Der Stolz der Liquidatoren von Tschernobyl

Der Reaktorunfall von Tschernobyl am 26. April 1986 hat nicht nur vor Ort seine Spuren hinterlassen. Er ist auch in die Biografien der sogenannten Liquidatoren eingegangen, die mit den Folgen kämpften oder auch Erkenntnisse aus der Katas­trophe zu gewinnen versuchten. 600.000 Menschen aus der gesamten Sowjetunion sollen es gewesen sein, darunter der Biologe Andrej Kitschigin aus Syktywkar. In der MDZ spricht er darüber, wie er als Wissenschaftler diese Zeit erlebte.

Herr Kitschigin, erinnern Sie sich noch, wann Sie das erste Mal davon gehört haben, dass in Tschernobyl etwas passiert ist?

Das war am 28. April, meinem Geburtstag. In den Abendnachrichten wurde eine kurze Mitteilung verlesen, dass es einen Unfall gegeben hat und einer der Reaktoren beschädigt ist, die Betroffenen Hilfe erhalten und Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen eingeleitet wurden. Das war die erste offizielle Information überhaupt.

Am dritten Tag nach dem Unglück.

Wissen Sie, bei uns sprach man damals viel von Glasnost, deshalb zumindest diese Meldung. Unter Breschnew hätten wir von dem Unfall überhaupt nichts erfahren.

Noch einmal drei Tage später wurden in Kiew, 100 Kilometer südlich von Tschernobyl, wie gewohnt die Feiern zum 1. Mai abgehalten.

Die hatten einen hohen Stellenwert in der Sowjetunion. Es fand aus diesem Anlass dort auch noch ein international besetztes Radrennen statt. Sicher hätte man die Veranstaltung absagen können, wenn das für nötig befunden worden wäre. Die Frage ist nur, wie das auf die Bevölkerung gewirkt hätte. Als Sowjetbürger lebte man ja in dem Glauben, dass sich in diesem Land nichts Schlimmes zutragen könnte. Wir hatten Stabilität und Sicherheit. Das wurde tatsächlich so empfunden. Die Maifeiern zu verbieten, hätte einen Schock auslösen können, bis hin zu Panik. Im Nachhinein betrachtet, hat sich die Staatsführung nicht richtig verhalten. Ich hätte aber auch nicht in ihrer Haut stecken wollen. Schwer zu sagen, wie man selbst gehandelt hätte.

Nicht Corona, aber auch eine unsichtbare Gefahr: Ein Reservist spritzt nach der Reaktorexplosion von Tschernobyl einen Lastwagen zur Desinfizierung ab. (Foto: IAEA Imagebank)

Vieles war in diesen ersten Tagen noch unklar. Zum Beispiel hat die IAEA (Internationale Atomenergiebehörde der UNO – d. Red.) später als eine Schlussfolgerung aus dem Unfall empfohlen, auf eine Evakuierung der Einwohner zu verzichten, wenn die prognostizierte Strahlendosis, der sie ausgesetzt sind, zehn Röntgen nicht übersteigt. Andernfalls wiegt nämlich die gesundheitliche Belastung durch den emotionalen Stress der Evakuierung schwerer. In der 30-Kilometer-Sperrzone rund um Tschernobyl wurden jedoch auch jene Gebiete geräumt, wo die Menschen auf keine solche Dosis kommen konnten.

Wann waren Sie selbst in Tschernobyl?

Das erste Mal im September und Oktober 1986, für etwas mehr als einen Monat. Ich arbeite am Institut für Biologie des Komi-Wissenschafts-Zentrums in Syktywkar, das zur Ural-Filiale der Russischen Akademie der Wissenschaften gehört. Unsere Gruppen haben in der Sperrzone die Auswirkungen von Radioaktivität auf Flora und Fauna untersucht, unter anderem auf Wühlmäuse. Ich habe an mehreren solchen Expeditionen teilgenommen, bis das nach der Auflösung der Sowjetunion nicht mehr möglich war.

Hatten Sie dabei kein mulmiges Gefühl?

Ich habe einmal in einem Fernsehinterview gesagt, dass es für die Mehrheit der Zuschauer zynisch klingen mag, aber für mich und meine Kollegen war das eine Chance. Man konnte beweisen, dass man gebraucht wird, sein Wissen und seine Erfahrung in der Praxis zur Geltung bringen. Im Nachgang hat sich herausgestellt, dass die Akademie der Wissenschaften unsere Abteilung für Radioökologie, wo ich mein halbes Leben tätig war, im Frühjahr 1986 eigentlich schließen wollte. Man war zu der Auffassung gelangt, dass die Gefahr eines Atomkriegs nicht mehr besteht und diese Fachrichtung ihre Aktualität verloren hat. Nach dem Reaktor­unglück wurde diese Entscheidung rückgängig gemacht.

Unsere erste Gruppe ist im Juni nach Tschernobyl aufgebrochen. Bis dahin hieß es, dass Biologen dort nichts zu suchen hätten und man Menschen retten muss, nicht die Natur.


In der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986 explodierte im erst 1977 fertiggestellten AKW Tschernobyl während eines Testbetriebs der vierte Reaktorblock, wofür eine Kombination aus Konstruktionsmängeln des Reaktors vom Typ RBMK-1000 und von menschlichem Versagen verantwortlich gemacht wird. Durch die Freisetzung von Radioaktivität wurden große Landstriche in der Ukraine, vor allem aber im benachbarten Weißrussland (Tschernobyl liegt unweit der Grenze), zu einem geringeren Teil auch in Russland verseucht. Die Angaben zu den Opfern der Katastrophe gehen weit auseinander. UNSCEAR, eine Organisation der Vereinen Nationen, sieht einen direkten Zusammenhang bei weniger als 100 Todesfällen. Die Ursächlichkeit des Atomunfalls für bestimmte Erkrankungen beziehungsweise ihre Häufigkeit sind stark umstritten. Ausgehend von Hochrechnungen gesundheitlicher Spätfolgen, sprechen einige Quellen auch von Tausenden oder sogar Hunderttausenden Opfern.


Welche Verhältnisse haben Sie vor Ort im Herbst 1986 angetroffen?

Es gab dort wahrscheinlich mehr Leute, als vorher in der Gegend gewohnt hatten. Die Stadt Tschernobyl (zwölf Kilometer vom Kraftwerk entfernt – d. Red.) war zum wichtigsten Stützpunkt für die Liquidatoren umfunktioniert worden. Daneben hatte man aber auch noch jede Menge Lager in der Sperrzone und außerhalb errichtet. Das alles wollte unterhalten werden, deshalb begegnete man dort Vertretern der unterschiedlichsten Berufssparten: vom Wissenschaftler über Spezialisten für Atomwaffenversuche und Mitarbeiter von Industriebetrieben, die mit radio­aktiven Materialien zu tun hatten, bis zum Koch und Kommunalwirtschaftler. Auch Militär wurde eingesetzt, nämlich die Truppe für die chemische Abwehr. Das waren in den ersten Tagen und Wochen zunächst noch Wehrpflichtige, später dann gestandene Männer aus der Reserve.

Die Organisation und Versorgung hatten sich mit der Zeit eingespielt. In die Zone kam niemand mehr, der nicht eine Tauglichkeitsuntersuchung bestanden hatte. Eine Atemschutzmaske und ein Dosimeter gehörten zur Standardausrüstung. Die Strahlenbelastung wurde nun streng überwacht. Sie war im Herbst zwar schon deutlich geringer als im Sommer und erst recht als im Frühjahr, aber dennoch nicht zu unterschätzen, so dass genau geplant wurde, wie lange man sich wo aufhielt. Ich als Jüngster in meiner Gruppe durfte einen bestimmten Bereich gar nicht erst betreten.

Wegen meiner Kurzsichtigkeit wollte man mich am Anfang eigentlich aussortieren, obwohl ich ansonsten gesund war. Dann durfte ich aber doch bleiben. Die Ärzte haben mir erzählt, dass sich niemand so einfach wegschicken ließ. Die Leute wollten unbedingt nach Tschernobyl.

Welche Erklärung haben Sie dafür?

Es gab gewisse materielle Anreize, aber vor allem war das wie gesagt eine Gelegenheit zu zeigen, was man kann. Man wurde nicht gezwungen, sondern ist freiwillig gefahren. Die Fachleute waren hochmotiviert – und hinterher stolz, dass sie in der Zone gearbeitet hatten.

Blick über die Geisterstadt Pripjat, die erst 1970 entstand und deren fast 50.000 Einwohner einen Tag nach dem Reaktorunfall „vorübergehend“ evakuiert wurden. Das AKW befindet sich von hier in drei Kilometer Entfernung. Am Horizont ist die neue Schutzhülle über dem alten Sarkophag von 1986 zu erkennen, der den weiteren Austritt von Radioaktivität verhindern sollte. (Foto: Wikimedia Commons/Jorge Franganillo)

Wie würden Sie die Atmosphäre beschreiben?

Angespannt, konzentriert. Ich weiß nicht mehr, wer es war, aber einer der Liquidatoren hat die Situation als „Diktatur der Experten“ bezeichnet. Was die Leute vom Fach sagten, das wurde gemacht  – ohne bürokratische Hürden und Papierkram. Das war damals auch das einzig Richtige.

War die Öffentlichkeit denn inzwischen gut informiert über die Nachwirkungen der Katastrophe?

Es wurde viel geschrieben, aber auch viel Blödsinn. Ungefähr so wie heute in Bezug auf das Virus. Jetzt halten sich ja auch auf einmal ganz viele für Experten. Die Bandbreite der Reaktionen reicht von panischer Angst bis zur völligen Leugnung jeglicher Gefahren. So war das auch damals.

Wie es um die radioaktive Belastung und die ökologischen Folgen in Tschernobyl bestellt ist, hat man zunächst geheim gehalten. Auch unsere Publikationen erschienen mit dem Vermerk „Nur für den Dienstgebrauch“. Erst 1989 wurden diese Beschränkungen aufgehoben und dann auch frühere Atomunfälle bekannt.  

Sind Sie ein Befürworter von Kernkraft?

Ja. Atomkraftwerke erlauben es, auf vergleichsweise kleinem Raum viel Energie zu erzeugen.

Und die Risiken?

Die sogenannte grüne Energie braucht viel Platz und greift auf ihre Art auch in die Umwelt ein, wenn ich nur an Windräder denke. Atomenergie ist notwendig, aber genauso notwendig sind die strikte Einhaltung aller Sicherheitsvorkehrungen und eine hohe technologische Kultur des Personals. Ich denke, dass im System von Rosatom diesen Anforderungen entsprochen wird.

Das Interview führte Tino Künzel.

Tschernobyl auf YouTube – eine kleine Auswahl

So zeigt die HBO-Miniserie „Chernobyl“ (2019), die auch in Russland auf große Resonanz stieß und heiß diskutiert wurde, die Evakuierung von Pripjat: https://www.youtube.com/watch?v=fJMO6jKLq0k

Faktencheck: Wie die Serie bei aller Detailtreue ein ideologisch geprägtes Bild von der Sowjetunion vermittelt: https://www.youtube.com/watch?v=dvVkvrA-TPc

Faktencheck: Warum die Serie trotz Unstimmigkeiten im Detail ein wahrhaftiges Bild von der Sowjetunion vermittelt: https://www.youtube.com/watch?v=6UxJJItYHXU

Bilder von heute aus der Sperrzone und Begegnungen mit Menschen, auf die sie eine große Anziehungskraft ausübt: https://www.youtube.com/watch?v=aG4-PPMSbFY

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