Russland und verpasste Chancen

Ein deutscher Journalist und ein russischer Autor diskutieren über Russland, die Wahrscheinlichkeit demokratischer Entwicklungen und die Chancen auf Verständigung im angespannten Ost-West-Verhältnis. Dabei kommen sie zu sehr unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Journalist Fritz Pleitgen (links) macht sich mit Schriftsteller Michail Schischkin Gedanken über Russlands Zukuft. /Foto: Birger Schütz/ Evgeniya Frolkova

Vorwürfe, Unterstellungen, Drohungen: Spätestens seit der Krimkrise 2014 stecken die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen in einer tiefen Sackgasse. Eine Verständigung scheint weit entfernt, beide Seiten wähnen sich im Recht. „Ich bin der Meinung, dass es gar keinen Zweck hat, uns gegenseitig ständig nur die Schuld zuzuweisen“, erklärte Fritz Pleitgen jüngst am Rand der Moskauer Gespräche gegenüber der MDZ „Wir im Westen haben das Gefühl, die Guten sitzen im Westen und der Schurke im Kreml!“ In Russland sehe man dies aber genau umgekehrt, erklärte Pleitgen, der in den 70er Jahren als ARD-Korrespondent in der Sowjetunion arbeitete. „Mit diesen Positionen kommen wir nicht weiter.“ Beide Seiten müssten ihre Positionen selbstkritisch überdenken. „Das kann ja so nicht weitergehen!“

Krise: Die ersten Schritte machte der Westen

Mit diesem Ziel hat sich die deutsche Reporterlegende nun mit dem russischen Schriftsteller Michail Schischkin zusammengetan und das Buch „Frieden oder Krieg“ geschrieben. Darin beleuchten die beiden Autoren, die sich von einem Kölner Literaturfestival kennen, historische Aspekte des wechselhaften Verhältnisses, erzählen von ihren ersten Begegnungen mit dem Land des jeweils anderen und loten die Chancen für einen Dialog aus.

Die Aufgaben im Buch sind klar verteilt. So analysiert Fritz Pleitgen mit jahrzehntelanger Erfahrung die Beziehungen Westeuropas zu Moskau. „Für das schlechte Verhältnis mache ich mehr den Westen als Russland verantwortlich“, schreibt der Journalist. „Die ersten verhängnisvollen Schritte sind von unserer Seite gemacht worden.“ So habe der Westen die historische Aufbruchstimmung zu Beginn der 90er Jahre nicht genutzt und Russland nicht ausreichend bei seinen Reformen unterstützt. Sicherheitsinteressen seien nicht ernst genommen worden, die NATO immer weiter nach Osten vorgerückt. Nun sei die Lage komplizierter als im Kalten Krieg und schwieriger zu reparieren. Der Wille zur Verständigung fehle.

Zu wenig Bürger engagieren sich für eigene Interessen

Michail Schischkin lenkt seinen Blick auf das Innere Russlands. Seine Beschreibungen fallen äußerst kritisch und drastisch aus – und dürften bei vielen Russen auf Widerspruch stoßen. „Die Menschen im Westen haben oft keine Vorstellung davon, wie angespannt die Situation im Land wirklich ist“, schreibt der Schriftsteller. „Das wahre Leben in Russland, das im Fernsehen nicht gezeigt wird, liegt außerhalb der Vorstellungswelt der meisten Leser dieses Buches.“ Das Riesenland werde von ökologischen Problemen gebeutelt, die Bevölkerung schrumpfe drastisch, die Lebenserwartung sei kurz, die Selbstmordrate hoch und die medizinische Versorgung in der Provinz katas­trophal. Vor allem fehle es aber an selbstbewussten Bürger, die für ihre Rechte einstehen und Verantwortung übernehmen. Die wichtigste Bedingung für die Entwicklung einer demokratischen Gesellschaft fehle somit.

Eine Annäherung ist ohne Alternative

Im letzten Drittel des Buches wagen die Autoren jeweils einen Ausblick in die Zukunft, der sehr unterschiedlich ausfällt. Michail Schischkin erwartet keine Veränderung in Richtung Demokratie, dazu fehlten die historischen Voraussetzungen. Es gebe allerdings einen Funken der Hoffnung: die Jugend. „Tausende Schüler und Studenten in Moskau, Sankt Petersburg und anderen russischen Städten gehen friedlich auf die Straßen“, schreibt er. Die Jungen seien für die Propaganda unerreichbar, voller Selbstvertrauen und zum Protest bereit.

Für Fritz Pleitgen ist eine Annäherung zwischen beiden Seiten alternativlos. „Viele schwere Krisen der Welt könnten bewältigt werden, wenn Russland und der Westen vertrauensvoll zusammenarbeiteten“, unterstreicht er. Der erste Schritt in diese Richtung müsse nun getan werden – und zwar vom militärisch und gesellschaftlich „haushoch“ überlegenen Westen. Dieser solle aus seiner Position der Stärke heraus die Initiative ergreifen, um ein vernünftiges Verhältnis zu Russland herzustellen.

Birger Schütz

Foto: Ludwig Verlag

Fritz Pleitgen, Michail Schischkin: Frieden oder Krieg. Russland und der Westen – eine Annäherung. München, Ludwig. 384 Seiten, 20 Euro.

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