Wenn nur die Politik nicht wäre

Einfach waren die vergangenen Jahre nicht. Denn auf der großen politischen Bühne bestimmten und bestimmen vorwiegend Misstöne das deutsch-russische Verhältnis. Diese Spannung kaschiert, dass Deutschland immer noch ein hohes Ansehen in Russland genießt und dass die Menschen einiges voneinander lernen können und wollen.

Politik

Wenn Politiker nicht mehr weiter wissen, müssen andere handeln. © Grigorij Sysojew/ RIA Novosti

„Wenn die Politik eine Auszeit nimmt, muss die Wirtschaft übernehmen“, forderte der im Frühherbst dieses Jahres nach gut 13 Jahren scheidende Präsident und CEO von Siemens Russland, Prof. Dr. Dietrich Möller, gegenüber der MDZ jüngst klipp und klar. Was Dietrich Möller meint, ist die entsprechend angepasste Weiterführung der längst fest verankerten unternehmerischen Beziehungen zum Auf- und Ausbau der russischen Wirtschaft. Trotz der immer hitzigeren Sanktionspirale und des eisigen Klimawandels zwischen Ost und West lassen sich heute allein rund 5000 deutsche Firmen aus allen Bereichen in ihren lokalen Zukunftsstrategien für Land und Leute wenig beirren – mit Fug und Recht.

Beispiel Siemens: Vor nicht weniger als bald 170 Jahren in der damaligen Hauptstadt St. Petersburg etabliert,  hat Siemens seither seine Geschäfte zielgerichtet und unbeirrbar durch alle Krisen, Kriege, Revolutionen und Ränkespiele navigiert – zu Wohl und Wehe beider Partner: Ohne Siemens wäre die Elektrifizierung des östlichen Riesenreiches kaum denkbar. Und was wäre erst, wenn sich einfach die Menschen persönlich näherkommen könnten – jenseits großer Politik und ebensolcher Geschäfte.

Erinnern ohne Groll

Gerade haben die Russen ihren unbestritten höchsten nationalen Feiertag und einige wohltuende Frühlingsferientage drumherum verbracht – mit einigem Stolz, aber auch in ewiger Trauer. Schließlich markiert der 9. Mai nicht nur das Gedenken an den glorreichen Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“, sondern neben all den säbelrasselnden  Aufmärschen und markigen Machtdemonstrationen auch den unwiederbringlichen Verlust von 27 Millionen Menschen. So gut wie keine Familie in der damaligen Sowjetunion  hatte und hat nicht mindestens einen umgekommenen Verwandten zu beklagen. Unentschuldbar Schuld daran waren ursächlich die Deutschen. Nein, korrigieren heute längst und vehement die meisten Russen: Es waren die „Nazi-Deutschen“, und wehren der Kollektivschuldzuweisung an alle Deutschen.

Gegen die Deutschen und das Deutsche an sich, dagegen haben Russen so gut wie nichts. Jedenfalls im Grunde viel weniger als gegen jedwede andere westliche Nationalität, wie in regelmäßigen Jahresabständen repräsentative Marktforschung ergibt. Auch wenn dabei die anhaltende, wieder abkühlende Propaganda von beiden Seiten aktuell für einige Stimmungseintrübung gesorgt hat. Im Gegenteil, in vielerlei Hinsicht begegnet man ehrlicher Sympathie bis hin zu unverhohlener Bewunderung.

Der Austausch ist lebendig

Die gelten zum Beispiel deutscher Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Genauigkeit, Ordnung und Organisation, der technischen Innovationskraft und qualitativer Wertarbeit. Das hat die Russen selbst allerdings nie von ihrem angestammten Chaos abhalten können, so erstaunlich kreativ und spontan sie es letztendlich auch immer bewältigen. Die deutschen Automarken und die deutsche Autobahn, deutsches Bier und der deutsche Fußball fallen den Russen genauso gerne ein.

Die Hardrocker-Gruppe „Rammstein“ ist in Russland bekannter und beliebter als im heimischen Deutschland – ohne jegliches Textverständnis. Und der Klassiker „Wind of Change“ der Hannoveraner „Scorpions“ war zeitweise geradezu eine zweite Nationalhymne. Auf den großformatigen Porträt-Medaillons hoch an den Wänden über dem Auditorium des berühmten Moskauer Konservatoriums sind mehrheitlich deutsche Komponisten der letzten Jahrhunderte verewigt. Die schwere russische Sprache wird bisweilen ein wenig verständlicher, weil sie vielfach von deutschen Ausdrücken durchsetzt ist – von „buterbrot“ bis „zejtnot“.

Deutsch ist weiterhin beliebt

Junge Studenten an der Präsidentenakademie ­RANEPA, der größten Universität mit nahezu 200 000 Studenten aus und in allen Teilen des Landes, wählen in großer Zahl Deutsch unter den angebotenen Fremdsprachenlehrgängen. Immanuel Kant, geboren, gelebt, gestorben im einmal deutschen Königsberg, ist von der russischen Bevölkerung als ihr wohl berühmtester Philosoph adoptiert – nicht nur im jetzigen Kaliningrad. Katharina, zwar nobler Herkunft, aber aus tiefster deutscher Provinz, wurde auf dem Zarenthron zur „Großen“ und genießt bis heute höchstes Ansehen. Nicht nur für sie arbeiteten über die Jahrhunderte unzählige deutsche Administratoren, Wissenschaftler und Militärs am Zarenhof.

Manche persönlichen Erlebnisse haben Großherzigkeit, Gastlichkeit und Generösität der Russen gelehrt. Sie sind wahre Lebensleute, denn „wer weiß, was morgen ist“. Sie feiern gerne, lang und heftig, mit der ganzen großen Familie. Und hat man nach beidseitig vorsichtig prüfender Annäherung einen Russen endlich zum Freund, dann hat man ihn fürs Leben. Dann wird alljährlich zweimal Weihnachten, Neujahr und Ostern gefeiert – erstmal nach westlichen Sitten und Gebräuchen und nochmal nach den östlichen.

Beide Seiten können lernen

Andere Erinnerungen beweisen sogar einen guten Schuss Humor. Da ist der junge Polizist, der das neue Porsche-Modell nicht etwa zur Kontrolle anhält, sondern, weil er mal selbst hinterm Steuer sitzen will. Oder sein Kollege, der trotz erheblicher Geschwindigkeitsübertretung nach kurzem Blick auf deutschen Pass und Führerschein nur kurz bellt: „Deutsch? Gut! Dawai!“ Oder der Arzt vor der Untersuchung wegen einer Arbeitserlaubnis bei Ansicht der  Personalien: „Deutsch? Gesund!“ Und schon knallt der Stempel aufs Formular.

Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer AHK in Moskau, empfindet zwischen Russen und Deutschen weniger eine Seelenverwandtschaft als vielmehr eine „Seelenergänzung“: „Russen haben mich das ‚Awos’ gelehrt, die Kunst auch mal Fünfe gerade sein zu lassen“, wie er einmal in einem Essay schrieb. „‚Awos’, ein kaum in irgendeiner anderen europäischen Sprache klar übersetzbarer Begriff für eine urrussische Lebens- und Geisteshaltung.“ Will eben so viel heißen wie: Wsjo budet ­choroscho – Alles wird gut. Einverstanden.

Frank Ebbecke

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