.

Letzter Ruheplatz am Meer

Bis zu diesem Jahr. Im Sommer wurde beschlossen wurde, den Ekranoplan nach Derbent zu bringen. In der rund 100 Kilometer südlich gelegenen Stadt wird gegenwärtig der militärische Themenpark „Patriot“ gebaut, der „Lun“ soll zu einer Hauptattraktion werden. Ende Juli ging der Gigant dann auf seine voraussichtlich letzte Reise. Drei Schlepper bugsierten das mit Pontons gesicherte Flugboot an dicken Trossen über das Kaspische Meer. 14 Stunden benötigten die Transportschiffe für die überschaubare Strecke.

Doch damit war nur die erste Hürde genommen. Der Riese musste noch an Land. Dabei nahm das Gefährt offensichtlich Schaden. Blogger schrieben von einem Loch und einem Wassereinbruch, andere Quellen von Schäden am Rumpf. Der Landeversuch musste schließlich abgebrochen werden. Wochenlang lag der Koloss in der Dünung, Einheimische und Technikfans pilgerten aus allen Ecken des Landes für ein Foto mit dem legendären Flugzeugträgerschreck nach Derbent. Anfang November konnte der Ekranoplan nun zumindest vollständig an Land gezogen werden. Künftig soll der „Lun“ auf einem Sockel in Strandnähe ausgestellt werden.

Birger Schütz

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