Nischnij Nowgorod? „Für mich ein Geheimtipp“

Es waren schöne Bilder, die Ende August aus Nischnij Nowgorod kamen. Die Heimat des Wolga und von Maxim Gorki 400 Kilometer östlich von Moskau feierte ihren 800. Geburtstag. Zu den offiziellen Geburtstagsgästen gehörte auch Barbara Lachhein, Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsch-Russische Begegnung Essen, der deutschen Partnerstadt von Nischnij Nowgorod. Hier spricht die Ökonomin darüber, was Russlands sechstgrößte Stadt auf sie für einen Eindruck gemacht hat.

Blick über die Altstadt von Nischnij Nowgorod mit dem Kreml (Foto: Screenshot YouTube/Движ Live)

Für mich ist Nischnij Nowgorod ein Geheimtipp. Der Besucher kann dort sehr viel erleben. Die Stadt hat sich so positiv entwickelt, wie das vor 30 Jahren, als die Partnerschaft mit Essen abgeschlossen wurde, wahrscheinlich niemand für möglich gehalten hätte. Im Vorfeld des runden Jubiläums wurde noch einmal richtig viel Geld in die Hand genommen und das sieht man auch.

Natürlich gibt es immer die Diskussion, ob das Geld nicht an anderer Stelle nötiger gewesen wäre. Aber ich finde, es ist viel Substanz geschaffen worden. Und ich denke, dass die Stadt davon langfristig profitiert.

Kreml, Fußgängerzone, Streetart

An der Wolga ist unterhalb des Kremls in den letzten Jahren eine neue Uferpromenade entstanden, wo man schön spazieren gehen kann. Die berühmte Tschka­low-Treppe wurde auch komplett erneuert. Der Kreml selbst ist aufwendig rekonstruiert worden. Jetzt sind seine Mauern durchgängig begehbar. In den Türmen wurde ein historisches Museum eingerichtet.

Viel hat sich auf der Bolschaja Pokrowskaja getan, der sehenswerten Fußgängermeile mit ihren alten Kaufmannshäusern und hübschen Geschäften. Toll sieht das neue Stadion aus, das für die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 gebaut wurde. Ich kenne mich damit zu wenig aus, aber man sagt, für Stadionliebhaber sei es ein Muss.

Touristisch ist Nischnij Nowgorod eine sehr vielseitige Stadt. Es gibt auch viele kleinere Museen in Wohnungen. Zum Beispiel das Sacharow– und das Gorki-Museum.

Außerdem gilt Nischnij Nowgorod als die russische Hauptstadt der Streetart. Jedes Jahr im Sommer findet ein Festival mit internationaler Beteiligung statt.

Sehenswertes abseits des Zentrums

Neu ist, dass seit zwei Jahren auch Führungen in die einzelnen Stadtteile angeboten werden, so dass man auch mal aus dem historischen Stadtzentrum rauskommt. Awtosawod ist so ein Stadtbezirk, wo allein 300.000 Menschen leben. Ein Arbeiterviertel. Mich hat beeindruckt, was es da alles für die Leute gibt, zum Beispiel einen riesigen Park namens „Schweiz“, der ebenfalls vor dem Jubiläum in großem Stil umgebaut wurde.

Wer nun glaubt, man müsse bestimmt Russisch sprechen, um auf Entdeckungstour durch die Stadt zu gehen, dem möchte ich sagen: Ich kenne Russland so, dass man immer alles möglich macht. Man ist in Nischnij Nowogorod auf jeden Fall auf ausländische Gäste eingestellt. Was in diesem Zusammenhang sicher eine Erwähnung wert ist: Zwischen Moskau und Nischnij Nowgorod ist der Ausbau der Zugverbindung im Gespräch. Die Strecke soll in Zukunft schon in 2,5 Stunden zurückgelegt werden können. (Anm. d. Red.: Heute ist man mit den Expresszügen „Strisch“ und „Lastotschka“ in rund vier Stunden da, was Nischnij Nowgorod für Moskauer zum Tagesausflug macht.)

Ein berühmter Spruch aus alter Zeit lautet: „St.  Petersburg ist der Kopf, Moskau das Herz und Nischnij Nowgorod die Brieftasche.“ Damit wurde auf die Messe von Nischnij Nowgorod angespielt, ein Dreh- und Angelpunkt zwischen Ost und West. 

Welcher Stellenwert der Stadt auch heute beigemessen wird, zeigte sich bei den Feierlichkeiten. Die grandiose Galashow wurde damit eröffnet, dass Präsident Putin eine zehnminütige Rede hielt. Die Bühne war auf dem Wasser aufgebaut. Aber was mir besonders gefallen hat: Während der Zutritt zur Festgala geladenen Gästen vorbehalten war, hatte man auch in den Stadtteilen Bühnen errichtet, wo parallel ein Programm für die Bürger lief. In dieser Nacht war definitiv die gesamte Stadt auf den Beinen.

Deutsch-russische Projekte

Leider konnte unser Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen wegen der Pandemiebestimmungen nicht nach Nischnij Nowgorod kommen, deshalb haben drei Mitglieder unseres Vereins die Stadt Essen offiziell vertreten. Die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen unseren Städten sind sehr eng und intensiv. Es gibt einen regen kulturellen Austausch und eine ganze Reihe von sozialen Projekten. Wir schicken jedes Jahr zwei bis vier Schulabgänger nach Nischnij Nowgorod, die dort im Rahmen eines Freiwilligen Sozialen Jahres unter anderem in Waisen- und Krankenhäusern arbeiten. Im Gegenzug kommen Studierende der Lobatschewskij-Universität, Fachrichtung Soziale Arbeit, zu uns nach Essen, um bei der evangelischen Kirche die soziale Arbeit mit behinderten Kindern und Jugendlichen kennenzulernen. Seit 2018 haben wir noch zwei weitere Plätze für Studierende der Minin-Universität, angehende Pädagogen. Sie arbeiten mit Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen. Das ist für sie ein Superpraktikum, die sind alle sehr motiviert.

Ich habe inzwischen sogar selbst eine Arbeitsstelle in Nischnij Nowgorod. An der Linguistischen Universität unterrichte ich Dolmetscher und Journalisten in angewandtem Deutsch, was auch Landeskunde beinhaltet. Wie groß das Interesse auf der Gegenseite ist, spüre ich immer wieder, auch in Sachen Städtepartnerschaft. 2019 hat man in Nischnij Nowgorod eine Straßenumfrage durchgeführt, was den Leuten zu diesem Thema einfällt. Da wurde Essen unter den 18 Partnerstädten am häufigsten genannt. Ich glaube, dass man auf jeden Fall feststellen kann: Essen hat Glück mit seiner russischen Partnerstadt.

Aufgeschrieben von Tino Künzel

„8 Gründe, Nischnij Nowgorod auf der Stelle liebzugewinnen“: Video zum 800. Stadtgeburtstag

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