Wenn Fliegen zu schnell geht. Wie ein Nachtzug Menschen zusammenbringt

Fünf Hauptstädte, 39 Stunden unterwegs: Einmal pro Woche verbindet der EuroNight 453 die französische Hauptstadt Paris mit Moskau. Warum tun sich Leute diese Mammutfahrt an, wenn es mit dem Flugzeug nur etwas weniger als vier Stunden dauert? Wer nutzt den Zug, der sich eine entschleunigte Reisekultur vergangener Zeiten bewahrt hat? Die MDZ hat mit Fahrgästen und Personal gesprochen.

Zugfahrt

Ausgeschlafen am Ziel: Kirsty und Don aus Australien am Weißrussischen Bahnhof in Moskau. © Jiří Hönes

Karlsruhe Hauptbahnhof um halb eins nachts. Der letzte Kiosk hat gerade den Rollladen heruntergelassen, Güterzüge rollen durch die Bahnsteighalle, ein später ICE aus Kiel läuft ein. Zwischen einer Regionalbahn nach Mannheim und der S32 nach Menzingen wirkt der EuroNight 453 von Paris nach Moskau auf der Anzeigetafel ein wenig surreal. Als er eingefahren ist, bilden sich kleine Menschentrauben um die Schaffnerinnen auf dem Bahnsteig. Viele sind es nicht, die hier einsteigen, ein Dutzend etwa. Nach kurzem Halt geht es weiter durch die Nacht.

Am frühen Morgen erreichen wir Berlin. Nicht den glanzvollen Hauptbahnhof, sondern Lichtenberg, wo schon einzelne Buchstaben im Schriftzug auf dem Dach fehlen. Bis hierher war noch recht viel Platz im Viererabteil, doch jetzt wird es eng. Ein älteres Ehepaar steigt ein, bepackt mit mehreren Koffern und einem riesigen Flachbildfernseher. Gemeinsam versuchen alle, die Gepäckstücke so platzsparend wie möglich zu verstauen.

Schnell kommt man ins Gespräch. Irma und ihr Mann Sascha sind auf dem Weg nach Tula, wo sie aufgewachsen sind. Sie wollen Saschas Eltern besuchen. Da sie nicht gerne fliegen, nehmen sie den Zug, so Irma. „Das dauert zwar, doch als Pensionäre haben wir ja Zeit.“ Die beiden sind Spätaussiedler und kamen Mitte der 1990er Jahre nach Berlin.

Zum Verwandtschaftsbesuch nach Russland

„Damals wurden in der Umgebung von Tula die Braunkohleminen geschlossen und es ging mit der Wirtschaft bergab“, erzählt Irma. Deshalb hätten sie sich entschlossen, nach Deutschland zu gehen. Heute leben sie in einem Einfamilienhaus am Berliner Stadtrand. Einmal im Jahr fahren sie die Familie in Tula besuchen. Eine Mitreisende aus Minsk horcht auf. Dass so viele Deutsche in Russland lebten und leben, war ihr nicht bekannt.

Irma gibt bereitwillig Auskunft und erzählt von den deutschen Siedlungen an der Wolga und in Sibirien, von ihrer Übersiedlung nach Deutschland und von den Problemen mit der Rente, die sie dadurch in Deutschland hatte. Und dass manche ihrer Freunde damals zwar deutsche Vornamen im Pass hatten, in Russland aber lieber russische verwendeten. Während der Unterhaltung werden Trauben und Kekse aufgetischt, am frühen Nachmittag macht sich Müdigkeit breit. Während draußen die frühlingshafte polnische Landschaft vorbeizieht, legen sich die Abteilgenossen schlafen.

Mittag im polnischen Speisewagen

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Kellnerin Ewa bittet im Speisewagen zu Tisch. © Jiří Hönes

Im polnischen Speisewagen herrscht zu dieser Zeit Hochbetrieb. Gerade wurde durchgesagt, dass dieser nur bis Warschau im Zug ist. Umgekehrt wird der russische Speisewagen von Moskau aus nur bis ins weißrussische Brest mitgeführt. Viele Fahrgäste nutzen die Gelegenheit, vor Warschau noch ein warmes Essen zu bekommen. Es gibt ein breites Angebot an Speisen, von Spaghetti Carbonara über Gulaschsuppe bis Wareniki.

Die Kellnerin Ewa spricht fließend Russisch, aber auch Deutsch und Englisch. Flink und stets freundlich bedient sie ihre Gäste, heute vor allem Russen und Deutsche. Sie fährt immer auf dieser Route zwischen Warschau und Paris, wie sie mit freudiger Miene erzählt. Es klingt fast, als sei es ihr ganz eigener Zug. Mittwochs geht es am Mittag los, am Freitagabend kommt sie zurück. „Ich mag das internationale Publikum auf dieser Strecke“, erzählt sie, während sie die letzten Teller und Gläser abräumt. Bald hat sie Feierabend und der Speisewagen wird in Warschau aufs Abstellgleis rangiert.

Zeitaufwändiges Umspuren in Brest

Im Sonnenuntergang rollen wir einige Stunden später an den schier endlosen Anlagen des Güterbahnhofs von Małaszewicze in Ostpolen entlang. Hier trifft die Europäische Union auf die Eurasische Wirtschaftsunion. Normalspur auf Breitspur. Nachdem der Grenzfluss Bug überquert ist, folgt der für Touristen wohl spektakulärste Teil der Reise. Erst werden im Bahnhof von Brest die Pässe durch weißrussische Grenzbeamte kontrolliert, dann wird der Zug in die Umspurhalle geschoben. In einer mehr als zwei Stunden dauernden Prozedur werden die Drehgestelle der Waggons getauscht.

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Zwei lange Stunden steht der Zug in der Umspurhalle in Brest. © Jiří Hönes

Die russischen Fahrgäste, die öfter hier unterwegs sind, führen ihre Unterhaltungen fort und lassen sich nicht weiter beeindrucken. Anders eine Gruppe niederländischer Touristen. Zwei Pärchen sind es, die gemeinsam auf dem Schienenweg bis nach Peking unterwegs sind, sich einen Traum erfüllen. Die beiden Herren springen mit ihren Kameras vor und zurück, um die Arbeiten zu fotografieren. Der Schaffner steht an der offenen Tür, spricht mit einem der Kollegen in der Halle.

Einer der Niederländer bittet ihn auf Englisch, ob er nicht für ein Foto hinaus dürfe. „Durchs Fenster!“ ist die knappe und deutliche Antwort. Doch der Tourist lässt nicht locker. Dem Eisenbahner fällt es sichtlich schwer, die Contenance zu bewahren – doch er schlägt sich wacker. Irgendwann versteht der Niederländer, dass er hier nicht weiterkommt und geht zur Stirnseite des Waggons, wo ein Fenster einen Blick in die Halle gewährt. Ungeduldig wartet er, um mit dem Handy zu filmen, wie das ausgewechselte Drehgestell unter dem benachbarten Waggon hervorgezogen wird.

Australier auf Europareise

Als der Zug aus der Anlage rollt, herrscht bereits Dunkelheit. Belarus werden die Reisenden nur bei Nacht erleben. Im gerade geöffneten Speisewagen haben Kirsty und Don aus Melbourne Platz genommen. Auch sie sind auf einer großen Tour, bei der sie kaum ein Verkehrsmittel auslassen. Im Zickzack reisen sie mehrere Monate quer durch Europa. Am Ende des abenteuerlichen Trips wollen sie eine Hochzeit von Verwandten in Mittelengland besuchen, von wo Kirsty ursprünglich stammt. Im Zug ist das Paar schon seit Paris und es geht noch bis Moskau. „Ich bin zwar kein Eisenbahnenthusiast, aber ich liebe diese Art zu reisen“, schwärmt Don.

Von Moskau soll es dann mit dem Zug weitergehen nach Riga und von dort mit dem Flugzeug nach Kroatien. Dort wollen sie sich ein Auto mieten und bis nach Berlin fahren, wo Kirsty zur bewegten Wendezeit einmal gelebt hat. „Eigentlich hat meine Frau die ganze Reise geplant, ich fahre eben mit“, schmunzelt Don, als er sein Bier eingießt. Kirsty trinkt Spaten, Don Baltika. „Einer der Russen nebenan hat auch so eins getrunken, der wird ja wissen, was gut ist.“ Nur etwas warm ist das Bier noch. Das liegt wohl daran, dass das Zugrestaurant gerade erst in Betrieb gegangen ist. Zwei Bier später, mittlerweile ist es schön kühl, verabschiedet sich Don ins Abteil, Kirsty schläft schon.

Am nächsten Morgen sind wir schon in Russland, es geht durch Nadelwälder, unterbrochen von kleinen Dörfchen. Die Fahrgäste fangen schon langsam damit an, ihre Sachen zusammenzupacken. Pünktlich um 10:58 Uhr kommt unser Zug am Weißrussischen Bahnhof an. Gesättigt mit neuen Reiseeindrücken und Bekanntschaften strömen die Reisenden auf den Bahnsteig. Auf seinem Weg von Westeuropa nach Russland verbindet dieser Zug fünf Länder mit ihren Hauptstädten miteinander. Und er verbindet die Menschen, die mit ihm reisen.

Jiří Hönes

Schneller, schicker, stiller: Mit dem „Strizh“ zwischen Moskau und Berlin

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