Fußball-WM: Einmal die ganze Welt umarmen

Russland erlebe gerade „mit die besten Tage seiner Geschichte“, schrieb die Internetzeitung Sports.ru Mitte Juni. Wir haben Menschen an den WM-Spielorten gefragt, wie sich die Weltmeisterschaft für sie anfühlt.

Wladislaw Durjagin (rechts) und Sohn Grischa trafen in Moskau auch auf mexikanische Fans. © privat

Nikita Loginow, Fußballtrainer, Kaliningrad

Die WM ist absolut krass. Als erste hatten wir die Kroaten und Nigerianer hier. Ganz Kaliningrad war in der Hand der Kroaten. Die haben gesungen, getanzt und sich mit den Nigerianern verbrüdert. Ein einziges Meer aus rot-weißen Karos. Als sie in den Bus zum Stadion gestiegen sind, haben Sie Sprechchöre angestimmt: „Spassibo Rossija!“

Die Polizeipräsenz ist hoch, man hat Polizisten aus dem gesamten Land zusammengezogen. Aber das dient ja der Sicherheit, normalerweise regt sich keiner darüber auf. Bei uns hier herrscht eine Atmosphäre des Glücks, der Freundlichkeit und des Überschwangs. So als hätten wir die ganze Welt umarmen wollen und das auch geschafft.

 

Swetlana Bigesse, Geschäftsführerin von Remondis Russland, Saransk

Saransk ist der kleinste aller WM-Austragungsorte, bisher haben wir hier zwei Spiele erlebt. Aus meiner Sicht ist die Stadt perfekt vorbereitet. Die Besucher genießen die kurzen Wege und dass alles so gemütlich und gepflegt ist. Schon der neu gebaute Flughafen ist wunderschön und die Fahrt ins Zentrum dauert weniger als zehn Minuten. Das beeindruckt natürlich die Gäste.

Die Stimmung in der Stadt ist einfach einmalig: Ganz Saransk ist ein internationales, buntes Fußballfest mit Tausenden Ausländern, von den Peruanern bis zu den Japanern. Man sieht ihnen an, wie begeistert sie sind. Und das macht mich stolz.

Nicht nur die freiwilligen Helfer, sondern auch die Einheimischen haben immer ein Lächeln für die Besucher, man lässt sich miteinander fotografieren. An Spieltagen zieht eine Kolonne aus Fans durch die Hauptstraße. Sogar die Mülltrennung, die Remondis hier in Saransk aufgebaut hat, wird von den Ausländern diszipliniert mitgenutzt.

Ich bin mir jetzt schon sicher, dass diese WM die schönste, sauberste, sicherste und freundlichste wird.

 

Wladislaw Durjagin, Abteilungsleiter bei der Eisenbahn, Kotlas

Verwandte im Außenministerium haben uns zwei Eintrittskarten überlassen, so konnten mein Sohn Grischa und ich nicht nur das Spiel Deutschland gegen Mexiko im Luschniki-Stadion sehen, sondern sogar in der VIP-Loge sitzen, in Sichtweite von Miroslav Klose übrigens. Die Gefühle sind mit Worten gar nicht zu beschreiben, es war wie im Traum. So etwas vergisst man sein ganzes Leben nicht.

Weil Kotlas, wo wir wohnen, rund 1000 Kilometer von Moskau entfernt ist, haben wir lieber gleich eine ganze Woche in der Hauptstadt verbracht und uns viel angesehen, sind mit allen möglichen ausländischen Fans ins Gespräch gekommen, so gut das eben wegen der Sprache ging. Denen gefällt es hier sehr, viele hatten scheinbar etwas andere Vorstellungen von Russland. Die WM ist aber auch wirklich top organisiert, das muss man schon sagen.

Ich will versuchen, mindestens noch zwei weitere Spiele zu besuchen.

Zusammengestellt von Tino Künzel

 

Meine WM

Die Stadtführerin Simone Hillmann schreibt für die MDZ über ihre Eindrücke von der ersten Woche der Weltmeisterschaft.

Meine Leidenschaft für Fußball habe ich mit meinen vier Söhnen voll ausgelebt. Inzwischen bin ich weniger fußballinteressiert, aber bei großen Turnieren schaue ich schon ab und zu ein Spiel. Leider habe ich diesmal beim offiziellen Ticketkauf wenig Glück gehabt. So kann ich mir andererseits aussuchen, wo ich die Spiele anschaue. Das erste Deutschlandspiel haben wir im Paulaner Bräuhaus verfolgt, da hätte ich schon auch mehr deutsche Fans erwartet.

Ich gehe ja mit Touristen zu Fuß durch Moskau, hatte inzwischen zwei Touren mit Fußballfans und bin froh, ihnen ein tolles Moskau zeigen zu können, eine in den letzten Jahren immer lebenswerter gewordene Stadt, die sich nun der ganzen Welt präsentiert. Der Fußball bringt viele Nationen nach Russland, das ist eine Chance für eine bessere Außenwirkung des Landes, eine Chance, die Herzlichkeit der einfachen Leute zu spüren. Und ich werde immer wieder mit dem Erstaunen meiner Gäste konfrontiert, dass bei dem wenig erfreulichen Staatsgebaren die Menschen und die Stadt so sympathisch sind.

Die Atmosphäre ist Spitze, trotz oder gerade wegen der vielen Menschen auf den Straßen. Alles ist freundlich und friedlich, das steht Moskau gut zu Gesicht. Schade, dass es nicht mehr offizielle Public-Viewing-Plätze gibt. Cool, dass sich neben dem offiziellen und auch umstrittenen Fanbereich an der Uni einfach wie von selbst andere Fanmeilen bilden, wie auf der Uliza Nikolskaja am Roten Platz. Klar, dass die Fans im Zentrum feiern wollen! Die meisten Kneipen haben ihre Bildschirme nach draußen geschafft, so können alle mitschauen. Und es passiert, dass das Bier ausgeht …

So kommt es, dass die WM in diesen vier Wochen zwar nicht mein Leben dominiert, aber sie zieht mich in ihren Bann.

Die Slawistin Simone Hillmann lebt seit zwölf Jahren in Moskau. Von ihr stammt der monatliche Newsletter MosKultInfo. Außerdem bietet sie Stadtspaziergänge durch Moskaus charmante Ecken an.

www.moskultinfo.wordpress.com
simonehillmann.wordpress.com

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