Schmerz, Schweiß und Spaghetti

Moskau gilt nicht gerade als Mekka für Rennradfahrer. Doch die Gemeinde wächst und organisiert seit einigen Jahren kleine Rennserien. Unser Autor hat sich einen Wunsch erfüllt und ist beim letzten Saisonrennen mitgefahren.

Rennrad
Der Autor (im blau-roten Dress) versucht, mit seiner Gruppe Anschluss an die Führenden zu halten. © Andrej Klotschkow

Ich bin begeisterter Rennradfahrer und war schon in einigen Ländern unterwegs. Als ich vor einem halben Jahr nach Moskau kam, habe ich mir fest vorgenommen, auch hier über den Asphalt zu jagen. Und extra mein Fahrrad aus Deutschland mitgebracht. Doch der nasskalte Sommer hat meine Pläne fast durchkreuzt. Das Abschlussrennen der „Gran Fondo“- Serie in Serpuchow, im südlichen Moskauer Umland, Anfang September war meine letzte Chance. 

Die 2017 gestartete Serie erfreut sich immer größerer Beliebtheit. „Die Teilnehmer kommen nach dem ersten Mal immer wieder zu uns zurück und bringen Freunde mit. Es wie eine Gemeinschaft, die an einem Fahrradfestival teilnimmt“, erklärt  Pressesprecherin Swetlana Wodjanaja den Erfolg der Serie. Und das Rennen in Serpuchow ist der Höhepunkt. Für viele Teilnehmer sei die Strecke die beste, nicht zuletzt wegen des guten Straßenzustands, so Wodjanaja weiter. 

Fast aber hätte ich diesen Höhepunkt verpasst. Mit ein bisschen Glück darf ich doch noch teilnehmen. Von der Wärme der vergangenen Herbsttage ist nur noch wenig zu spüren. Es weht ein kräftiger, frischer Wind. Und ich zweifle allmählich an meinem Leistungsniveau.

90 Kilometer durch das hügelige Moskauer Umland stehen an diesem Sonntagmorgen auf dem Programm, für ein Amateurradrennen nicht gerade wenig. Insgesamt gilt es 700 Höhenmeter zu bewältigen.

„Hoffentlich bleibt es trocken“ meint Juri, der neben mir beim Start steht. Noch eine kurze Ansage der Rennleitung, „beim Fahren bitte aufeinander Acht geben!“. Der Startschuss fällt, ein einrastendes Klicken der Schuhe geht durch die Menge und alle rollen los. 

90 Kilometer Herausforderung

Beim Rennen sind alle vertreten: von Wochenend- und Schönwetterfahrern bis zu austrainierten Amateuren. Und die setzen sich schnell vom Feld ab. Mit meiner Erfahrung, aber schwacher Form, finde ich mich in der zweiten Gruppe wieder. Vom Rennfieber gepackt, versuche ich anfangs noch, nach vorne aufzuschließen. Es mangelt aber an Kraft und Mitstreitern. Also bleibe ich im Windschatten und spare Kräfte.

Bald ist die Spitze schon außer Sichtweite. Deswegen weniger Tempo? Fehlanzeige. Ich merke, hier herrscht echter Wettkampfgeist. So bleibt wenig Zeit, die Landschaft zu genießen. Auf und ab, Windkanten und Tempowechsel. Das fordert Opfer, meine Gruppe fängt an zu zersplittern.

Ein Blick auf den Tacho: Die Hälfte ist fast geschafft. Vor uns plötzlich ein Krachen, spitze Schreie, quietschende Reifen. Ein Sturz. Ich bremse gerade so und umfahre die Gestürzten. Mit vollem Tempo geht es weiter Richtung Wendepunkt. Am Streckenrand stehen immer wieder Zuschauer mit Glocken, die klatschen und uns lautstark anfeuern. Bemerkenswert für eine Gegend, in der Radsport noch eher exotisch ist.

So schnell die ersten Kilometer vergingen, so lang zieht sich die zweite Hälfte. Der Gegenwind nimmt zu. Die Blicke auf den Tacho werden häufiger, die Beine schwerer, langsam schwinden die Kräfte. Und meine Gruppe schrumpft weiter. An einer Steigung verlieren drei andere und ich den Anschluss. Ist es bald vorbei? 

Eine große Portion Spaghetti auf den Erfolg

Noch 20 Kilometer. Riegel und Powergels sind alle aufgebraucht.Die Beine brennen und die Lunge schreit nach Luft, als meine kleine Gruppe das Tempo auf den letzten zehn Kilometern nochmal verschärft. Die letzte Kuppe hoch geht es mit Schwung, mittlerweile tut so ziemlich alles weh. Dann ist endlich die Ziellinie in Sicht. Ein letzter langer Antritt – geschafft. Nach zweieinhalb Stunden bin ich im Ziel. Am Ende reicht es für Platz 124 von 445. Keine Topplatzierung, aber ich bin zufrieden.

Nach dem Rennen schmerzen mir die Beine und ich freue mich einfach nur auf eine große Portion Spaghetti. „Das Finale der ‚Gran Fondo’-Saison war ein voller Erfolg“, sagt Wodjanaja. Für mich ist der Erfolg, mein erstes Radrennen in Russland gefahren zu sein. 

Fiete Lembeck

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