Wie im Himmel, so auf Erden: Ein Tag im Leben von Flugbegleiter Ilja Morgunow

Für andere ist Fliegen ein Erlebnis, für ihn harte Arbeit: Ilja Morgunow (35) ist Flugbegleiter bei Russlands zweitgrößter Airline S7. Der MDZ hat er erzählt, wie ein gewöhnlicher Tag bei ihm abläuft, wie sein erster Flug ihn mitnahm und wie sich die Passagiere im Laufe der Zeit verändert haben.

Am Arbeitsplatz: Ilja Morgunow (hinten Mitte) mit dem Flug- und Kabinenpersonal eines S7-Fluges (Foto: Privat)

4:00

Heute fliege ich von Moskau nach Nowosibirsk. Morgens geht es hin, mittags zurück. Der Abflug von Domodedowo ist um 7 Uhr. Anderthalb Stunden davor muss ich am Flughafen sein. Eine Stunde brauche ich für die Anfahrt mit dem Auto. Deshalb muss ich früh aus dem Bett. Doch das bin ich gewohnt. Ich kann zu jeder Tages- und Nachtzeit aufstehen. Unsere Arbeitszeiten sind fließend, in Abhängigkeit vom jeweiligen Flug, auf dem wir eingesetzt sind.

4:30

Ich bin startklar. Die Hemden meiner Uniform habe ich selbst gebügelt. Falls vor dem Flug ein Knopf abreißt, dann wird er auf keinen Fall wieder angenäht, sondern mit einer Stecknadel befestigt. Ansonsten bringt das Unglück. Auch Flugbegleiter sind abergläubisch. Bevor ich aus dem Haus gehe, kontrolliere ich meine Papiere. Ohne eine spezielle Ausweiskarte für Flugbegleiter komme ich gar nicht erst in die nichtöffentlichen Bereiche des Flughafens, ohne meine medizinischen Nachweise werde ich nicht für den Flug zugelassen.

5:30

Auf dem Flughafen tippe ich an einem Terminal meine ID-Nummer ein und begebe mich zum Briefing, bei dem sich der Purser, das leitende Mitglied der Kabinenbesatzung, dem Team vorstellt, die Flugnummer, den Flugzeugtyp, die Reiseroute sowie die Passagierzahl und die Namen der beiden Piloten nennt. Beim Briefing kommen auch Besonderheiten des bevorstehenden Fluges zur Sprache: Gibt es Passagiere an Bord, die abgeschoben werden? Menschen mit Sehbehinderungen oder im Rollstuhl? Kinder unter zwei Jahren? Tiere? Waffen?

5:45

Personenkontrolle. Danach geht es zum Arzt. Er misst den Puls, neuer­dings wegen der Pandemie auch die Temperatur, fragt nach dem Befinden und nach dem Ende des vorhergehenden Fluges. Seitdem müssen mindestens zwölf Stunden vergangen sein, bis man wieder fliegen darf. Doch unsere Einsätze werden so sorgfältig geplant, dass es praktisch nie zu Unstimmigkeiten kommt. Falls jemand über Unwohlsein klagt, wird ein Flugbegleiter aus der Reserve angefordert.

Ilja Morgunow arbeitet für S7, eine Fluggesellschaft, die nach Aeroflot als Nummer 2 in Russland gilt. (Foto: Privat)

6:00

Das Flugzeug ist für uns nicht einfach nur ein Stück Metall, sondern unser Leben. Deshalb wird es erst einmal gegrüßt, bevor man an Bord geht. Wenn ich die Treppen der Gangway nach oben steige, dann stimme ich mich auf den Flug ein und spreche als gläubiger Mensch ein Gebet. Bevor das Boarding beginnt, wird die Sicherheitsausrüstung überprüft. Wenn etwas nicht den Vorschriften entspricht, also zum Beispiel ein Feuerlöscher ausgetauscht werden muss, dann wird das Problem nach Möglichkeit sofort behoben. Das gelingt aber nicht immer. So muss etwa über jedem Notausgang eine beleuchtete Anzeige mit der Aufschrift „Exit“ angebracht sein. Wenn auch nur eine dieser Anzeigen nicht leuchtet, dann kann der Flug mit dieser Maschine nicht angetreten werden.

6:30

Nachdem wir das Essen, Decken, Kopfkissen und andere Dinge in Empfang genommen haben, gehen die Passagiere an Bord. Den Anfang machen hilfsbedürftige Fluggäste. Wir kümmern uns darum, dass sie es bequem haben. Wenn alle auf ihren Plätzen sind, demons­trieren wir die Sicherheitsausrüstung. Wenn alles glatt läuft, kann der Start innerhalb von 20 bis 30 Minuten erfolgen. Manchmal weigert sich jemand, den Anordnungen des Kabinenpersonals Folge zu leisten. In meinen zwölf Jahren als Flugbegleiter habe ich schon alles Mögliche erlebt. Doch von Ausnahmen abgesehen, sind die Leute heute viel unaufgeregter, verantwortungsbewusster und kultivierter als früher. Gerade in meiner Anfangszeit ging es ganz schön zur Sache: Prüge­leien, Alkohol, Zigaretten, zerrissene Kleidungsstücke. Von solchen Exzessen kann heute keine Rede mehr sein.

7:00

Ein dreifacher oder vierfacher Signalton ist das Zeichen dafür, dass es losgeht. Heute ist der Start für mich natürlich längst Routine. Aber von meinem ersten Flug noch in der Ausbildung war ich völlig überwältigt. Ich hatte davor selbst als Passagier nie in einem Flugzeug gesessen. Und nun wurde ich in meinen Sitz gedrückt, als die Boeing 767 abhob. In meinem ganzen Leben hatte ich nichts Vergleichbares erlebt. Ich verstand überhaupt nichts mehr, aber es war toll. Meine Eltern holten mich damals mit dem Auto vom Flughafen ab und ich war so aufgekratzt, dass ich die ganzen zwei Stunden bis zu meiner Heimatstadt Osjory nicht aufhören konnte, von meinen Eindrücken zu erzählen. Damals war ich 21 Jahre alt.

7:20

Zeit für den Bordservice. Zur Auswahl stehen üblicherweise Snacks und Hauptgerichte in Aluminiumbehältern. Vom Caterer werden sie in vorgekochter Form angeliefert und an Bord lediglich aufgewärmt. Wenn das Flugzeug vollbesetzt ist, dann dauert es 40 bis 90 Minuten, bis alle Passagiere bedient sind. Aber wo lernt man eigentlich, was man als Flugbegleiter können muss? Die Ausbildung dauert drei, vier Monate, unabhängig vom Beruf, den man erlernt hat. Ich zum Beispiel habe Pädagogik studiert und bin Lehrer für Englisch und Deutsch. Es gibt aber auch Kollegen, die gleich nach der Schule Flugbegleiter werden. Unabhängig von der Vorbildung sind bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen. Man muss größer als 1,65 Meter sein, sollte weder Tattoos noch Narben an sichtbaren Körperstellen haben. Verlangt wird auch eine adrette Frisur. Und man sollte sich in Form halten, sonst passt man einfach nicht in die Uniform.

9:00

Wenn die Passagiere versorgt sind, können wir selbst etwas essen. Für uns ist eine separate Verpflegung vorgesehen, die wir reihum zu uns nehmen, weil immer jemand für die Fluggäste da sein muss.

9:50

Der Sinkflug wird eingeleitet. Wir sammeln Abfall und die Decken ein, achten darauf, dass alle angeschnallt, die Sitzlehnen senkrecht gestellt, die Tische hochgeklappt und die Fensterblenden geöffnet sind.

10:30

Landung in Nowosibirsk. Die Verriegelung der Tür wird in den „Disarmed“-Modus umgelegt und damit verhindert, dass sich die Notrutsche automatisch aktiviert. So kann die Tür normal geöffnet werden und die Passagiere verlassen das Flugzeug.

Hochgefühle mal nicht in der Luft, sondern am Boden: Ilja Morgunow mit Frau und Sohn. (Foto: Privat)

11:00

Die Bodendienste kümmern sich um die Reinigung der Passagierkabine und der Toiletten. Wenn die Standzeit lang genug ist, kann die Cabin Crew sich vor Ort erholen und etwas schlafen. Doch unser heutiger Flugplan lässt das nicht zu.

13:00

Start zum Rückflug nach Moskau, der ohne besondere Vorkommnisse verläuft. Das ist natürlich nicht immer so. Beispielsweise können Turbulenzen für einige Aufregung sorgen. Einmal waren sie so stark, dass ich in die Luft geflogen und mit dem Kopf gegen die Decke geknallt bin. Und das, obwohl wir mit einer Boeing 747 flogen, die ohnehin hohe Decken hat. Zum Glück habe ich mir bei der Landung im Kabinengang nicht wehgetan.

Ein anderes Mal wurden wir so durchgeschüttelt, dass sich unsere Servierwagen aus ihrer Verankerung gelöst haben. Beängstigender war jedoch ein Vorfall bei einer Landung. Das Fahrwerk wurde ausgeklappt, der Vorgang jedoch im Cockpit nicht angezeigt. Also entschied der Flugkapitän, so lange in der Luft zu bleiben, bis er überzeugt war, dass es sich um ein fehlerhaftes Signal handelt und nicht um ein tatsächlich blockier­tes Fahrwerk. Wir sind also lange über dem Flughafen gekreist. Und erst beim dritten Landeanflug konnte man uns vom Boden bestätigen, dass das Fahrwerk ausgefahren ist. Und das Flugzeug hat problemlos auf der Start- und Landebahn aufgesetzt. Danach habe ich ehrlich gesagt überlegt, ob ich die Luftfahrt nicht lieber bleiben lassen sollte. Aber dann sind diese Gedanken auch wieder verflogen.

17:00

Wir sind zurück in Moskau. Ein letztes Briefing durch den Purser. Wenn es größere Beanstandungen an der Arbeit des Personals gibt, kann das auch schriftlich fixiert werden und bis zum Einbehalt eines Teils des Lohns oder einer Prämie führen. In der Regel spricht der Purser aber nur allen seinen Dank aus.

19:30

Ich bin zu Hause. Esse mit der Familie zu Abend. Spiele mit unserem kleinen Sohn, bade ihn und bringe ihn ins Bett. Am nächsten Tag habe ich meist frei oder einen Abendflug. Manchmal spiele ich auf der Gitarre. Wenn ich noch wach genug bin, schauen meine Frau und ich einen Film.

Aufgeschrieben von Anna Braschnikowa

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