Myschkin: Zu Besuch in der guten, alten Zeit

Die Kleinstadt Myschkin ist weit genug weg von Moskau, dass der stressgeplagte Moskauer schon auf der Fahrt dorthin jegliche Hektik hinter sich lässt. Und nah genug, dass sie sich als Wochenendausflugsziel eignet. Unser Autor Ilja Brustein erzählt, warum diese Landpartie einer Zeitreise gleicht. Und wie ein ganzer Ort Mäuschen spielt.

Die holprige Landstraße endet abrupt an der Wolga. Vom rechten Ufer führt keine Brücke hinüber nach Myschkin am linken. Wer aus Moskau kommt, muss erst einmal Geduld aufbringen und auf die nächste Fähre warten.

Die Stadt der Mäuse aus der Luft: Mausgrau ist sie jedenfalls nicht. © Informations- und Tourismuszentrum der Stadt Myschkin

Myschkin hat kaum 6000 Einwohner. 1777 wurde dem Ort von Katharina der Großen das Stadtrecht verliehen, aber über weite Teile des 20. Jahrhunderts war er nur ein Dorf. Gelegen ungefähr 300  Kilometer nördlich von Moskau und 100 Kilometer westlich von Jaroslawl, fühlt er sich mit seinen vielen Holzhäusern und unbefestigten Straßen, auf denen das Nutzvieh mit dem wenigen Verkehr um die Vorfahrt streitet, auch heute eher dörflich an. Großstadtmenschen landen hier unvermittelt in einer anderen Welt, ja in einem anderen Jahrhundert.

Stadtbild wie anno dazumal

1910 war Sergej Prokudin-Gorskij, der berühmte Pionier der Farbfotografie, in Myschkin. Wer seine historischen Aufnahmen mit dem Bild vergleicht, das sich dem Besucher heute bietet, der ist überrascht, wie wenig sich seitdem verändert hat. Myschkin trägt immer noch viele Züge, wie sie Städte an der Wolga in der Zarenzeit auszeichneten. Damals war der Ort ein wichtiges Handelszentrum. Heute lebt er von der Landwirtschaft und vom Handwerk, von der Fischerei und zunehmend vom Tourismus. Beginnend mit den 90er Jahren wurde er stark für den Fremdenverkehr ausgebaut. Gäste aus nah und fern erwarten neben der Landidylle auch prächtige Bauten wie zwei imposante Kathedralen, die viel zu groß zu sein scheinen für die Kleinstadt. Die Nikolaus-Kathedrale entstand von 1766 bis 1837, die Mariä-Himmelsfahrt-Kathedrale von 1805 bis 1820.

Ein relativ neuer Anziehungspunkt für Touristen und Einheimische ist die erst vor Kurzem angelegte Promenade am Steilufer der Wolga. Von hier bietet sich ein bezaubernder Blick über den Fluss zu umliegenden Wäldern, Wiesen, Feldern und Dörfern. Aber zu sehen gibt es noch viel mehr: Über den Ort verteilt sind ein Dutzend Museen und mehrere Kunstgalerien.

Ein Ruhestörer als Lebensretter

Myschkin bedeutet in der deutschen Übersetzung „vom Mäuschen“. Wie die Mäusestadt zu ihrem Namen kam, ist umstritten. Der Legende nach hatte sich ein russischer Fürst nach einem ermüdenden Jagdtag am Wolga-Ufer zur Ruhe gelegt, als ihm ein Mäuschen übers Gesicht lief. Der dadurch aus dem Schlaf Gerissene war zunächst verärgert. Doch dann bemerkte er eine Giftschlange, die sich seinem Nachtlager näherte und eine tödliche Gefahr darstellte. Das kleine Mäuschen hatte den mächtigen Fürsten also gerade noch rechtzeitig aufgeschreckt und ihm so das Leben gerettet. Zum Dank ließ er an der Stelle eine Kapelle mit einem Wachhäuschen errichten und legte damit den Grundstein für die spätere Stadt.

Die Mausdichte in Myschkin ist hoch. © Tino Künzel

Vor Mäusen ist heutzutage in Myschkin kein Entrinnen. Als Souvenirs sind sie fast schon auf Schritt und Tritt präsent. Eine Maus schmückt das Stadtwappen. Dem Wahrzeichen des Ortes ist auch ein „Mäusepalast“ gewidmet, wo der „Zar“ der Mäuse und seine Gemahlin residieren und auf humorvolle Weise über alles Wissenswerte rund um die Mausexistenz aufklären.

Das zweimalige Mäusemuseum

Und dann ist da noch das „einzige Mäusemuseum der Welt“. Dort sind hunderte Mäuse aus Ton, Wolle, Holz, Metall, Glas, Gummi und anderen Stoffen ausgestellt. Weltweit einmalig, wie von den Betreibern dieser Touristenattraktion vollmundig behauptet, ist die 1991 eröffnete Einrichtung allerdings nicht. Denn dann müsste man ja das „Mauseum“ in Deutschland unterschlagen, wo der Mediziner Prof. Dr. Gynter Mödder seit 1975 seine private Sammlung mit heute 4500 Exponaten zeigt. Vor vier Jahren ist es von Bergheim bei Köln an die Ostsee nach Eckernförde umgezogen. Es handele sich um das „erste und bedeutendste Mäusemuseum nördlich des Südpols“, eine „Mischung aus Blödsinn und Tiefsinn“, heißt es auf der Webseite.

Während das Mäusemuseum in Myschkin  von einem privaten Verein betrieben wird, ist der 2008 eingeweihte „Mäusepalast“ in städtischer Hand. Und die Stadt hat auch dafür gesorgt, dass es in der Residenz „menschelt“. In der Stadt gebe es drei Laien-Theatergruppen, sagt Ljubow Petschkina, die Chefredakteurin der Lokalzeitung. „Und so kamen die Stadtväter auf die Idee, diese Darsteller in Mauskostüme schlüpfen und Besuchern allerlei wahre und märchenhafte Geschichten über Mäuse und deren Rolle im Leben von Myschkin erzählen zu lassen. So können sie einerseits ihrem Hobby nachgehen und sich andererseits etwas dazuverdienen.“

Filzstiefel für Zar und Vaterland

„Gott und die Menschen sahen, wie leidenschaftlich ich liebte: Barfuß, ohne Filzstiefel, lief ich im Winter zu meinem Geliebten.“ So geht ein bekanntes russisches Volkslied. In Myschkin muss im Winter niemand barfuß laufen, und sei er noch so verliebt. Nicht umsonst bezeichnet sich das Wolga-Städtchen als „Filzstiefel-Hauptstadt Russlands“.

Glaubt man den Fremdenführern vor Ort, so hat auch der letzte russische Zar Nikolaus II. Walenki, also Filzstiefel, aus Myschkin getragen. „Unsere Stiefel sind so bekannt, weil sie nur aus Schurwolle der Romanow-Schafe hergestellt werden. Diese Rasse ist sehr selten und wertvoll“, erklärt Walentina Iwanowa als Chefin des lokalen Filzstiefel-Werks.

Mit seiner Produktion hält es unter anderem die Füße von Reitern, Ski- und Schlittschuhläufern, Jägern und Anglern warm, die maßgeschneidert bedient werden. Nicht zu vergessen auch Tanzwütige. Die in Myschkin entwickelten Disco-Filzstiefel haben eine extradicke Sohle und sind besonders stabil. Damit werde die Disco sogar in unbeheizten Räumen zum Vergnügen, so die Werksleiterin.

Um für die eigenen Erzeugnisse die Werbetrommel zu rühren, wurde vor einigen Jahren in Myschkin ein Filzstiefel-Museum gegründet. Dort können nicht nur alle möglichen Walenki bestaunt werden, sondern auch die Maschinen und das Werkzeug dazu. Außerdem erfahren Neugierige, wie in Russland aus alten Filzstiefeln kurioses Spielzeug gemacht wird.

Myschkin bietet Freizeitmöglichkeiten mindestens für ein ganzes Wochenende. Und das praktisch zu jeder Jahreszeit. © Tino Künzel

Im Myschkiner Handwerksmuseum mit einer Schmiede- und einer Töpferwerkstatt können Besucher den Handwerkern über die Schulter schauen und auch selbst mit anpacken. Das Heimatmuseum ist das traditionsreichste aller Museen in der Stadt: Es existiert bereits seit 1966. Die Geschichte der Stadt wird hier anhand von Alltagsgegenständen, Arbeitsgeräten, einer Oldtimer-Sammlung sowie der Wohnung und des Ladens eines Kaufmanns aus dem 19. Jahrhundert illustriert. Das Museum hat vier ebenfalls sehenswerte Außenstellen in den Dörfern Martynowo, Utschma, Кirjanowo und Archangelskoje.

Anreise per Auto, Bus, Bahn oder Schiff

Myschkin ist mit verschiedenen Verkehrsmitteln zu erreichen. Wer sich für das Auto entscheidet, der nimmt ab Moskau die M-8 nach Jaroslawl und biegt entweder in Sergijew-Possad oder Rostow Welikij nach links Richtung Uglitsch ab. In Uglitsch besteht dann auch die Wahl, die Fahrt entweder am linken oder rechten Wolga-Ufer fortzusetzen.

Direktverbindungen von Moskau nach Myschkin bietet das Busunternehmen Nordexpress an. Deren Kleinbusse von der Moskauer Metrostation Botanischer Garten nach Rybinsk halten an der Fähre über die Wolga. Die Fahrzeit beträgt zwischen vier und fünf Stunden.

Entspannt und buchstäblich im Schlaf nach Mysch­kin gelangt man mit dem  Nachtzug von Moskau nach Rybinsk. Außerhalb der Saison verkehrt er allerdings nur freitags. Abfahrt ist 21.08 Uhr vom Weißrussischen Bahnhof, die Ankunft an der Station Wolga um 8.08 Uhr. Von dort sind es noch 20  Kilometer per Bus. Zurück geht es am Sonntagabend.

Viel für sich hat es auch, Mysch­kin im Rahmen einer Wolga-Kreuzfahrt zu besuchen. Hier legen zahlreiche Schiffe in Richtung Jaros­lawl, St. Petersburg oder auch Kasan an.

Ilja Brustein

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