Nach über 100 Jahren wird in Moskau wieder ein Bahnhof eröffnet – der zehnte

Weil der Kursker Bahnhof für die Zukunft fit gemacht wird, leistet sich Moskau erstmals seit über 100 Jahren wieder einen neuen Bahnhof. Die Ausweichlösung unter den Namen Ostbahnhof wird am 29. Mai eröffnet.

Der Ostbahnhof wenige Tage vor seiner Eröffnung (Foto: Tino Künzel)

Von 1914 bis 1918 entgleiste Russland welthistorisch so kapital wie kaum je ein anderes Land. Aber das Leben ging auch in Zeiten von Krieg und Revolution weiter. Zwischen 1914 und 1918 entstand in Moskau mit dem Kiewer Bahnhof (der allerdings noch bis 1934 Brjansker Bahnhof hieß) ein neoklassizistischer Prachtbau, der bis heute Schaulustige bei Führungen staunen lässt.

Der Architekt Iwan Rerberg und der Ingenieur Wladimir Schuchow verbauten zahlreiche clevere technische Lösungen, darunter ein innovatives gewölbtes Glasdach über den Bahnsteigen, das die Passagiere nicht im Regen stehen ließ. Als sich am 18. Februar 1918 der erste Zug in Bewegung setzte, den 51 Meter hohen Bahnhofsturm langsam hinter sich ließ und Richtung Südwesten davonrollte, war das ein Meilenstein. Anschließend wurde über 100 Jahre kein Bahnhof mehr in Moskau eröffnet – bis jetzt.

Der Kiewer Bahnhof ist ein Stück Moskauer Baugeschichte. Als er eröffnet wurde, lag er vor den Toren der Stadt. Inzwischen ist ihm das Hochhaus-Viertel Moskwa-City über den Kopf gewachsen. (Foto: Tino Künzel)

Ganz weit draußen, aber gut zu erreichen

Am 29. Mai ist es nun wieder soweit. Mit dem Ostbahnhof bekommt die russische Hauptstadt ihren zehnten Bahnhof nach dem Leningrader Bahnhof (1851), dem Kasaner und Jaroslawler Bahnhof (1862), Belorussischen Bahnhof (1870), Kursker Bahnhof (1896), Pawelezer Bahnhof (1900), Rigaer Bahnhof (1901), Sawjolowoer Bahnhof (1902) und eben dem Kiewer Bahnhof. Wie zu ihrer Zeit seine Vorgänger, wurde er weit draußen errichtet, gefühlt am Stadtrand, auch wenn es von dort nur ein paar Metrostationen bis zur Ringlinie sind, an der sich die meisten Bahnhöfe befinden. Moskau ist so kräftig in die Breite gewachsen, dass das, was vor 100 oder 150 Jahren noch grüne Wiese war, heute fast schon als Zentrumslage gilt.

Der neue Bahnhof soll festlich eingeweiht werden. Doch keiner wird nach dem Namen des Baumeisters fragen, kein Reiseveranstalter wird den Ostbahnhof in seine Besichtigungstouren aufnehmen. Er ist keine weitere Mos­kauer Sehenswürdigkeit, keine Kunst, sondern Handwerk. Andere Zeiten, andere Sitten. Der Bau folgt der Ästhetik der Stationen auf dem S-Bahn-Ring MZK mit ihrem modernen, funktionalen Design. Daran ist überhaupt nichts auszusetzen, aber es ist eben fast schon Routine, nichts Weltbewegendes.

Rechts der Ostbahnhof, links der S-Bahn-Ring MZK. Beide verbindet ein Übergang. (Foto: Tino Künzel)

Das liegt freilich in der Natur der Sache. Der Ostbahnhof ist nämlich aus der Not geboren. Er soll keine Geschichte schreiben, sondern seine Arbeit machen, nämlich Entlastung schaffen.

Moskaus vorrangigstes Verkehrsprojekt ist ein anderes. 2019 wurden die ersten zwei von fünf geplanten sogenannten Durchmesserlinien in Betrieb genommen. Dabei handelt es sich um Nahverkehrszüge, die aus dem Umland quer durch Moskau und wieder ins Umland verkehren. Das soll für eine bessere Anbindung der Vororte sorgen und gleichzeitig den Moskauern noch mehr Möglichkeiten bieten, sich auch ohne Auto in der Stadt fortzubewegen.

Nadelöhr wird beseitigt

Um eine dichte Taktung zu erreichen, muss das Schienennetz jedoch zumindest punktuell stark ausgebaut werden. Ein Nadelöhr stellt bisher der Kursker Bahnhof dar, Moskaus größter Transitbahnhof. Über den Fern- und herkömmlichen Vorortverkehr hinaus halten hier auch die Züge der Durchmesserlinie 2. In zwei Jahren kommt noch die Linie 4 hinzu. Mit den heutigen Kapazitäten lässt sich das nicht vereinbaren.

Problematisch ist vor allem das Teilstück zwischen dem Kursker Bahnhof und der Station Kalantschjowskaja. Es führt über eine lediglich zweigleisige Brücke am Komsomolskaja-Platz, einem der größten Bahnknotenpunkte der Welt, wo aber auch starker Autoverkehr herrscht. Um hier die Zahl der Gleise zu verdoppeln, muss eine weitere Brücke gebaut werden. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin spricht vom schwierigsten Bauvorhaben im Bahnbereich überhaupt, weil es quasi in der Innenstadt abgewickelt werden muss. Man habe lange gezweifelt, sich aber letztlich dafür entschieden, es in Angriff zu nehmen. Bis zum Frühjahr 2023 sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass über den Kursker Bahnhof doppelt so viele Züge und das Zweieinhalbfache der jetzigen Passagierzahl abgefertigt werden können.

Der Kursker Bahnhof wird für mehrere Jahre zur Baustelle. (Foto: Tino Künzel)

Dafür wird auch der Bahnhof selbst zahlreichen Umbaumaßnahmen unterzogen. Im Moment hinterlässt er einen tristen Eindruck. Bereits seit März sind alle Läden und Gastronomieeinrichtungen geschlossen. Die schönen Wartesäle im alten Teil des Bahnhofs (der zu Sowjetzeiten unter einem neuen Überbau verschwand) blieben zwar geöffnet, sind aber vergleichsweise spärlich gefüllt. Das ist auch nicht verwunderlich: Zu Gunsten der Rekonstruktion wurden die meisten Fernzüge ausgelagert. An dieser Stelle kommt wieder der Ostbahnhof ins Spiel. Denn er ist es, dem die Rolle des Ersatzmanns zukommt, der nun eingewechselt wird. 27 Züge werden vom Kursker Bahnhof hierher überführt. Sie fahren von Moskau nach Iwanowo und Nischnij Nowgorod, aber auch im Durchgangsverkehr vom Norden in den Süden und umgekehrt, also beispielsweise von St. Petersburg nach Belgorod, Wolgograd, in den Kaukasus, ans Schwarze und ans Kaspische Meer.

Bequemer Umstieg zum Stadtverkehr

Der Bahnhof vis-à-vis des Fußballstadions von Lokomotive Moskau wurde in kaum anderthalb Jahren aus dem Boden gestampft, rund um die Uhr im Zwei-Schicht-Betrieb von 300 Arbeitern aus Zentralasien. Er hat einen hohen Bahnsteig für normale Fernzüge und einen niedrigen Bahnsteig für die Expresse „Lastotsch­ka“ und „Strisch“. Die Russische Bahn hat ihn als einen der bequemsten Bahnhöfe in Europa angekündigt, die Regierungszeitung „Rossijskaja Gaseta“ machte daraus in einem Artikel gleich „einen der besten“. Komfortabel sind nicht zuletzt die Umsteigemöglichkeiten zur Metro (Station Tscherkisowskaja) und zum MZK (Lokomotiv) direkt nebenan. Deshalb spricht man der Stadt perspektivisch von einem der größten Verkehrshubs in Moskau.

Der Ostbahnhof (auf Russisch Wostotschnyj Woksal) bildet zusammen mit der benachbarten Station Lokomotiv der S-Bahn-Ringlinie und der Metrostation Tscherkisowskaja künftig einen Verkehrsknotenpunkt. (Foto: Tino Künzel)

Wie die Rollen zwischen dem Ostbahnhof und dem Kursker Bahnhof verteilt werden, wenn Letzterer nach Abschluss seiner Rekonstruktion in ein paar Jahren wieder voll genutzt werden kann, ist wohl noch nicht endgültig entschieden. Es dürfte auch davon abhängen, wie Moskaus neuester Bahnhof angenommen wird.

Tino Künzel

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