Müll und Eis: Die Plagen von St. Petersburg

Straßen voller Müll und Bürgersteige glatt wie Schlitterbahnen. Das neue Jahr hielt für die Petersburger unangenehme Überraschungen bereit. Gouverneur Alexander Beglow steht unter Druck. Rücktrittsforderungen werden laut.

St. Petersburg versank zu Jahresbeginn im Müll. (Foto: vk.com/spbneoreg)

Den Jahresbeginn hatten sich die Einwohnerinnen und Einwohner von St. Petersburg sicher anders vorgestellt. Berge aus Plastiktüten prägten das museale Stadtbild der Metropole. Mittlerweile ist zumindest das Zentrum weitgehend vom Müll befreit. Doch in den Außenbezirken türmt sich weiterhin der Abfall. Seit Neujahr hatten sich bei der Stadtregierung über 1500 Personen über nicht abgeholten Abfall beschwert. In den sozialen Medien posteten verärgerte Einwohner Fotos von überfüllten Müllablagestellen und richteten sich dabei mit Hashtags an Gouverneur Alexander Beglow. Der Lokalheld und Musiker Sergej Schnurow schrieb sogar einen Song dazu und nannte seine Heimatstadt darin satirisch ein „Drecksloch“.

Hintergrund der Krise ist der Stolperstart einer Abfallreform, welche zum ersten Januar in Kraft trat. Die Stadt sieht die Verantwortung beim neu beauftragten Abfallunternehmen NEO. Das hätte seine Arbeit nicht ordentlich gemacht und würde mit einer Verwaltungsstrafe belegt, heißt es von Seiten der Stadtverwaltung. Für Ilja Dolmatow ist das eine Ausrede. Der Direktor des Instituts für Wirtschaft und Regulierung von Infrastrukturindustrien der Higher School of Economics ist überzeugt, dass auch die Stadt geschlampt hat. Den Hauptgrund für die missliche Lage sieht er in der unzulänglichen Vorbereitung auf das neue System.

Neuer Anbieter ist überfordert

„Die Verfügbarkeit und das Volumen der Container auf den Höfen wurde nicht gründlich überprüft und die Anzahl der benötigten Fahrzeuge nicht korrekt berechnet“, erklärte er gegenüber der MDZ. Sowohl der regionale Betreiber als auch die Behörden der Stadt seien gleichermaßen für die Probleme verantwortlich, so Dolmatow weiter. Doch Besserung ist in Sicht. „Ich denke, Anfang Februar wird das Problem der Müllabfuhr in der gesamten Stadt gelöst sein“, prognostiziert der Experte. Ende gut, alles gut? Leider nein, denn St. Petersburg wird neben dem Müll noch von einer weiteren Unannehmlichkeit geplagt.

Alle Jahre wieder überzieht eine Schneedecke die Stadt an der Newa. Was sie auf den ersten Blick nur noch schöner macht, als sie ohnehin schon ist, bereitet ihren Bewohnern immer wieder Schwierigkeiten. Probleme mit der Räumung von Straßen und Gehwegen gibt es schon länger. Doch diesen Winter ist die Situation besonders drastisch.

Zugefrorene Gehwege und gefährliche Eiszapfen, die von den Hausdächern hängen, prägen das Stadtbild. Gerade älteren oder gehbehinderten Menschen bereiten diese Umstände große Schwierigkeiten. Wer kann, bleibt zuhause. Und das nicht ohne Grund. Ärzte aus Petersburger Krankenhäusern erklärten gegenüber der Wochenzeitung „Nascha Wersija“, dass seit zehn Jahren nicht mehr so viele Patienten mit Sturzverletzungen eingeliefert wurden.

Die Einwohner schreiten selbst zur Tat

Auch hier sieht Dolmatow die Stadt in der Pflicht. Unzureichende Mittel für Personal und Spezialausrüstung seien die Ursache der schlechten Schnee- und Eisbeseitigung. Viele Bewohner der Stadt sehen das ähnlich und üben, teilweise mit einem Augenzwinkern, Kritik. So sieht man in den sozialen Medien Videos von Menschen, die auf dem Eis mit Schlittschuhen zur Arbeit fahren. Auf graue Schneehaufen, die sich an den Straßenrändern sammeln, wurde die Aufschrift „Beglow-Berge“ gesprüht.

Es werden aber auch ernstere Stimmen laut. So fordern bereits über 31 000 Personen per Online-Petition den Rücktritt Be­glows. Die Wahrscheinlichkeit dafür hält Dolmatow allerdings für „sehr gering“. Auch der Gouverneur selbst denkt nicht daran. „Wir werden die Stadt definitiv sauberer und besser machen“, verspricht er gegenüber der Nachrichtenagentur RIA Nowosti und ruft die Menschen in der Stadt zu Geduld auf. Unterdessen nehmen die Petersburger die Arbeit der Behörden in die Hand und bestreuen die Bürgersteige selbst. Warten auf die Stadt wollen sie offensichtlich nicht mehr.

Emil Herrmann

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